Zusammenfassung

  • Im Exklusiv-Interview erklärt Daniel Ginczek seinen Wechsel vom VfB Stuttgart zum VfL Wolfsburg

  • Ginczek: "Ich möchte in der Mannschaft eine Führungsrolle einnehmen"

  • Nach mehreren Knieverletzungen will der Angreifer ein neues Kapitel aufschlagen

Wolfsburg - Vom Tabellensiebten der vergangenen Saison zum Sechzehnten – Daniel Ginczek hat den VfB Stuttgart verlassen und sich dem VfL Wolfsburg angeschlossen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de erklärt der Stürmer, warum dieser Wechsel dennoch keine Verschlechterung ist, er spricht über sein Bild vom VfL und darüber, wie ihn seine schweren Verletzungen verändert haben.

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bundesliga.de: Herr Ginczek, würde man nur schwarz-weiß malen, müsste man wohl feststellen: "Wer vom Tabellensiebten zum Sechzehnten wechselt, der hat etwas falsch gemacht". Aber es gibt wohl auch Grautöne...

Daniel Ginczek: Wir haben beim VfB eine sehr gute Saison gespielt und wären beinahe noch mit der Europa-League-Qualifikation belohnt worden. Deshalb sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätte ich mich verschlechtert. Aber tatsächlich gab es gute Gründe für den Wechsel. Mit der Verpflichtung von Mario Gomez hat sich mein Stellenwert beim VfB verändert. Deshalb habe ich für mich entschieden, dass ich mich sportlich verändern und eine neue Herausforderung annehmen möchte.

"Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte ich mich verschlechtert. Aber tatsächlich gab es gute Gründe für den Wechsel." Daniel Ginczek

bundesliga.de: Haben Sie mit Mario Gomez über den VfL gesprochen oder vielleicht mit Christian Gentner, auch wenn dessen VfL-Zeit bereits einige Jahre zurückliegt?

Ginczek: Zunächst nicht, weil ich im Urlaub war und zu dieser Zeit keinen Kontakt zu den Jungs hatte. Während der WM habe ich aber mit Mario geschrieben. Er hat noch einmal versucht mich umzustimmen, aber meine Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. Mit "Gente" habe ich ebenfalls erst danach geschrieben. Er hat mich an unseren neuen Sportdirektor, Marcel Schäfer, verwiesen, zu dem er noch einen sehr guten Draht hat. 

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bundesliga.de: Wie haben Sie den VfL in der Vergangenheit wahrgenommen?

Ginczek: Zunächst einmal erinnere ich mich sehr gut, dass es nie einfach war, gegen den VfL zu spielen. Mein Eindruck war stets, dass der Kader deutlich besser war, als es der Tabellenplatz scheinbar zum Ausdruck brachte. Und ich habe mich oft gewundert, warum der VfL nicht deutlich höher in der Tabelle angesiedelt ist.

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bundesliga.de: Und wie nehmen Sie den Club nun wahr?

Ginczek: Die Rahmen- und Arbeitsbedingungen sind hier herausragend. Das beweist schon die Tatsache, dass wir nicht ins Trainingslager gereist sind, sondern die Vorbereitung in Wolfsburg absolviert haben. Und auch unser Kader macht auf mich einen sehr guten Eindruck.

bundesliga.de: Ist nach den beiden vergangenen Jahren Verunsicherung zu spüren, oder herrscht Aufbruchsstimmung?

Ginczek: Zwei solche Jahre hinterlassen Spuren. Das merkt man vor allem dann, wenn man von einem Verein kommt, bei dem es zuletzt gut gelaufen ist. In gewisser Weise ist ja auch der Trainer noch neu, weil er erst jetzt die Möglichkeit hat, die Mannschaft nach seinen Vorstellungen vorzubereiten. Deshalb ist es richtig, nicht mit zu hohen Zielen in die neue Saison zu gehen. Wir wollen in der kommenden Saison besser abschneiden als in den beiden vergangenen Spielzeiten und dann nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. das wird schwer genug, denn die anderen Mannschaften wollen das auch. Ich erwarte jedenfalls eine heftige Saison mit vielen engen Spielen.

Daniel Ginczek:
Daniel Ginczek: "Ich erwarte eine heftige Saison mit vielen engen Spielen." © imago / Christian Schroedter

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die bisherige Vorbereitung?

Ginczek: Nach fünf Wochen Vorbereitung scheint mir die Mannschaft deutlich gefestigter als zu Beginn. Natürlich ist noch nicht alles perfekt, kann es auch gar nicht sein. Wir arbeiten jeden Tag daran und haben häufig Videobesprechungen, um die Testspiele und das Training zu analysieren. Aber jeder ist froh, wenn nun bald gegen Elversberg im Pokal das erste K.o.-Spiel ansteht, in dem es schon richtig um etwas geht. Und noch heißer ist jeder auf den Bundesliga-Start.

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bundesliga.de: Sie haben in Ihrer Karriere viel erlebt, haben viele Vereine kennengelernt und mussten schwere Verletzungen hinnehmen. Wie können Sie mit diesen Erfahrungen gerade auch jüngeren Spielern helfen?

Ginczek: Ich möchte in der Mannschaft eine Führungsrolle einnehmen und versuchen, den jungen Spielern mit meiner Erfahrung gerade dann zu helfen, wenn auch mal Rückschläge kommen. Wenn man das eine oder andere Spiel auf der Bank sitzt oder vielleicht nicht einmal im Kader ist. Das kann für die Jüngeren, die in der Jugend immer gespielt haben, schwierig sein. Eine solche Situation kennen sie noch nicht, und manch einer lässt sich dann vielleicht auch mal hängen. Dann sind die Älteren gefragt, die Jungs wieder mit ins Boot zu nehmen. Denn jeder wird gebraucht, wenn im Laufe einer Saison Verletzungen, Sperren oder schlechtere Phasen kommen.

"Ich möchte in der Mannschaft eine Führungsrolle einnehmen und versuchen, den jungen Spielern mit meiner Erfahrung gerade dann zu helfen, wenn auch mal Rückschläge kommen" Daniel Ginczek

bundesliga.de: Ihnen ist 2014 im rechten, 2016 im linken Knie das Kreuzband gerissen. Was macht das mit einem Menschen, der gesunde Knie braucht, um seinen Beruf ausüben zu können?

Ginczek: Beim ersten Mal sagt man sich noch "Einmal ist kein Mal". Der zweite Kreuzbandriss hat mich dann aber extrem getroffen. Ich war nach einer anderen langwierigen Verletzung gerade erst zurück, und dann reißt mir im Training das Band auf der anderen Seite. 

bundesliga.de: Wie gelingt es nach einem solchen Rückschlag wieder nach vorne zu schauen?

Ginczek: In der Reha lernt man viele Leute kennen, die dieses Schicksal teilen. Man versucht dann sich gegenseitig Mut zu machen. In dieser Zeit habe ich viel gelernt. In Zeiten, in denen man verletzungsfrei ist und es gut läuft, in denen man spielt und vielleicht sogar trifft, kommen viele und klopfen dir auf die Schulter. Dann sollte man sich an die bitteren Zeiten erinnern, in denen sich außer den Menschen in deinem Verein, außer deinen Freunden und deiner Familie niemand für dich interessiert.

Quiz: Wie gut kennst du den VfL Wolfsburg?

bundesliga.de: Das klingt bitter.

Ginczek: So ist der Fußball. Die meisten Leute interessiert nur, welche Leistung du bringst, wenn du am Wochenende auf dem Platz stehst. Das zu verstehen, verändert Dich als Mensch. Deshalb versuche ich heute, einfach nur jeden Tag zu genießen. Fußball spielen können wir alle, sonst wären wir nicht da, wo wir sind. Das Wichtigste aber ist die Gesundheit.

bundesliga.de: Die man aber nur bedingt beeinflussen kann...

Ginczek: Richtig. Trotzdem kann man einiges dafür tun, dass man so oft wie möglich auf dem Platz steht. Man kann sich richtig ernähren, man kann Übungen im Kraftraum machen, vor dem Training und auch danach. Profi muss man 24 Stunden am Tag sein. Ich gebe zu, dass mir das vor meinen Verletzungen noch nicht gelungen war.

In 67 Bundesliga-Spielen kommt Ginczek auf 20 Treffer © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Oliver Hardt

bundesliga.de: Wird man nach solch schweren Verletzungen wieder ganz der Alte, oder ist die Angst nun immer dabei?

Ginczek: Würde ich mit Angst auf den Platz gehen, könnte ich keine Leistung bringen. Natürlich hat es Situationen gegeben, etwa bei Pressschlägen, wo man im ersten Moment gedacht hat "Jetzt ist das Knie wieder kaputt!". Davon muss man sich lösen und muss Vertrauen in seinen Körper haben. Ohnehin kann ich weder wissen noch beeinflussen, was in einem halben Jahr vielleicht passiert. Hier und jetzt kann ich aber alles dafür tun, meine Leistung auf den Rasen zu bringen und darüber dann glücklich zu sein.

Das Interview führte Andreas Kötter.