Köln - Hannover 96 hat nach der starken Hinrunde auch zum Auftakt in die zweite Saisonheälfte überrascht und bei Eintracht Frankfurt einen deutlichen 3:0-Sieg eingefahren und, begünstigt durch die Niederlagen von Bayer Leverkusen und dem 1. FSV Mainz 05, den 2. Tabellenplatz erobert.

Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de nennt der ehemalige 96-Stürmer und momentane Talent-Scout der "Roten",Dieter Schatzschneider, die Gründe für den Erfolg der Niedersachsen, blickt auf die kommende Partie gegen den FC Schalke 04 voraus und erklärt, warum diese Saison vollkommen ungewöhnlich ist.

bundesliga.de: Hannover hat zum Rückrundenauftakt bei Eintracht Frankfurt mit 3:0 gewonnen und damit die gute Leistung aus der Hinrunde bestätigt. Wie schätzen Sie die Mannschaft ein?

Dieter Schatzschneider: Ich war überrascht, wie stark wir aus den Startlöchern gekommen sind. Allerdings muss man das relativieren, da die Frankfurter in der Abwehr große Probleme hatten. In der Viererkette sind viele Stammkräfte ausgefallen. Aber trotzdem muss ich sagen, dass die Mannschaft einen sehr fitten Eindruck gemacht hat. Insgesamt finde ich, dass wir verdient gewonnen haben, auch in der Höhe. Das war ein sehr starkes Spiel von uns.

bundesliga.de: Warum waren Sie überrascht?

Schatzschneider: Überrascht kann man eigentlich nicht sagen. Ich habe ein paar Eindrücke aus der Hinrunde, die sind ganz okay. Dass wir nicht immer auf diesem Niveau spielen werden und wir auch mal wieder einen Einbruch haben werden, ist klar. Aber insgesamt ist das eine Saison, in der wir uns weiterentwickelt haben, besonders die Mannschaft zusammen mit dem Trainer. Dazu sind viele Talente in den Fokus gerückt. Ich weiß nicht, ob wir international spielen werden, das ist hier in Hannover ja gerade die große Frage. Ich weiß nur eins: Es ist eine ruhige, schöne Saison, gerade nach dem vergangenen Jahr für Hannover. Und wenn wir diese Spielzeit mit einem einstelligen Tabellenplatz abschließen, egal mit welchem, sind wir alle in Hannover hochzufrieden.

bundesliga.de: Ist es aktuell eine besondere Genugtuung für die Mannschaft und den Verein, dass es so gut läuft? Gerade wegen der Schwierigkeiten im vergangenen Jahr?

Schatzschneider: Letztes Jahr ist ja alles Glück der Welt an Hannover vorbeigegangen. Dieses Jahr scheint ein Teil dieses Glücks wieder zurück gekommen zu sein. Es wird aber auch mit einer neuen Philosophie gearbeitet. Wir versuchen nicht mehr, mit gestandenen teuren Spielern zu arbeiten, sondern wir arbeiten mit jungen Spielern, geben ihnen eine Chance, aus der dann jeder das Beste machen kann. Den Mut zu haben, junge Spieler zu bringen – wie Ron-Robert Zieler in Frankfurt – davon halte ich sehr viel. Der hat sogar direkt eine außergewöhnlich gute Leistung gebracht.

bundesliga.de: Jetzt haben Sie gerade schon die jungen Spieler angesprochen. Jung oder alt außen vor: Die Neuzugänge wie Mohammed Abdellaoue, Manuel Schmiedebach und Emanuel Pogatetz haben sich in dieser Saison besonders gut integriert. Welcher Anteil am Erfolg kommt damit der Scouting-Abteilung zu Gute?

Schatzschneider: Jeder möchte immer gerne am Erfolg teilhaben. Das ist ja auch in Ordnung. Doch wir haben drei starke Leute, die alles entscheiden müssen. Das ist Präsident Martin Kind, Sportdirekt Jörg Schmadtke und Trainer Mirko Slomka. Und alle anderen drum herum, ob das die Scouting-Abteilung ist, die Medien-Abteilung – wer auch immer – alle müssen diesen drei Mann zuarbeiten. Das ist das Wichtigste. Wenn das kapiert wird, dass es nur darum geht, die Mannschaft auf dem Platz bestmöglich vorbereitet zu haben, dann hat jeder seine Arbeit erfolgreich getan. Man sagt ja oft, dass Erfolg viele Väter hat, aber das möchte ich nicht tun. Bei uns ist alles auf drei Namen reduziert und das finde ich persönlich sehr gut.

bundesliga.de: Aber dennoch muss man sagen, dass die Scouting-Abteilung einen ganz guten Riecher zu haben scheint.

Schatzschneider: Absolut. Das ist sicherlich auch dem Mut von Jörg Schmadtke und Mirko Slomka zu verdanken, dass wir in dieser Situation sind, dass wir junge Spieler für dieses hohe Niveau Bundesliga ausbilden können und dass die auch eingeschlagen haben. Sicherlich ist Emanuel Pogatetz ein sehr wichtiger Einkauf, der fußballerisch vielleicht nicht der brillanteste Techniker ist, aber von der Ausstrahlung her, der Persönlichkeit einer der besten Transfers der vergangenen Jahre.

bundesliga.de: Wie kommt es denn, dass Hannover trotz der zahlreichen jungen Spieler so erfolgreich ist? Das ist ja nicht unbedingt die Regel.

Schatzschneider: Das ist nicht die Regel, aber ich denke: Die Mischung macht's! Wir haben ja ein paar gestandene Profis wie Steven Cherundolo, Karim Haggui, Christian Schulz oder Sergio Pinto. Es gibt innerhalb der Mannschaft eine klare Hierarchie, in der jeder für den Erfolg des Teams arbeitet – und das hat sich wirklich geändert: Es ist ein echtes Team geworden, in dem jeder für den anderen ackert. Abdellaoue zum Beispiel: Der war in der Hinrunde körperlich nicht so fit. Aber wenn der richtig in Form ist, wie in Frankfurt, ist das unglaublich. Der geht mit nach hinten, marschiert in die Spitze, ist torgefährlich und zweikampfstark. Das ist das, was die Mannschaft ausmacht, dass jeder bereit ist, für den anderen zu arbeiten. Über diese Situation bin ich froh. Das ist bei anderen Mannschaften auch so, Beispiel Mainz oder Dortmund. Da merkt man, dass da ein Team auf dem Platz steht.

bundesliga.de: Und in dieses Team werden die jungen nachrückenden Spieler, wie im vergangenen Jahr beispielsweise Konstantin Rausch, scheinbar mühelos integriert.

Schatzschneider: Ja, das klappt ganz gut. Allerdings muss man sagen, dass wir da ja mit den geringsten Mitteln arbeiten, gerade auch, weil wir kein Internat haben. Aber trotzdem werden auch in den nächsten Jahren wieder ein paar gute Jungs kommen. Im 1996er-Jahrgang sind ein paar richtig gute Talente dabei, aber auch in der A-Jugend. Dieses Jahr sind ja schon Willi Evseev und Christopher Avevor hochgegangen. Avevor hat als 18-Jähriger ja auch schon drei Bundesliga-Spiele gemacht. Von daher sollten wir da immer aufpassen, dass wir immer den richtigen Weg gehen und versuchen, stets ein, zwei junge Spieler ernsthaft und mit Perspektive auf die Profimannschaft mit einzubinden.

bundesliga.de: Wenn man sich die Siege von Hannover anschaut, fällt auf, dass die zumeist mit nur einem Tor Vorsprung geholt wurden. Bei acht von elf Erfolgen war das der Fall. Woher hat die Mannschaft diese Nervenstärke in solch engen Spielen?

Schatzschneider: (Lacht) Das ist mir eigentlich wurscht, ob wir 1:0 oder 3:0 gewinnen. Hauptsache die Punkte bleiben bei uns. Aber wie man im Spiel gegen die Eintracht gesehen hat, haben wir in der Defensive eine gewisse Klasse. Pogatetz ist in der Luft kaum zu schlagen. Was der in Frankfurt alles weggeputzt hat, das war schon klasse. Am Boden ist Haggui mit seiner Schnelligkeit und seiner Zweikampferfahrung sehr stark. Die passen schon alle gut zusammen. Es ist einfach höllisch schwer, gegen uns mal ein Tor zu schießen. Dazu müssen die Gegner stets aufpassen, dass nicht irgendeiner unsrer Konter mal sitzt. Wir benötigen ja nicht unzählige Chancen, um ein Tor zu machen. Das sollte man nicht vergessen. Wenn wir eine Chance haben, bedeutet das für den Gegner sofort höchste Torgefahr.

bundesliga.de: Ja, das fällt aus, dass aus den wenigen Möglichkeiten, die 96 hat, viele Tore herausspringen.

Schatzschneider: Genau, es springen viele Tore heraus, aber auf der anderen Seite ist es auch einfach sehr schwer, gegen uns ein Tor zu erzielen. Es gibt sicherlich Ausnahmen, wie zum Beispiel Borussia Dortmund, die hier ja aufgetreten sind, als wären sie schon 25 Mal Deutscher Meister. Aber auch das muss man anerkennen. Sie waren eine Klasse für sich, eindeutig besser und waren einfach die Mannschaft der Hinrunde. Da hoffe ich auch, dass die ihren Weg machen und Deutscher Meister werden, weil sie es einfach verdient haben.

bundesliga.de: Wenn der Meistertitel schon vergeben scheint, was, glauben Sie, ist denn für Hannover in dieser Saison möglich?

Schatzschneider: Möglich ist vieles. Aber ich sage, wir sollten zufrieden sein, wenn wir eine tolle Saison spielen, und die mit einem einstelligen Tabellenplatz abschließen, weil wir wirklich ein Jahr zum Vergessen hinter uns haben. Ich weiß noch, wenn ich mit unserem Präsidenten unterwegs war – was haben wir immer gezittert! In den Spielen, in denen es drauf ankam, hatte jeder von uns immer einen Bluthochdruck von 400 zu 300 und jetzt setzt du dich ins Stadion, bist total entspannt und dann spielt die Mannschaft auch noch einen tollen Fußball! Also dieses schöne Jahr haben wir uns wirklich verdient.

bundesliga.de: Ganz ungewohnt…

Schatzschneider: (lacht leicht) Ja, völlig ungewohnt.

bundesliga.de: Hätten Sie denn trotzdem einen Wunsch, was optimaler Weise rausspringen sollte am Ende?

Schatzschneider: Einen Wunsch habe ich schon: Ich denke, dass die Mannschaft weiterhin so präsent sein wird wie jetzt und dass wir es schaffen, die Mannschaft auch weiterhin gut zu verstärken. Nicht in dem Sinne, dass man einen Spieler vom Format Bastian Schweinsteiger holt, sondern dass irgendwo in der Bundesliga einer ist, der auf der Bank sitzt, gut ist aber vielleicht keine Chance hat, weil zwei vor ihm sind. Dass wir uns so einen Spieler holen und der auch gerne nach Hannover kommen und daran teilhaben möchte, dass Hannover konstant unter den ersten zehn der Liga steht, das wäre mein Wunsch. Wenn wir das erreichen, haben wir den nächsten Schritt gemacht. Nachdem wir im ersten Schritt jahrelang die Klasse gehalten haben und nicht abgestiegen sind, wäre das die nächste Stufe, dass wir konstant zu den Top 10 gehören. Das wäre eine tolle Sache.

bundesliga.de: Also wäre es auch okay, wenn es nicht zum internationalen Geschäft reichen sollte?

Schatzschneider: Ich denke schon. Ich glaube, dass hier in Hannover keiner böse sein wird, wenn wir es nicht schaffen sollten. Wenn es klappen sollte, darf man das natürlich auch gerne mitnehmen, aber wenn nicht, haben wir trotzdem eine klasse Saison gespielt.

bundesliga.de: Wie ist denn generell die Stimmung im Umfeld?

Schatzschneider: Die ist natürlich euphorisch, auch medientechnisch. Jeder träumt halt von Europa. Aber ich bin da immer vorsichtig. Wenn man so nah dran ist wie ich, kann man das letzte Jahr nicht einfach so vergessen. Man sollte schön bescheiden und demütig bleiben, denn was wir letztes Jahr mitmachen mussten, das war eine einzige Katastrophe. Dafür gibt es ja kein Handbuch. Ich denke, diese Situation haben wir gut gemeistert und jetzt sollten wir dankbar sein, dass wir für alle mal eine richtig tolle Saison spielen.

bundesliga.de: Ist dann also auch für kommenden Samstag, wenn Schalke nach Hannover kommt, eher Demut angesagt, oder wie schätzen Sie dieses Spiel ein?

Schatzschneider: Nee, was heißt Demut? Wir wollen die schlagen! Wir wollen die Punkte haben! Das sieht man auch auf dem Platz. Das muss die nächste Entwicklung der Mannschaft sein. In Nürnberg (1:3-Niederlage für Hannover, Anm. d. Red.) hat man gesehen, dass diese Einstellung nicht da war. Ich erkläre das mal an einem Beispiel: Im Moment ist die Situation in der Liga so, dass eine Mannschaft, die wirklich zu 100 Prozent zusammen hält und kämpferisch und läuferisch alles bringt, die Bayern schlagen kann. Wenn du das als Team aber nicht tust, kassierst du eine Klatsche von 1860 München. Und derzeit schwanken wir noch zwischen diesen beiden Extremen. Da müssen wir sehen, dass wir mehr nach oben zu der Bayern-Einstellung kommen. Schalke ist eine starke Mannschaft, aber auch die ist bezwingbar.

bundesliga.de: Also positiv eingestellt für Samstag.

Schatzschneider: Ja, bin ich immer. Gerade gegen Mannschaften, die hier gewinnen müssen, haben wir immer eine Chance.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig