Köln - Seine erste deutsche Meisterschaft seit Gründung der Bundesliga feierte Borussia Dortmund am Ende der Saison 1994/95. Ein Titel, der nicht vollkommen überraschend an den BVB ging. Denn zum Kader der Schwarz-Gelben gehörten Stars wie Matthias Sammer, Julio Cesar oder Andreas Möller.

Der Friese Bodo Schmidt war fast schon ein Exot im namhaften Kreis seiner Mitspieler, aber unter Trainer Ottmar Hitzfeld erkämpfte sich Schmidt einen Stammplatz in jener Dortmunder Meistersaison. Die Feiern rund um den Titel sind für den heute 43-Jährigen unvergessen: "Das war sicherlich mein intensivstes Erlebnis im Profi-Fußball."

bundesliga.de: Guten Tag Herr Schmidt. Wohin hat es Sie nach 16 Jahren Profi-Fußball verschlagen?

Bodo Schmidt: Nachdem es das Fußballgeschäft mit sich bringt, häufig seinen Wohnort zu wechseln, bin ich mittlerweile mit meiner Frau und unseren zwei Kindern sesshaft geworden. Wir wohnen in Niebüll, nahe der dänischen Grenze, ganz im Norden Schleswig-Holsteins. In dem Ort bin ich auch groß geworden.

bundesliga.de: Und da lassen Sie sich nun als Ex-Profi die Seeluft um die Nase wehen und legen die Beine hoch?

Schmidt: Überhaupt nicht. Das wäre nichts für mich. Nach dem Ende meiner aktiven Laufbahn 2005 habe ich eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert. Meine Frau ist ebenfalls Physiotherapeutin und hatte ihre Ausbildung bereits während meiner Dortmunder Zeit (1991 - 1996, d. Red.) abgeschlossen. Wir arbeiten selbstständig in unserer Praxis "Vital Physiotherapie Tanja Schmidt-Grimm" in Niebüll.

bundesliga.de: Dem Fußball haben Sie ganz den Rücken gekehrt?

Schmidt: Nein, nicht ganz. Ich trainiere die erste Mannschaft der SV Frisia Risum-Lindholm.

bundesliga.de: Aha.

Schmidt: Sagt Ihnen das nichts?

bundesliga.de: Nicht direkt, nein.

Schmidt: Wir spielen in der Verbandsliga Nord-West und stehen da immerhin im oberen Drittel. Der Verein stammt aus einer kleinen Gemeinde nur 5km von unserem Wohnort entfernt. Das ist ein super Ausgleich zu meiner Arbeit in der Praxis. Vom Profi-Fußball sind wir natürlich weit entfernt. Wir trainieren beispielsweise nur zweimal in der Woche.

bundesliga.de: Reizt es Sie denn, noch einmal in den Profisport zurück zu kehren?

Schmidt: Man soll ja nie "nie" sagen, aber im Moment ist das sehr weit weg. Ich habe auch keine Fußball-Lehrer-Lizenz. Erste oder zweite Liga käme damit eigentlich schon nicht mehr in Frage. Außerdem bin ich bei Frisia sehr zufrieden. Das ist ein toller Verein und ich trainiere eine super Mannschaft. Natürlich ist man auch als Trainer ehrgeizig und möchte möglichst viel erreichen, aber im Moment gibt es da keine Pläne.

bundesliga.de: Während ihrer aktiven Karriere haben Sie für einige Vereine gespielt. Liegt Ihnen einer Ihrer Clubs noch besonders am Herzen?

Schmidt: Ich habe zweifellos meine schönste und auch sportlich erfolgreichste Zeit beim BVB erlebt. Es war eine sehr intensive Zeit. Da bleibt dann schon einiges hängen und man verfolgt, was im Verein passiert. Mit "Susi" Zorc und Teddy de Beer sind zwei meiner ehemaligen Mitspieler mittlerweile im operativen Bereich tätig und machen einen richtig guten Job.

bundesliga.de: Wie haben Sie denn die aktuelle Entscheidung im Meisterkampf miterlebt?

Schmidt: Die Entscheidung selber gar nicht, weil wir zeitgleich auch gespielt haben. Nach dem Spiel haben meine Spieler ihre Handys gezückt und in der Kabine wusste ich dann sehr schnell, dass Dortmund Meister ist.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die heutige Mannschaft im Vergleich zu Ihrer Meistermannschaft von 1995 ein?

Schmidt: Die Mannschaften kann man schlecht miteinander vergleichen. Wir waren seit 1992 immer mindestens Vierter geworden und man hatte uns durchaus auf dem Zettel. Viele unserer Spieler waren im besten oder sogar schon im reifen Alter. Kein Vergleich zu der jungen Mannschaft von heute. Sammer, Möller, Zorc, Cesar, Riedle - alles gestandene Spieler. Wer hätte denn in diesem Jahr vor der Saison gesagt, dass die Dortmunder um den Titel spielen? Deshalb habe ich auch sehr großen Respekt vor der Leistung von Jürgen Klopp und seiner Mannschaft.

bundesliga.de: Was war für Sie der Schlüssel zum diesjährigen Erfolg?

Schmidt: Die meisten Leute schwärmen immer vom Dortmunder Offensivspiel, aber mich hat vor allem ihre Kompaktheit in der Defensive beeindruckt. Sie haben es über die gesamte Saison geschafft, dem Gegner überhaupt keine Räume zu bieten und ihn nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Dass ihr schnelles Umschaltspiel auch schön anzuschauen ist, möchte ich auch gar nicht bezweifeln, aber ohne diese starke Defensivleistung wäre es nicht möglich.

bundesliga.de: Sie kamen 1991 aus der Regionalliga von der SpVgg Unterhaching zu Borussia Dortmund. Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Schmidt: Nachdem Dortmund auf mich aufmerksam geworden war, nahm ich einige Tage am Training teil. Damals war noch Horst Köppel Trainer, aber es war schon klar, dass zur Saison 1991/92 jemand anderes auf der Bank sitzen würde. Geholt wurde ich als Ergänzungsspieler. Damals gab es ja noch eine Ausländerbegrenzung in der Bundesliga und der BvB suchte einen deutschen Defensivspieler. Ich werde nie vergessen, wie der damalige Manager Michael Meier bei der Vertragsunterschrift zu mir sagte: "Diese Unterschrift ist mehr als ein Arbeitsvertrag. Dieser Verein lässt einen nicht mehr los."

bundesliga.de: Hat er recht behalten?

Schmidt: Absolut. Zunächst denkt man sich: "Naja, der erzählt jetzt vielleicht ein bisschen was". Aber wenn man die Fußballverrücktheit in Dortmund erlebt, dann gibt es dazu kaum eine Steigerung. Wo wir gerade bei Michael Meier sind, möchte ich gerne noch eine Lanze für ihn brechen: Für meine Begriffe kommt er in Dortmund und den Medien immer viel zu schlecht weg. Die Leistungen von Gerd Niebaum und ihm werden häufig heruntergespielt und es bleibt nur die finanzielle Situation haften. Ich kann Ihnen aber versichern, dass der BVB ohne Meier niemals so erfolgreich gewesen wäre.

bundesliga.de: Ein großer Erfolg war sicherlich die Meisterschaft von 1995. Die erste nach 1963. Wie haben Sie diese Saison erlebt?

Schmidt: Es war natürlich eine grandiose Saison und wir hatten auch eine tolle Mannschaft. Einer unserer Trümpfe war sicherlich unsere mentale Stärke. Wenn wir auf dem Platz standen, wussten wir: "Es muss schon viel passieren, damit wir nicht gewinnen." Durch diese Überzeugung waren wir jederzeit in der Lage, Spiele zu drehen.

bundesliga.de: Während der gesamten Saison 1994/95 gab es nur zwei Tabellenführer. Die ganze Saison war ein Zweikampf zwischen Ihnen und Werder Bremen. Die Bremer hatten Dortmund am 29. Spieltag geschlagen und die Spitze übernommen. Auch am 33. Spieltag standen sie noch oben. War die Mannschaft dennoch vom Titel überzeugt?

Schmidt: Die Bremer mussten am letzten Spieltag nach München. Da war uns schon klar, dass da was gehen könnte. Natürlich gab es auch das eine oder andere Telefonat mit den Bayern-Spielern. Viele kannten sich aus der Nationalmannschaft sehr gut und wir wollten sie natürlich noch einmal motivieren. Außerdem war Werder am Spieltag zuvor schon einige Zeit Meister, weil wir mit 2:0 in Duisburg zurücklagen. Das wir dieses Spiel noch 3:2 gewannen, war für Bremen mental sicherlich ein Schlag.

bundesliga.de: Voraussetzung für den Titel war ein Heimsieg gegen den HSV. Wie geht man mit diesem Druck um?

Schmidt: Richtig, wir hatten nur die Kleinigkeit zu erledigen, den HSV zu schlagen (lacht). Ich weiß noch genau, dass Ottmar Hitzfeld uns immer wieder eingebläut hat, uns nur auf unser Spiel zu konzentrieren. "Was in München passiert, können wir nicht beeinflussen. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, dann können wir sehen was passiert". Das war genau die richtige Einstellung.

bundesliga.de: Wie war vor diesem Spiel die Stimmung in der Stadt?

Schmidt: Es hat richtig geknistert. Alle haben dieser Meisterschaft entgegengefiebert, waren richtig hungrig auf den Titel. Der letzte lag auch schon über 30 Jahre zurück.

bundesliga.de: Und nach dem Spiel?

Schmidt: Da sind wirklich alle Dämme gebrochen. Eigentlich war alles top durchorganisiert und oberste Priorität hatte, den Innenraum frei zu halten. Eine Minute nach dem Abpfiff war das alles Makulatur und die Fans hatten den Platz gestürmt. Man musste als Spieler schon aufpassen, nicht aus Zuneigung zerrissen zu werden. Aber dieses Chaotische war eigentlich ganz gut. Überwältigende Freude kann man nicht durchorganisieren. Kurze Zeit später war der Platz wieder geräumt und uns wurde die Schale übergeben.

bundesliga.de: Wie haben sie den Titel damals gefeiert?

Schmidt: Wir haben wirklich das ganze Wochenende durchgefeiert. Als wir am Sonntag mit dem Autokorso durch Dortmund fuhren, war das überragend. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Das war sicherlich mein intensivstes Erlebnis im Profi-Fußball. Auch wenn wir 1996 die Meisterschaft verteidigen konnten, an 1995 kam das nicht mehr heran.

Das Gespräch führte Florian Reinecke