Wolfsburg - Der VfL Wolfsburg verfügt über einen der besten Kader der Liga. Neben Spielern wie Naldo, Luiz Gustavo oder Andre Schürrle ist auch Daniel Caligiuri zum Topspieler gereift ist. So war der Deutsch-Italiener in der vergangenen Saison hinter Kevin de Bruyne nicht nur zweitbester Spieler des VfL, sondern einer der besten Feldspieler der Liga. Vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen spricht Caliguiri über seine beeindruckende Entwicklung, den letzten Gegner Bayern und den nächsten Bayer 04 sowie über etwaige Nationalmannschaftsambitionen.

bundesliga.de: Herr Caligiuri, in der Saison 2014/15 waren Sie hinter Kevin de Bruyne nicht nur der zweitbeste Feldspieler des VfL, sondern der siebtbeste der Liga überhaupt. Kennen Sie diese Zahlen und bedeuten Sie Ihnen etwas?

Daniel Caligiuri: Ich habe das am Ende der vergangenen Saison auch gesehen und würde lügen, würde ich behaupten, dass mich das nicht gefreut hat. Es ist wirklich gut für mich gelaufen und auch aktuell kann ich mit meiner Leistung zufrieden sein.

"Nur so kann man den Trainer überzeugen"

bundesliga.de: Sie spielen, nicht weil es keine, sondern obwohl es hochkarätige Alternativen gibt wie Schürrle oder Draxler. Woher nehmen Sie das notwendige Selbstvertrauen?

Caligiuri: Wir verfügen über fünf, sechs herausragende Offensivkräfte, und jeder dieser Spieler hat das Zeug, ein Spiel zu entscheiden. Deshalb ist es wichtig, dass man an sich selbst und an die eigenen Stärken glaubt. Nur so gelingt es, diese Stärken auf den Platz zu bringen und den Trainer zu überzeugen.

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bundesliga.de: Ihr Weg zum Profi hat nicht über die Behütetheit eines Nachwuchsleistungszentrum geführt, sondern über lange, einsame Bahnfahrten zum weit entfernten Trainingsplatz. Hat das eine Rolle gespielt bei der Charakterbildung?

Caligiuri: Ich wollte in die Fußstapfen meines älteren Bruders Marco treten und ebenfalls unbedingt Fußball-Profi werden. Deshalb habe ich diese Umstände gerne auf mich genommen. Das war zwar nicht immer ein leichter Weg. Aber nicht zuletzt dank der Unterstützung meiner Eltern ist es doch ein erfolgreicher Weg geworden.

"Von Frust würde ich nicht sprechen"

bundesliga.de: Haben Sie das Gefühl, dass man ohne den ganz großen Namen mehr leisten muss als die Stars, um dasselbe zu erreichen?

Caligiuri: Das mag sein. Es ist nicht immer einfach, wenn du spürst, dass viel über andere gesprochen oder geschrieben wird, du selbst aber erst an zweiter, dritter oder vierter Stelle genannt wirst. Letztlich geht es darum, wie sehr du bei dir selbst bist und ob du mit dir im Reinen bist.

bundesliga.de: In Darmstadt standen Sie zum ersten Mal seit sieben Spielen nicht in der Startaufstellung, haben aber nur drei Minuten nach Ihrer Einwechslung das Siegtor erzielt. Auch wenn es eher eine Frage für einen Psychologen sein mag: Ist das Zufall, oder verleiht der Frust ganz besondere Kräfte

Caligiuri: Von Frust würde ich nicht sprechen. Aber wenn man sieben Spiele und davon viele über 90 Minuten gemacht hat, möchte man, dass es so weiter geht. Eine kleine Pause kann aber auch ganz gut tun. Im Übrigen zeigt das Darmstadt-Spiel vor allem, dass der VfL eine sehr große Qualität im Kader hat, die Spiele auch von der Bank aus entscheiden kann. In diesem Fall war ich es eben, der das entscheidende Tor erzielt hat - wobei ich betonen möchte, dass dieser Treffer von Max Kruse sehr gut vorbereitet wurde.

bundesliga.de: Teamkameraden sind oft auch Konkurrenten. Umso schöner waren die Bilder beim verlorenen Pokal-Spiel gegen den FC Bayern, als André Schürrle und Sie sich nach Spielschluss gegenseitig trösteten...

Caligiuri: Wie mit allen anderen Spielern verstehe ich mich auch mit André hervorragend. Selbstverständlich versucht jeder den Trainer davon zu überzeugen, dass er und nicht der Konkurrent in der Startaufstellung stehen sollte. Das muss auch so sein, wir sind Profis. Aber Neid oder Missgunst gibt es bei uns nicht. Am Ende geht es darum, das Beste für den VfL zu erreichen. Und das gelingt nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

"Bayern spielt in einer anderen Liga"

bundesliga.de: In diesem Spiel wie zuvor schon in der Liga hatte der VfL gegen die Münchner keine Chance. Ist der FC Bayern in der Form der vergangenen Wochen nicht zu schlagen?

Caligiuri: Man muss zugeben, dass die Bayern aktuell in einer anderen Liga zu spielen scheinen. Sie haben eine überragende individuelle Qualität und ein fantastisches Positionsspiel und stellen zurzeit wahrscheinlich das beste Team Europas. Aber bei aller Klasse muss man auch sehen, dass wir im Pokal in der ersten Halbzeit kaum Gegenwehr geleistet und nicht dagegen gehalten haben. Wir haben nicht kompakt gestanden, wir sind die Gegenspieler nicht mit Tempo angelaufen und haben es den Bayern so recht einfach gemacht.

bundesliga.de: Kamerad und Konkurrent - das kennen Sie bereits aus der eigenen Familie. Ihr vier Jahre älterer Bruder Marco schaffte als erster den Schritt in den Profi-Fußball. Mittlerweile aber hat der „kleine“ Bruder ihn überholt...

Caligiuri: Natürlich wurde damals viel über meinen Bruder geredet (schmunzelt). Aber wie meine Eltern es immer getan haben, hat auch Marco mich stets toll unterstützt in meinem Wunsch es ihm nachzumachen. Nur mit dieser Unterstützung konnte es mir gelingen in seine Fußstapfen zu treten. Heute kann man - wenn man die Liga als Maßstab nimmt - sagen, dass ich eine Stufe über meinem Bruder stehe, weil er in der 2. Liga bei der SpVgg Greuther Fürth spielt und ich für den VfL in der Bundesliga. An unserem Verhältnis aber hat das überhaupt nichts geändert. Und auch heute noch gibt Marco mir wertvolle Tipps.

bundesliga.de: Marco hat in Fürth gerade bis 2018 verlängert, Sie stehen beim VfL bis 2017 im Wort. Für eine gemeinsame Zukunft bei einem Profi-Klub läuft allmählich die Zeit davon...

Caligiuri: Man weiß zwar nie, was der Profi-Fußball bringt. Ganz realistisch betrachtet glaube ich aber nicht mehr an die Chance, dass das noch klappt. Wenn überhaupt wird es wohl erst bei den Alten Herren so weit sein, dass wir vielleicht doch noch zusammen in einer Elf auflaufen (lacht).

bundesliga.de: Definitiv eine Chance gibt es, dass Sie im fortgeschrittenen Profi-Alter noch deutscher oder italienischer Nationalspieler werden, da ihre Mutter Deutsche, der Vater Italiener ist; steht da der Familienfrieden auf dem Spiel?

Caligiuri: Nein, da mache ich mir keine Sorgen. Natürlich redet man darüber, aber meine Eltern würden mich nie in eine Richtung drängen. Und ich selbst warte einfach ab, ob überhaupt noch einmal ein Angebot kommt. Sollten wirklich beide Verbände noch einmal auf mich zukommen, müsste ich sicherlich noch einmal sehr genau nachdenken.

"Bayer hat eine tolle Truppe, keine Frage"

bundesliga.de: Beinahe hätte es mit Italien geklappt, Trainer Antonio Conte hatte Sie kürzlich ins Trainingslager der Squadra Azzurra eingeladen...

Caligiuri: Das stimmt. Im Mai war ich in den vorläufigen Kader für die beiden Länderspiele gegen Kroatien und Portugal eingeladen und vier Tage im Trainingslager der italienischen Nationalmannschaft. Da ich für den endgültigen Kader aber nicht nominiert wurde und dementsprechend auch noch kein Länderspiel absolviert habe, könnte ich noch immer für beide Länder spielen. Warten wir einfach ab, was passiert.

bundesliga.de: Ohnehin steht jetzt erst einmal Bayer 04 vor der Tür: Wolfsburg, 18 Punkte, empfängt Leverkusen, 17 Punkte - das klingt nach einem Duell auf Augenhöhe...

Caligiuri: Das ist es auch. Wie wir auch, möchte Leverkusen oben mitspielen und einen Champions League-Platz erreichen. Eine erste Halbzeit wie im Pokal gegen Bayern München dürfen wir uns am Samstag auf gar keinen Fall erlauben. Wir müssen von der ersten Minute an präsent sein und dagegen halten. Gelingt das, bin ich überzeugt, dass wir unsere Heimstärke weiter ausbauen werden.

bundesliga.de: Sind Sie ein wenig beeindruckt von den Spektakeln, die Bayer zuletzt gegen Rom und Stuttgart geboten hat?

Caligiuri: Bayer hat eine tolle Truppe, keine Frage. Und gerade nach vorne verfügt das Team über enorme Qualität. In den beiden genannten Spielen hat man aber auch gesehen, dass die Mannschaft defensiv nicht immer sicher steht. Da müssen wir ansetzen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter