Köln - Christoph Daum gehört zu den erfolgreichsten deutschen Trainer. Mit dem VfB Stuttgart wurde der heute 61-Jährige 1992 Deutscher Meister und mit dem 1. FC Köln und Bayer Leverkusen fünf Mal Vizemeister.

Als großer Kenner des deutschen und internationalen Fußballs bewertet er im Interview mit bundesliga.de die spektakulärsten Transfers der letzten Tage und erklärt die Beweggründe von Topvereinen, Spieler auch dann abzugeben, wenn es finanziell nicht notwendig ist.

bundesliga.de: Herr Daum, sind Sie noch von einem Wechsel kurz vor Ende der Transferperiode besonders überrascht worden?

Christoph Daum: Wer seit über 30 Jahren dabei ist und in dieser Zeit 60 Transferperioden miterlebt hat, den überrascht eigentlich nichts mehr.

bundesliga.de: Gibt es einen Wechsel, auf dessen Folgen Sie besonders gespannt sind?

Daum: Das ganze Transfergeschäft ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden, selbst im Bereich von Hochpreisspielern, bei denen man sagt, dass das Risiko etwas geringer ist, weil die Spieler bekannt sind und ihr Leistungsvermögen in der Vergangenheit konstant gezeigt haben. Bei weniger bekannten Spielern und geringeren Ablösesummen ist das Risiko immer da. Wir versuchen die Risiken zu minimieren. Mein Ziel war, bei neun von zehn Transfers richitg zu liegen. Und der eine Transfer, der nicht einschlägt, darf nicht der teuerste sein.

"Draxler ist einer der hochtalentiertesten Spieler"

bundesliga.de: Ist ein Verein ohnmächtig, wenn einer seiner Spieler unbedingt wechseln will? Oder ist es ratsam, auf den Vertrag zu pochen?

Daum: Das muss man von Fall zu Fall bewerten. Man kann nicht generell sagen: "Reisende soll man nicht aufhalten". Es ist ein Business. In manchen Situationen kann man noch rechtzeitig reagieren und entsprechenden Ersatz besorgen. Aber manchmal ist es auch so, dass man keine Möglichkeiten mehr hat und unvorbereitet vom Wechselwunsch eines Spielers auf dem falschen Bein erwischt wird. Man muss sich das sehr gut überlegen. Vor zwei Jahren hat Borussia Dortmund seinen Stürmer Robert Lewandowski nicht ziehen lassen. Das hat den Verein rund 25 Millionen durch die entgangene Ablösesummer gekostet. Das ist kein kleiner Betrag. Aber wer kann sich das leisten? Es gibt wenig Vereine, die sich leisten können, ganz rigoros Transfers zu untersagen. In der Bundesliga gibt es 17 abgebende Vereine und nur einen, der nicht abgeben muss.

bundesliga.de: Aber der VfL Wolfsburg ist beispielsweise finanziell so gut aufgestellt, dass er einen Spieler wie Kevin De Bruyne aus finanziellen Gründen nicht abgeben müsste. Was sind dann die Gründe?

Daum: Auf der einen Seite muss man ganz klar den Willensgedanken sehen. Ein Spieler, der solche Angebote hat, weckt Begehrlichkeiten innerhalb des eigenen Vereins. Man ist bereit, in einem adäquaten Rahmen Gehaltsanpassungen vorzunehmen. Aber hier geht es um eine Größenordnung, in der das gesamte Gehaltsgefüge in einem Verein durcheinander gebracht wird. Die anderen Spieler sagen erst: "Das ist für uns ein Schlüsselspieler, der kann verdienen, was er will." Aber longterm gesehen führt das zu einer Spannung innerhalb der Mannschaft. Der Verein muss überlegen, inwieweit er die Ungleichheiten innerhalb der Bezahlung aushalten kann. Und bei De Bruyne ging es um einen sehr großen Unterschied. Er hätte ein Vielfaches von anderen Leistunsgträgern gekostet. Dann geht die Erwartungshaltung hoch nach dem Motto: "Wenn er so viel verdient, muss er auch so viel besser sein und mehr tun." Dann wird die Stimmung in der Mannschaft - ein ganz wichtiger Faktor - so beeinträchtigt, dass die gesamte Mannschaftsleistung leidet. Deshalb sagt der Verein dann, dass die Anpassung für ihn nicht mehr darstellbar ist und gibt den Spieler ab.

bundesliga.de: De Bruyne wurde verkauft und Julian Draxler von Schalke 04 als sein Nachfolger verpflichtet. Was denken Sie über diesen Transfer?

Daum: Julian Draxler hat eine schwierige Saison hinter sich. Wenn er von Verletzungen verschont bleibt, halte ich ihn für einen der hochtalentiertesten Spieler des deutschen Fußballs. Ich bin überzeugt, dass er duch den Ortswechsel und die neue Herausforderung einen richtigen Schub bekommen wird. Er ist ein sehr guter Spieler, der sicherlich auch Schalke gut zu Gesicht gestanden hätte. Aus Wolfsburger Sicht kann ich sagen: ein sehr guter Transfer.

"Chicharito ist eine Qualitätsverbesserung "

bundesliga.de: Das Karussell drehte sich dann munter weiter. Schalke hat reagiert und Höjberg vom FC Bayern ausgeliehen.

Daum: Gucken Sie sich mal in Europa um. Chelsea hat mehr Spieler ausgeliehen, als es im Kader hat, genauso Porto. Durch das Financial Fair Play haben sich Veränderungen in den großen Vereinen ergeben. Sie können ihr Geld nicht mehr so einsetzen, dass sie mit den vielen Spielern bei Transfers wieder Einnahmen gegenrechnen können. Insofern wird es eine Tendenz in Zukunft sein, dass große Vereine eine Vielzahl von hochkarätigen Spielern haben, die immer wieder ausgeliehen werden, bis sie dann bei einem Transfer abgegeben und verrechnet werden, oder eine solche Leistungsexplosion durchlaufen, dass sie zurückgeholt werden und bei den ursprünglichen Vereinen ihre Laufbahn fortsetzen.

bundesliga.de: Lassen Sie uns zum Abschluss noch drei Namen durchgehen, deren Wechsel für Schlagzeilen gesorgt haben. Bayer Leverkusen hat Chicharito von Manchester United verpflichtet. Wir die Bundesliga durch ihn aufgewertet?

Daum: Er ist ein kleiner, quirlliger Mittelstürmer, der aktionsschnell ist. Ich habe ihn sehr gerne bei ManU gesehen. Das sollte eine Qualitätsverbesserung für Leverkusen sein. Auf der anderen Seite wird für den einen oder anderen guten Spieler, der schon im Kader ist, die Konkurrenzsituation zunehmen. Insgesamt gesehen sollte Bayer 04 in der Breite ihre Offensivmöglichkeiten enorm verbessert haben.

bundesliga.de: Der Hamburger SV hat Aaron Hunt aus Wolfsburg geholt, obwohl mit Lewis Holty bereits ein ähnlicher Typ im Kader ist. Macht der Wechsel aus Ihrer Sicht Sinn?

Daum: Ich weiß, dass Aaron Hunt vom Charakter für jede Mannschaft ein wunderbarer Spieler ist. Er ist ein Führungsspieler, sehr erfahren. Ich habe ihn vor zwei Wochen in Köln gesehen und muss sagen, dass da schon ein Unterschied zwischen dem Hunt von jetzt und dem Hunt aus seiner wirklich guten Zeit in Bremen besteht. Wenn er wieder an die Form und Leistungsstärke anknüpfen kann, dann ist er ein Volltreffer für den HSV. Aber das muss man abwarten. In Wolfsburg konnte er in letzter Zeit nicht mehr so überzeugen, wie das früher der Fall war. Ich habe von vielen Seiten gehört, dass er eine Führungspersönlichkeit ist. Dem HSV tut eine Führungspersönlichkeit gut, denn die muss man da suchen.

"Es ist gut, dass Spekulationen ein Ende haben"

bundesliga.de: Interessant werden dürfte auch, ob Vedad Ibisevic noch einmal an die Form vergangener Jahre wird anknüpfen können. Er hatte in letzter Zeit kaum Spielpraxis. Wie bewerten Sie seinen Wechsel von Stuttgart nach Berlin?

Daum: Ich sehe es nicht als Nachteil, dass er zuletzt wenig Spielpraxis hatte. Bei ihm muss man berücksichtigen, aus welcher Situation er kam. Er war verletzt, kam dann zurück in einer Situation, in der es beim Verein nicht lief. Dann ist es schwer, Impulse zu setzen. Wenn man sich seine Quote von Toren und Vorlagen anschaut, gehört er eigentlich zu den herausragenden Offensivspielern der Bundesliga der letzten Jahre. Darauf setzt die Hertha. Ich glaube, dass er Hertha helfen kann, er kann es ja nicht verlernt haben.

bundesliga.de: Wie gut tut das jetzt einem Trainer, wenn die Frist für Transfers abgelaufen ist und die Spekulationen ein Ende haben?

Daum: Das tut nicht nur den Trainern, sondern auch den Spielern, den Vereinen und den Fans gut. Jetzt ist für ein paar Monate Ruhe eingekehrt, obwohl es noch einige Verbände beispielsweise in Asien gibt, die andere Transferzeiten haben. Generell ist es für alle gut, dass sie jetzt die mannschaftliche Entwicklung mit dem Personal, das man hat, beurteilt und die Spekulationen ein Ende haben. Jetzt geht es darum, als Mannschaft die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Man kann sich jetzt wieder auf sich selbst konzentrieren.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski