Stuttgart - So ändern sich die Zeiten. Drei Jahre ist es her, als Martin Harnik den SV Werder Bremen verließ, um sein Glück woanders zu suchen. Und wenn man ihn jetzt nach dem klaren gegen seinen Ex-Arbeitgeber dort bei den Stuttgarter Fans feiern sieht, dann muss man sagen: Der Österreicher hat es gefunden.

Wieder einmal hatte Harnik in den 90 Minuten zuvor doppelt getroffen, es waren bereits die Saisontore 16 und 17 für den 24-Jährigen, der sich derzeit wohl in seiner bislang besten Karrierephase befindet. Da waren Harniks Rufe auf dem Zaun der Fankurve angebracht. "Europapokal, Europapokal", schrie er ins Mikrofon.

Es waren exakt 57 Minuten gespielt, als zum ersten Mal die "La Ola" durch das weite Rund der Mercedes-Benz-Arena schwappte. 3:1 führte der VfB zu diesem Zeitpunkt und präsentierte den 59.000 Zuschauern dabei eine Leistung, die den Schwaben vor gut acht Wochen beinahe niemand ernsthaft zugetraut hätte. Seitdem ist viel passiert im Schwabenland. Neun Spiele lang ist die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia mittlerweile ungeschlagen und hat in den bisher 14 Spielen der Rückrunde sage und schreibe 36 Treffer erzielt. Beeindruckende Zahlen, der VfB liegt in der Formtabelle der letzten fünf Partien auf Rang 1.

Labbadia kann sich nicht mehr bremsen



Kein Wunder, dass die Verantwortlichen des VfB am Freitagabend vor Zufriedenheit beinahe zu platzen schienen. "Ich halte mich sonst zurück. Aber das war ein richtig schön geiles Spiel der Mannschaft", sagte Labbadia. Sportdirektor Fredi Bobic war "stolz" auf die Spieler: "Sie haben heute noch einen draufgesetzt und eine erneute souveräne Leistung gezeigt." Das Ergebnis der zuletzt imponierenden Darbietungen: Platz 5 in der Tabelle gefestigt, den Platz also, der direkt zur Teilnahme an der attraktiven Europa League berechtigt.

Es herrscht endlich wieder Euphorie im Schwäbischen. "Que sera, sera - die Schwaben sind wieder da!", sangen die Fans und zelebrierten einen Abend, der an glorreiche Zeiten erinnerte. Das Umfeld scheint sich nun endlich frei gemacht zu haben von all den bösen Geistern der schlimmen Vorsaison, als man nur durch einen außerordentlichen Kraftakt den Abstieg verhinderte. Die Mannschaft strotzt vor Selbstvertrauen, nur so ist es zu erklären, dass gegen Bremen bereits zum vierten Mal in Folge ein Rückstand in einen Sieg verwandelt werden konnte.

Erfolgreich - und schön anzuschauen



"Dass ich bereits 17 Tore geschossen habe, ist für mich nicht so wichtig wie der Blick auf die Tabelle, und der macht zurzeit einfach nur Spaß", sagte Goalgetter Harnik. Und in der Tat ist so, dass der VfB derzeit nicht mehr Fußball "arbeitet", sondern ihn regelrecht zelebriert. Das ist schön anzuschauen und kommt an bei den ansonsten gerne nörgelnden Schwaben-Fans.

Großen Verdienst an den jüngsten Erfolgen haben die Verantwortlichen. Trainer Labbadia ist es in den vergangenen Wochen gelungen, seine Wunschvorstellung von modernem Fußball auf den Rasen zu übertragen. So kamen die Bremer Abwehrspieler so gut wie nie zum Durchatmen, immer wieder initiierten die Stuttgarter angeführt von Regisseur Tamas Hajnal ein formidables Pressing. Aggressiv, mutig, entschlossen - so lauten die Schlüsselworte des VfB-Erfolgs. Hinzu kommt eine ausgeprägte Fitness, die es dem VfB ermöglicht, bis Spielende höchstes Tempo zu gehen.

Ibisevic & Co. schlagen ein



Großen Anteil am Aufschwung haben auch die Stuttgarter Neuzugänge. Sturmführer Vedad Ibisevic, gegen Bremen nach acht Toren in elf Einsätzen für den VfB erfolglos, den japanischen Senkrechtstarter Gotoku Sakai, dazu Taktgeber William Kvist oder Ideengeber Hajnal - sie alle sind Volltreffer von Manager Bobic und das Resultat eines durchdachten und intensiv betriebenen Scouting-Systems. Vorbei die Zeiten von teuren Stareinkäufen - Lust, Talent und Charakter heißen jetzt die ausschlaggebenden Kriterien bei der Spielersuche.

Das alles zusammen macht Stuttgart so erfolgreich. Und die Anhänger so euphorisch, dass diese am Freitagabend auf dem Nachhauseweg sogar von Platz 4 und der Champions League träumten. Das aber käme einem Wunder gleich. Und diese können wohl nicht einmal Labbadia und Co. vollbringen.

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer