Köln - Der SV Darmstadt 98 ist bisher die vielleicht größte positive Überraschung der Liga. Großen Anteil daran hat gerade auch Christian Mathenia. So konnte der Keeper zuletzt mit starken Paraden den Sieg der „Lilien“ bei Bayer Leverkusen sichern. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Mathenia über den kommenden Gegner, den FC Bayern München, über die Rolle von Trainer Dirk Schuster und über seinen eigenen Werdegang.

bundesliga.de: Herr Mathenia, nach vier Spielen noch ungeschlagen und - wie Tabellenführer BVB - lediglich drei Tore kassiert; müssen Sie sich selbst manchmal kneifen...

Christian Mathenia: Hinter diesen Resultaten steckt viel harte Arbeit....

bundesliga.de: ...oder ist Ihre Mannschaft so von sich überzeugt, dass sich die Überraschung in Grenzen hält?

Mathenia: Dass es so gut läuft, hätten wir uns selbst nicht träumen lassen. Aber schon beim Auftakt gegen Hannover haben wir gesehen, dass wir gegen einen Erstligisten mithalten können. Selbstverständlich sind wir mit dem Ergebnis der ersten vier Spieltage hoch zufrieden, nicht zuletzt weil man eine Entwicklung in unserem Spiel erkennen kann. Beim Sieg in Leverkusen haben wir uns mehr als zuvor darum bemüht spielerische Lösungen zu finden. Dass das längst noch nicht immer klappt, ist ganz normal.

Dirk Schuster ist ein entscheidender Faktor

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bundesliga.de: Nicht mehr überraschend ist, dass Trainer Dirk Schuster immer wieder Spieler aus dem Hut zaubert, die woanders als gescheitert galten, bei 98 aber aufblühen. Aktuell etwa Konstantin Rausch. Wie gelingt Schuster das?

Mathenia: Viele unserer Spieler haben bei ihren alten Vereinen tatsächlich kein Rolle mehr gespielt oder waren sogar vertragslos. Diese Schattenseite des Profi-Fußballs auch einmal erlebt zu haben verbindet und erdet uns. Dirk Schuster ist ein entscheidender Faktor für Darmstadt 98. Er arbeitet nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch in seiner Funktion als Sportdirektor mit großer Leidenschaft und viel Akribie. Das beweisen gerade die vergangenen Jahre. Seit er in Darmstadt ist, geht es stetig bergauf mit dem SV 98. Und ich glaube nicht, dass es ohne ihn möglich gewesen wäre, den Weg aus der dritten bzw. beinahe der vierten Liga in die Bundesliga in nur zwei Jahren zu schaffen.

bundesliga.de: Rausch ist der einzige Darmstädter, der gegen den FC Bayern München, den nächsten Gegner (zur Vorschau), schon einmal gewonnen hat. Gerade auf Sie dürfte am Samstag gewaltige Offensivpower zu rollen...

Mathenia: Damit muss ich bei dieser Weltklasse-Mannschaft wohl rechnen (lacht). Kommt dieses Team nah an seine hundert Prozent heran, wird es ganz, ganz schwer für uns. Wir haben nur dann eine Chance, wenn die Bayern keinen ganz so guten Tag erwischen und wir erneut mehr als unsere eigenen hundert Prozent abrufen können. Realistisch betrachtet gehen wir als krassester Außenseiter in diese Partie, noch weit krasser als es etwa in Leverkusen war. Aber wir haben nichts zu verlieren, und der Verein, die Fans und die Stadt haben 33 Jahre lang darauf gewartet, dass diese Partie hier endlich wieder stattfindet. Meine Vorfreude ist jedenfalls riesig.

"Angst wäre völlig fehl am Platze"

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bundesliga.de: Kann der Respekt, den man jedem Gegner entgegen bringen sollte, gegen die Bayern in lähmende Angst umkippen?

Mathenia: Auf keinen Fall. Respekt vor dem Gegner gehört - wie Sie schon sagen - für einen Sportler immer dazu, Angst wäre aber völlig fehl am Platz. Ich kenne die Jungs sehr genau. Wenn das Spiel erst einmal angepfiffen ist, wird die Nervosität schnell verflogen sein. Jeder ist dann ausschließlich auf seine Aufgabe fokussiert. Wir wollen dieses Spiel einfach nur genießen und körperlich wieder alles rausholen, was möglich ist -  so wie wir es bereits in der vergangenen Saison getan haben. Ob es dann für uns reicht, wird man am Samstag sehen.

bundesliga.de: Bayerns Top-Torhüter der vergangenen zwanzig Jahre, Oliver Kahn und Manuel Neuer, sollen Ihre Vorbilder sein...

Mathenia: Richtig. Die Mentalität von Oliver Kahn, die er stets auf den Platz gebracht hat, diese enorme Verbissenheit, hat mich immer fasziniert. Und Manuel Neuer hat das moderne Torhüterspiel wie kaum ein Zweiter geprägt.

"Mainz zu verlassen war schmerzhaft"

bundesliga.de: Bereits länger als Sie bei 98 ist Dimo Wache, der Mainzer Kult-Keeper und nun Ihr Torwarttrainer. Wie sehr hat Ihnen das geholfen?

Mathenia: Das war und ist eine sehr große Hilfe. Ich verstehe mich hervorragend mit Dimo, und ohne ihn wäre ich kaum in Darmstadt gelandet. Als es im Sommer 2014 für mich bei Mainz 05 nicht mehr richtig weiterging, hat Dimo den Kontakt hergestellt. In den Gesprächen mit den Verantwortlichen habe ich mich dann schnell sehr wohl gefühlt. Und das gesamte vergangene Jahr zeigt mir, dass dieser Wechsel der absolut richtige Schritt war.

bundesliga.de: Sie haben vor einiger Zeit in einem Interview gesagt, dass Sie eigentlich ein "Meenzer Bub" seien. Hat es zunächst sehr geschmerzt, als Sie im Sommer 2014 Mainz in Richtung Darmstadt verlassen haben?

Mathenia: Mainz ist meine Heimatstadt, dort bin ich geboren, und der 1. FSV Mainz 05 war seit frühester Kindheit mein Lieblingsverein. Deshalb war es in der Tat schmerzhaft Mainz zu verlassen. Aber mit Darmstadt 98 habe ich mir eine neue Tür geöffnet und konnte zudem in der Nähe meiner Familie und meiner Freunde bleiben.

"Halbes Jahr mit angebrochenen Handgelenken gespielt“

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bundesliga.de: Ihr Vater soll Sie während Ihrer Zeit in der Mainzer U15 zum Training gefahren und dann im Auto geschlafen haben...

Mathenia: Mein Vater ist Lastkraftwagenfahrer und hatte damals häufiger Nachtschicht. Ich selbst war noch nicht volljährig und hätte nicht gewusst, wie ich zum Training nach Mainz kommen soll, da mein Elternhaus bei Bad Kreuznach liegt. Mein Vater hat die Zeit, die ich beim Training war, dann genutzt, um vor der Arbeit wenigstens noch zwei zusätzliche Stunden Schlaf zu bekommen. Überhaupt haben meine Familie und meine Freunde sehr großen Anteil an meinem Erfolg. Ohne sie wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Denn vor allem die Zeit während meiner Kahnbeinverletzung war extrem schwierig für mich. Damals haben mich Familie und Freunde aufgefangen.

bundesliga.de: Sie haben sich damals gleich beide Handgelenke gebrochen. Wie konnte das passieren?

Mathenia: Es handelte sich in beiden Fällen um einen Ermüdungsbruch. Ich war extrem verbissen und hatte die Mentalität, dass ich bei Schmerzen lieber auf die Zähne beiße als zum Arzt zu gehen. Meine Handgelenke waren wohl bereits angebrochen. Trotzdem habe ich so noch ein halbes Jahr weiter gespielt, bis die Probleme schließlich unerträglich wurden. Aber daraus habe ich gelernt. Heute lasse ich lieber jede kleine Beschwerde vom Arzt abchecken statt noch einmal etwas zu verschleppen und es so noch schlimmer zu machen.

"Brauche keine Wellness-Oase"

bundesliga.de: Sie bezeichnen sich selbst als altmodisch. Wie äußert sich das?

Mathenia: Zum Beispiel bei der Bewertung unseres Stadions, das objektiv betrachtet in keiner Weise mithalten kann mit den Arenen der anderen Bundesligisten. Ich bin aber nicht der Typ, der ständig inmitten einer Wellness-Oase trainieren und spielen muss. Im Gegenteil - ich fühle mich im "Bölle" sehr wohl und mag gerade den altmodischen und angegriffenen Charme.

Das Gespräch führte Andreas Kötter