Seit 2011 Trainer des SC Freiburg: Christian Streich - 2018 DFL
Seit 2011 Trainer des SC Freiburg: Christian Streich - 2018 DFL
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Sieben Jahre Christian Streich: Ein Unikat an der Seitenlinie feiert Jubiläum

Freiburg – Anfang Dezember feierte Christian Streich ein besonderes Jubiläum. Das Duell bei Borussia Dortmund war sein 200. Bundesliga-Spiel als Trainer. Vier Wochen später kommt der nächste Meilenstein dazu: Seit sieben Jahren ist Streich nun ununterbrochen Coach des Sport-Clubs Freiburg. Der Dauerbrenner aus dem Breisgau ist damit aktuell der Bundesliga-Coach mit der längsten Amtszeit bei ein und demselben Club.

Vor genau sieben Jahren, als Streich Ende Dezember 2011 den Posten des Cheftrainers beim Sport-Club Freiburg übernahm, hätten sich wenige träumen lassen, dass der impulsive Charakterkopf auch Ende 2018 noch an der Seitenlinie stehen wird. Nun ist der Freiburger Coach der dienstälteste Übungsleiter in der höchsten deutschen Spielklasse. Dabei hatte der ehemalige Jugendtrainer immer wieder betont, wie sehr er mit dem Rampenlicht der Bundesliga fremdelt und wie kraftraubend die Arbeit im Brennglas der Öffentlichkeit sei. "Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Job noch machen möchte. Und dann mach ich doch weiter. Obwohl es mich enorm viel Kraft kostet, mentale Kraft, körperliche Kraft, psychische Kraft", erklärte Streich, der alles andere als der gewöhnliche Bundesliga-Trainer ist, noch im Sommer dem "Stern" in einem seiner seltenen großen Interviews.

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Die Arbeit mit den Medien ist eine Facette, die dem Südbadener weniger liegt, wenngleich er mit seinen Einlassungen zum tagesaktuellen Weltgeschehen auf den Pressekonferenzen deutschland-weit Kultstatus erlangen konnte. Viel mehr reizt den studierten Lehrer die Arbeit mit seinen Spielern: Mit enormer Leidenschaft und großem pädagogischem Gespür gilt Streich, der 1995 seine Trainerlaufbahn als Jugendcoach beim SC Freiburg begann, als Menschenflüsterer, der sich in seine Schützlinge hineinversetzt und in ihnen weitaus mehr als lediglich leistungsbereite Fußballer sieht. "Ich bin sehr offen mit den Jungs, wir kennen uns gut, auch wenn wir nicht unsere ganze Freizeit zusammen verbringen. In der Zeit, in der wir zusammen sind, sind wir gegenseitig offen. Das hat sicher ein bisschen was mit mir zu tun, weil ich der Meinung bin, dass das Substanz hat", betont Streich in der "Badischen Zeitung".

Seine Pressekonferenz gelten als legendär: Freiburg-Coach Christian Streich - 2018 Getty Images

Streich: "Man ist ja nicht zufällig da, wo man ist"

Gerade deshalb ist es kaum verwunderlich, dass der oft als kauzig verschriene Fußballlehrer der zweite Freiburger Cheftrainer ist, der mit dem SC 200 Bundesliga-Spiele bestreitet – vor ihm gelang das auch Freiburgs Rekordtrainer Volker Finke (340 Spiele). Die Bilanz, die Streich mit seinem Team dabei eingefahren hat, kann sich durchaus sehen lassen: Unter dem 53-Jährigen holte der Sport-Club in 204 Bundesliga-Spielen stolze 253 Punkte, er hat den besten Punkteschnitt (1,24 pro Spiel) aller Freiburger Bundesliga-Trainer. Von Streichs 204 Partien gingen nur 79 verloren (39 Prozent) – für einen Club wie den SC Freiburg ist das eine beachtliche Quote. Und noch eines verbindet ihn mit der Breisgauer Trainerlegende Finke: Sie sind die einzigen beiden Bundesliga-Trainer, die mit ihrem Club in derselben Amtszeit in die 2. Bundesliga abstiegen, wieder aufstiegen und trotzdem für 200 Bundesliga-Spiele im Sattel saßen.

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Mittlerweile hat sich Streich sogar etwas mehr daran gewöhnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. "Mit dieser öffentlichen Wahrnehmung und der Bedeutung umzugehen, ist nicht so einfach. Die Öffentlichkeit ist eine große Aufgabe. Man wird jede Woche begutachtet. Das ist ja auch toll und tut auch der Eitelkeit genüge", weiß der ehemalige Mittelfeldspieler (unter anderem Stuttgarter Kickers und SC Freiburg) im "Sky Sports News HD"-Interview um die Herausforderungen und Verlockungen des Profigeschäfts. Dennoch fühlt sich Streich als verantwortlicher Trainer beim SC Freiburg an der richtigen Stelle: "Man ist ja nicht zufällig da, wo man ist. Ich hätte ja - wenn ich das besser gefunden hätte - auch im Wald arbeiten können oder irgendwo, wo einem niemand zuschaut bei der Arbeit."

Am Spielfeldrand geht Streich äußerst emotional zur Sache - 2018 DFL

Nimmermüder Irrwisch auf den Spuren des Rehhagel-Rekords

Zuschauen musste Streich am Anfang der Saison – Rückenbeschwerden setzten ihm derart zu, dass er die ersten zwei Partien verpasste, die Freiburg beide verlor. Nach seiner Rückkehr auf die Trainerbank ging es für den Sport-Club wieder bergauf, die Breisgauer fuhren in 15 Spielen 21 Punkte ein und mussten lediglich vier weitere Niederlagen hinnehmen. Eine Heilung, die Streich und Freiburg offensichtlich gut getan hat. "Ich hatte immer wieder Rückenprobleme. Diesmal sind sie eben nicht mehr weggegangen. Vieles sind auch Folgeerscheinungen der exzessiven Fußballspielerei. Und mit 53 Jahren treten diese nun mal auf", versuchte sich der Freiburger Kulttrainer gegenüber der "Badischen Zeitung" an einer Erklärung für seine körperlichen Probleme. Jetzt setzt er zunehmend auf Yoga: "Das entspricht mir, tut mir gut. Da komme ich zur Ruhe. Ich habe keine Schmerzen mehr. Vor ein paar Wochen war das anders. Da war überhaupt nicht daran zu denken, dass ich jemandem Energie geben könnte."

Energie, die nun bereits seit 204 Bundesliga-Spielen den SC Freiburg belebt – gerade an der Seitenlinie gilt Streich als nimmermüder Irrwisch, der bei den Partien emotional mitfiebert. Insgesamt ist Streich erst der 18. Bundesliga-Trainer, der es auf 200 oder mehr Bundesliga-Spiele mit ein und demselben Verein bringt. Zuletzt gelang dies Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund, der zwischen 2008 und 2015 238 Spiele an der Seitenlinie stand. Das ist sicherlich ein Grund zu feiern, auch wenn Christian Streich das vielleicht anders sieht. Rekordhalter ist übrigens Otto Rehhagel, einst bei Werder Bremen für 493 Spiele in der Verantwortung. Dafür müsste Streich noch einige Zeit auf der Freiburger Trainerbank verbringen – auszuschließen ist das beim "kauzigen Menschenflüsterer" aus Südbaden definitiv nicht.

Thomas Reinscheid