Köln - Der VfL Wolfsburg hat unter dem neuen Trainer Andries Jonker die Trendwende geschafft und aus den letzten drei Partien sieben Punkte geholt. Trotzdem stecken die Wölfe weiterhin mitten im Abstiegskampf. Vor dem wichtigen Spiel bei Bayer 04 Leverkusen in zehn Tagen spricht Daniel Didavi im Interview mit bundesliga.de über seine Comeback-Qualitäten und seine eigenen Erfahrungen im sportlichen Überlebenskampf.

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bundesliga.de: Daniel Didavi, das letzte Spiel gegen Darmstadt 98 haben Sie verpasst. Daher die Einstiegsfrage: Wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder fit?

Daniel Didavi: Ja, die Grippe ist überstanden. Ich werde in den nächsten Tagen wieder ganz normal ins Training einsteigen.

bundesliga.de: In dieser Saison haben Sie erst elf Partien absolviert und oft gefehlt. Wie meistern Sie immer wieder diese Rückschläge?

Didavi: Die Situation ist nicht neu für mich. Ich habe leider eine längere Leidensgeschichte gehabt. Irgendwann habe ich mein Denken umgestellt und komme immer mit positiven Gedanken zurück. Das hilft mir in solchen Situationen.

bundesliga.de: Wenn Sie nach Verletzungspausen zurück aufs Feld kommen, brauchen Sie keine lange Eingewöhnungszeit und sind Sie meistens sofort schon wieder mit Toren und Assists ein wichtiger Faktor. Wie machen Sie das? Wie blenden Sie die Unsicherheit aus?

Didavi: Stimmt, ich bin nach meinen Pausen immer direkt wieder konkurrenzfähig. Woran es genau liegt, weiß ich auch nicht. Ich bin einer, der den Fußball liebt und positiv denkt. Da ist mir egal, ob es die Bundesliga ist oder es auf den Bolzplatz zum Kicken geht. Es ist bitter, wenn man so lange nicht Fußball spielen kann. Ich bin dann immer heiß darauf. Wenn ich wieder spielen kann, kommen mir keine Gedanken wie: Hoffentlich passiert jetzt nichts. Sobald ich keine Schmerzen mehr verspüre, will ich kicken. Ich bin ein Straßenfußballer und brauche nicht viel Zeit, um das Ballgefühl zurückzubekommen. Ich bin gleich wieder da.

bundesliga.de: Wie fällt Ihre Zwischenbilanz nach Ihrem Wechsel im Sommer zu den Wölfen aus?

Didavi: Sie ist durchwachsen. Als ich nach Wolfsburg gekommen bin, habe ich andere Ziele gehabt. Das ist klar. Eine gewisse Unzufriedenheit ist natürlich da. Aber die ist auch gut, denn man will jetzt an der Situation etwas ändern. Das sieht man in der Mannschaft und im ganzen Verein. Ein Umbruch ist da, wir haben einen neuen Trainer. Gegen Darmstadt haben wir eine Euphorie in Wolfsburg gesehen, die lange nicht da war. Es geht wieder in die richtige Richtung. Nun liegt es an der Mannschaft, den Schwung weiter mitzunehmen. Über unser Potenzial brauchen wir gar nicht zu reden. In Wolfsburg ist einiges möglich.

bundesliga.de: Sie sind selbst Abstiegskampf-erprobt und haben diese Situationen schon häufiger erlebt. Wie wichtig ist es, die Nerven zu behalten?

Didavi: Sehr wichtig. Ich habe im Abstiegskampf schon viel erlebt, es ging in beide Richtungen. Im Abstiegskampf hat man einen ganz anderen Druck, als im Bundesliga-Alltag oder wenn man um die Europa League oder Champions League spielt. Im Abstiegskampf geht es um Arbeitsplätze in den Vereinen. Das habe ich in Stuttgart erlebt. Man muss diesen Druck dann aber ausblenden, Spaß haben und mit einer gewissen Lockerheit an die Aufgaben herangehen. Sonst verkrampft man. Und das ist dann kontraproduktiv.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die aktuelle sportliche Entwicklung des VfL unter dem neuen Trainer Andries Jonker? Was zeichnet ihn aus?

Didavi: Er macht ein paar Dinge anders. Im Abstiegskampf wird immer gefordert, den Kampf anzunehmen, zu kämpfen und zu grätschen. Das gehört natürlich auch dazu. Aber Andries Jonker hat auch unser großes Potenzial betont. Er hat uns klar gemacht, was er von uns erwartet, und uns das Vertrauen in unsere eigenen Stärken zurückgegeben. Man hat dann in den Spielen Schritt für Schritt eine Entwicklung gesehen. Bei Mainz 05 hat man das schon in Ansätzen gesehen, bei RB Leipzig und gegen Darmstadt war es gut. Diese Spielweise passt sehr gut zu uns, so wollen wir unsere Punkte holen. Wenn wir das Woche für Woche umsetzen, werden wir zwar nicht jedes Spiel gewinnen. Aber die Chance ist sehr groß, dass wir noch viele Punkte holen werden.

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bundesliga.de: Die Wölfe haben in den letzten drei Partien sieben Punkte eingefahren, konnten sich aber im Abstiegskampf dennoch nicht entscheidend absetzen, da auch die Konkurrenz fleißig punktet. Wie nervenzehrend ist die Situation?

Didavi: Man sieht seit Jahren in der Bundesliga die Tendenz, dass es immer enger wird. Man hat Bayern München und den Rest. Der Rest rückt immer enger zusammen. In diesem Jahr ist es extrem, weil das Mittelfeld praktisch weggefallen ist. Wir haben die Spitze und unten zwei Mannschaften, die vielleicht schon etwas abgeschlagen sind. Und dann haben wir die übrigen Teams, die nur sechs Punkte auseinander liegen, aber teilweise auch noch auf die Europa-League-Plätze schauen. Es gibt viele Vereine, die in beide Richtungen gucken müssen oder den Blick noch gar nicht nach unten gerichtet haben, aber durchaus noch reinrutschen können.

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bundesliga.de: Wie etwa der nächste Gegner der Wölfe. Bayer Leverkusen liegt nur zwei Punkte vor dem VfL.

Didavi: Zum Beispiel.

bundesliga.de: Wie gehen Sie diese Partie an?

Didavi: Die Situation ist nicht einfach. Im letzten Jahr haben wir mit dem VfB Stuttgart eine Serie hingelegt und angefangen, nach oben zu schauen. Und dann haben wir sieben Spiele in Folge verloren. Das ist in der Bundesliga immer möglich. Die Situation ändert sich von Woche zu Woche. Wir schauen auf uns. Wir haben den Abstiegskampf seit Wochen angenommen und jetzt endlich auch die Ergebnisse erzielt, die wir auch weiter einfahren müssen. Für uns geht es in Leverkusen darum, sie zu überholen. Dafür brauchen wir einen Sieg. Und dafür werden wir hart arbeiten.

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bundesliga.de: Welche Trümpfe sprechen für den VfL im Abstiegskampf? Ist es die höhere individuelle Qualität als bei anderen Konkurrenten?

Didavi: Darauf können wir uns nicht verlassen. Das habe ich in den letzten Jahren erlebt. Wir hatten in Stuttgart auch eine höhere Qualität als andere Mannschaften. Zwei, drei Mal hat es auch geklappt, aber beim vierten Mal dann nicht mehr. Die Qualität bringt dir nichts, weil in der Bundesliga jedes Spiel - ganz egal, ob es gegen Darmstadt 98, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen geht - bei 0:0 losgeht.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski