Frankfurt - Da standen sie dann schließlich nach der Jubelfeier mit den 7.000 mitgekommen Fans glücklich vor den Reportern: Marcel Heller und Jan Rosenthal, die beiden ehemaligen Frankfurter im Trikot des SV Darmstadt 98, zeigten aber auch in der Stunde dieses "besonderen Sieges" keinen Anfall von Übermut.

Dabei bedeutet dieser 1:0-Derbysieg im ersten Bundesligatreffen der hessischen Nachbarn nach 33 Jahren nicht nur für die zwei ehemaligen Eintracht-Profis viel. Mit nun schon 18 Punkten steht der Aufsteiger, den vor der Saison die meisten Experten als sicheren Abstiegskandidaten eingestuft hatten, nun wieder im gesicherten Mittelfeld - und stürzte nebenbei den Rivalen aus Frankfurt (14 Zähler) noch tiefer in den Abstiegssumpf.

Doch auch im Moment des vielleicht bisher schönsten Erfolges seit der Rückkehr in die Bundesliga, behielt Trainer Dirk Schuster das ganz große Ziel der Lilien in dieser Saison im Auge: "Wir wollen im Mai über dem Strick sein - wo dann die Eintracht dann steht, ist mir egal", sagte Schuster.

Schuster "mächtig stolz"

Nach zuletzt fünf Spielen ohne Sieg kam der Erfolg zur rechten Zeit. Schuster sei immer ruhig geblieben in der Phase ohne Erfolge, erzählte Mittelstürmer Sandro Wagner, der für zwei ackerte und fast jedes Duell gewann. Die Darmstädter kamen mit großem Einsatz relativ einfach zu einem Sieg, der Schuster "mächtig stolz" machte (Stimmen zum Spiel). Von ihrer taktischen Ausrichtung wichen die Lilien keine Sekunde des Spiels ab.

Gerechnet hätten sie mit der Verunsicherung des Gegners, so der Trainer. Und die disziplinierten und einsatzfreudigen Spieler setzten den Plan des Trainers perfekt um: Durch ihre pausenlosen Störaktionen ließen die Darmstädter das Spiel des Gegners planlos aussehen. Hier war ein Team am Werk, das sich gegenseitig anfeuerte und jeder für jeden rannte, als ginge es alles und noch viel mehr. Einen solchen Teamfußball, einen solchen Zusammenhalt habe er noch nicht erlebt, erzählte Jan Rosenthal, 29, der ja auch schon in Hannover, Freiburg und Frankfurt im Profifußball aktiv war.

"In Freiburg war es ähnlich, da haben wir vielleicht ein bisschen mehr Fußball gespielt. Dieser Zusammenhalt hier aber hat eine einmalige Ausprägung", sagte Rosenthal. Der eminent fleißige Mittelfeldspieler Jerome Gondorf ergänzte: "Wir sind ein ekliger Gegner für andere Mannschaften, aber uns nur darauf zu reduzieren, trifft es auch nicht mehr." Wobei: Die Grundtugenden sind nach wie vor die Stärke dieser Einheit, die Kontermöglichkeiten in der zweiten Hälfte hätte man schon besser zu Ende spielen können, wie nicht nur Trainer Schuster aufgefallen war.

Verbissene Standardspezialisten

Und die Gefährlichkeit bei Standardsituationen ist eine weiteres Plus dieser trotzigen Elf. Keine Mannschaft in der Liga trifft häufiger nach Standardsituationen wie diese Darmstädter, insgesamt schon 15 Mal schlug es nach Ecken oder Freistößen im gegnerischen Kasten ein (Topdaten zum Spiel). Und kein Innenverteidiger in der Liga schaffte schon vier Tore wie Lilien-Kapitän Aytac Sulu. Auch in Frankfurt erzielte er den Siegtreffer - natürlich nach einer Freistoßflanke von Tobias Kempe per Kopf (30.).

Nach 15 Spieltagen stehen die Darmstädter richtig gut da, und manchem Konkurrenten beschleicht langsam aber sicher das Gefühl: Hier ist eine Mannschaft und ein Trainer am Werk, die sich mit aller Macht gegen den Abstieg stemmen. Den Weg, den Aufsteiger wie Paderborn und Fürth in der jüngsten Vergangenheit gegangen sind (ein Jahr oben mitspielen und dann wieder wie vorhergesagt absteigen), wollen sie in Darmstadt nicht gehen.

Dirk Schuster ist ein Trainer, der mehr aus dieser Mannschaft herauszuholen vermag, als diese womöglich selbst geglaubt hat. Der Trainer hole schon drei Jahre hier 110 Prozent aus dem Kader, sagte Rosenthal. Jetzt gelte es aus den verbleibenden Spielen gegen Hertha BSC und zum Vorrundenabschluss in Gladbach noch drei Punkte zu holen - das sei dann die halbe Miete, meint Rosenthal. Dirk Schuster, so viel ist sicher, wird keine Sekunde nachlassen, die Mannschaft an ihre Grenzen und ein bisschen darüber hinaus zu führen.

Aus Frankfurt berichtet Tobias Schächter