Köln - Christian Wörns machte die guten Zeiten bei Borussia Dortmund (Meister 2002) ebenso mit, wie die weniger guten, die kurz darauf folgten. Er spielte als BVB-Profi viele Derbys gegen den FC Schalke 04 und war nach seinem Karriereende sogar in der Saison 2013/14 Jugendtrainer bei den Knappen. Insofern kennt er beide Vereine, wenn auch die Beziehung zur Borussia intensiver war.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der heute 42-jährige Ex-Nationalspieler (66 Länderspiele) vor dem anstehenden Revierderby (Samstag ab 15:00 Uhr im Liveticker) über die aktuelle Entwicklung der beiden Clubs in den letzten Wochen.

bundesliga.de: Herr Wörns, Sie haben im Trikot von Borussia Dortmund einige Derbys zwischen dem BVB und Schalke 04 gespielt. An welche Partien erinnern Sie sich spontan?

Christian Wörns: Es gab einige positive und negative Derbys, ständige Aufs und Abs. Einmal haben wir zuhause mit 0:4 verloren. Das war im Jahr 2000 eine ganz bittere Niederlage, die sich in meinem Gedächtnis festgesetzt hat. Wir haben Schalke aber auch im Jahr 2007, als sie kurz vor der Meisterschaft standen, am vorletzten Spieltag mit 2:0 geschlagen. Dieser Sieg ist mir noch prägend in Erinnerung geblieben.

"Die Sicherheit ist zurückgekommen"

bundesliga.de: Wenn wir nun auf das Derby im Jahr 2015 zu sprechen kommen. Schalke steht auf Platz 4 und hat zehn Punkte Vorsprung auf den BVB, der auf Rang 12 platziert ist. Ist es dennoch ein Derby auf Augenhöhe?

Wörns: Ich denke schon. Dortmund ist wieder in einer guten Verfassung. Nach den letzten Siegen ist die Sicherheit zurückgekommen. Sie sehen im Spiel gegen den Ball gut aus, aber auch mit dem Ball läuft es spielerisch wieder besser. Es fehlt noch ein bisschen die Leichtigkeit, die sie in den letzten drei, vier Jahren hatten. Aber es geht in die richtige Richtung.

bundesliga.de: Schalke fällt dagegen in der Rückrunde durch minimalistischen Fußball auf. Die Mannschaft von Roberto di Matteo hat mit vier erzielten Toren acht Punkte geholt.

Wörns: Ihre Philosophie ist, sich hinten reinzustellen und auf Konteraktionen zu setzen. Es ist schwer, gegen sie zu spielen. Schalke steht im Moment nicht für Spektakel. Dennoch wird es ein interessantes Spiel.

bundesliga.de: Wie hat Ihnen der Dortmunder Auftritt in der Champions League bei Juventus Turin gefallen?

Wörns: Ich fand, dass die Borussia einen guten Auftritt hingelegt hat. In einigen Szenen hätte die Mannschaft sicher konsequenter sein können, sowohl in der Verteidigung als auch beim Umschalten. Aber ansonsten hatte der BVB auch viele gute Phasen in dem Spiel. Da sind sie dominant aufgetreten. Dass man das gegen Juve nicht 90 Minuten durchziehen kann, liegt in der Natur der Sache. Juve ist eine Topmannschaft mit wirklich guten Einzelspielern.

"Ich glaube, dass sie noch nach oben schielen"

bundesliga.de: Der BVB hat die letzten drei Bundesliga-Spiele gewonnen und dabei zehn Tore geschossen. Ist der Druck im Abstiegskampf dadurch etwas geringer geworden?

Wörns: Man sagt in Dortmund nach außen hin zwar etwas Anderes, aber ich gehe davon aus, dass man noch einmal oben mitmischen möchte. Ich glaube, dass sie noch Richtung internationale Plätze schielen, auch wenn sie das nicht zugeben. Das muss auch der Anspruch von Borussia Dortmund sein. Und sie haben auch noch die Möglichkeiten, wenn sie eine Serie starten. Daher sind sie schon weiter unter Druck.

bundesliga.de: Diese Serie haben die Dortmunder ja schon gestartet. Bei einem Sieg gegen Schalke würde der Abstand auf die Knappen nur noch sieben Punkte betragen.

Wörns: Es ist alles noch drin. Vorne mischt auch noch eine Mannschaft wie Augsburg mit, die wirklich eine gute Saison spielt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das konstant durchhalten kann. Es liegt an Borussia Dortmund, wie viele Siege sie noch einfahren können. Ich traue es ihnen zu.

bundesliga.de: Auf der anderen Seite würde Dortmund bei einer Niederlage weiterhin im Abstiegskampf stecken.

Wörns: Es ist alles eng beisammen. Auf Sicht gesehen bin ich mir aber sicher, dass Dortmund nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird.

"Schalke ist immer gefährlich"

bundesliga.de: Schalke hat dagegen wieder mit einigen Verletzungsproblemen zu kämpfen, Teenager wie Timon Wellenreuther oder Felix Platte müssen ran. Wie stark ist diese Mannschaft einzuschätzen?

Wörns: Von den Einzelspielern hat Schalke eine gute Mannschaft. Es kommt immer auf die Philosophie des Trainers an und darauf, wie defensiv oder offensiv er die Mannschaft einstellt. Schalke ist gefährlich, weil es defensiv gut steht und immer zwei, drei Aktionen hat, die es gefährlich abschließt. Es liegt immer im Auge des Betrachters, ob ihm diese Spielweise gefällt und wie sich die Mannschaft ihre Punkte ermauert. Schalke versucht, effektiv zu spielen. Bekanntlich führen viele Wege nach Rom.

bundesliga.de: Wer gewinnt am Samstag? Wagen Sie einen Tipp?

Wörns: Für mich ist Dortmund leicht favorisiert. Wenn ich einen Tipp abgeben soll, würde ich 2:1 für Dortmund tippen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowsk