Neuseelands neuer Nationalheld war nicht mehr zu halten. Winston Reid sprintete in Richtung Fankurve, riss sich sein Trikot vom Leib und schwenkte das weiße Hemd der "All Whites" durch die Luft.

Mit seinem Kopfballtor in der dritten und letzten Minute der Nachspielzeit hatte der Abwehrspieler den "Kiwis" bei der WM in Südafrika das 1:1 (0:0) im ersten Spiel der Gruppe F gegen die Slowakei gesichert und seinem Land exakt 28 Jahre nach der WM-Premiere den ersten WM-Punkt beschert. Mit der Last-Minute-Aktion glich er den Treffer des früheren Nürnbergers Robert Vittek (50.) aus.

Von Dänemark nach Neuseeland

"Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich habe den Ball auf mich zukommen sehen und einfach den Kopf hingehalten", sagte der 21 Jahre alte Reid. Gerne auch nahm er in Kauf, dass er fürs Entkleiden die Gelbe Karte sah. "Es war die Karte wert", sagte Reid, der als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Dänemark übergesiedelt war und dort seit 2005 für den Erstligisten Midtjylland spielt. Noch im März hatte er auch sein 15. Junioren-Länderspiel für Dänemark bestritten, dann entschied er sich, für Neuseeland aufzulaufen.

"Ich habe gerne für Dänemark gespielt, aber ich habe in Neuseeland gewohnt, bis ich zehn, elf Jahre alt war. Fast meine ganze Familie wohnt noch dort, und ich reise jedes Jahr nach Hause. Es fühlte sich deshalb richtig an, sich so zu entscheiden", erklärte Reid seinen kurzfristigen Wechsel. Nach einem Gespräch mit Trainer Ricki Herbert hatte er außerdem das Gefühl, dass dieser ihn sicher mit zur WM nehmen würde. "Und so eine WM ist ja auch eine gute Sache für die Karriere", sagte Reid.

"Beste Resultat unserer Geschichte"

Auch Trainer Herbert schwebte auf Wolke sieben: "Das ist großartig. Das Ergebnis könnte nicht besser sein. Es ist das beste Resultat unserer Geschichte", sagte Herbert. Der 49-Jährige war den Tränen nahe. Er war bei Neuseelands zuvor einziger WM-Teilnahme 1982 in Spanien als Spieler dabei. Im ersten WM-Spiel gegen Schottland (2:5) saß der junge Heißsporn allerdings damals tieftraurig auf der Bank. Nach der Vorrunde fuhren die Kiwis mit drei Niederlagen heim. "Unser Land hat heute Grund zu feiern", mutmaßte Herbert.

Mit diebischer Freude blickten die "Kiwis" auf die Tabelle der Gruppe F, in der alle Mannschaften mit einem Punkt gleichauf liegen. "Alle haben sie die gleichen Chancen aufs Achtelfinale", beteuerte Herbert. In seinem nächsten Spiel trifft Neuseeland in Nelspruit am Sonntag auf den Weltmeister Italien (16 Uhr/ARD und Sky live) - für die Slowakei geht es am gleichen Tag in Bloemfontein gegen Paraguay (13.30 Uhr/ARD und Sky live).

Tragische Slowaken

Die Slowaken schlichen wie begossene Pudel vom Feld. Trainer Vladimir Weiss verfolgte die letzten Momente des Spiels mit fahlem Gesicht auf der Bank. "Das ist eine kleine sportliche Tragödie für uns", sagte Weiss: "Wir waren das bessere Team, haben aber unsere Chancen nicht genutzt." In der Tat blieb der WM-Debütant, bei dem sich der ehemalige Club-Profi Vittek (2003 bis 2008) nur verhalten über seinen historischen Treffer freute, ein wenig hinter den Erwartungen zurück.

Außerdemn fühlten sich die Slowaken wohl zu sicher. "Wir hatten nie das Gefühl, dass Neuseeland noch ein Tor schießen könnte", sagte Stanislav Sestak vom VfL Bochum und ergänzte: "In der Nachspielzeit das Tor zu bekommen, ist bitter. Es fühlt sich an wie eine Niederlage."