"Ohne meine Familie wäre ich nicht dort, wo ich heute bin", sagt Christian Mathenia - © © gettyimages / Alex Grimm
"Ohne meine Familie wäre ich nicht dort, wo ich heute bin", sagt Christian Mathenia - © © gettyimages / Alex Grimm
Bundesliga

"Hinter diesen Resultaten steckt harte Arbeit“

Köln - Der SV Darmstadt 98 ist bisher die vielleicht größte positive Überraschung der Liga. Großen Anteil daran hat gerade auch Christian Mathenia. So konnte der Keeper zuletzt mit starken Paraden den Sieg der „Lilien“ bei Bayer Leverkusen sichern. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Mathenia über den kommenden Gegner, den FC Bayern München, über die Rolle von Trainer Dirk Schuster und über seinen eigenen Werdegang.

Dirk Schuster ist ein entscheidender Faktor

bundesliga.de: Herr Mathenia, nach vier Spielen noch ungeschlagen und - wie Tabellenführer BVB - lediglich drei Tore kassiert; müssen Sie sich selbst manchmal kneifen...

Christian Mathenia: Hinter diesen Resultaten steckt viel harte Arbeit....

bundesliga.de: ...oder ist Ihre Mannschaft so von sich überzeugt, dass sich die Überraschung in Grenzen hält?

Mathenia: Dass es so gut läuft, hätten wir uns selbst nicht träumen lassen. Aber schon beim Auftakt gegen Hannover haben wir gesehen, dass wir gegen einen Erstligisten mithalten können. Selbstverständlich sind wir mit dem Ergebnis der ersten vier Spieltage hoch zufrieden, nicht zuletzt weil man eine Entwicklung in unserem Spiel erkennen kann. Beim Sieg in Leverkusen haben wir uns mehr als zuvor darum bemüht spielerische Lösungen zu finden. Dass das längst noch nicht immer klappt, ist ganz normal.

- © gettyimages / Mouhtaropoulos

"Angst wäre völlig fehl am Platze"

bundesliga.de: Nicht mehr überraschend ist, dass Trainer Dirk Schuster immer wieder Spieler aus dem Hut zaubert, die woanders als gescheitert galten, bei 98 aber aufblühen. Aktuell etwa Konstantin Rausch. Wie gelingt Schuster das?

Mathenia: Viele unserer Spieler haben bei ihren alten Vereinen tatsächlich kein Rolle mehr gespielt oder waren sogar vertragslos. Diese Schattenseite des Profi-Fußballs auch einmal erlebt zu haben verbindet und erdet uns. Dirk Schuster ist ein entscheidender Faktor für Darmstadt 98. Er arbeitet nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch in seiner Funktion als Sportdirektor mit großer Leidenschaft und viel Akribie. Das beweisen gerade die vergangenen Jahre. Seit er in Darmstadt ist, geht es stetig bergauf mit dem SV 98. Und ich glaube nicht, dass es ohne ihn möglich gewesen wäre, den Weg aus der dritten bzw. beinahe der vierten Liga in die Bundesliga in nur zwei Jahren zu schaffen.

bundesliga.de: Rausch ist der einzige Darmstädter, der gegen den FC Bayern München, den nächsten Gegner (zur Vorschau), schon einmal gewonnen hat. Gerade auf Sie dürfte am Samstag gewaltige Offensivpower zu rollen...

Mathenia: Damit muss ich bei dieser Weltklasse-Mannschaft wohl rechnen (lacht). Kommt dieses Team nah an seine hundert Prozent heran, wird es ganz, ganz schwer für uns. Wir haben nur dann eine Chance, wenn die Bayern keinen ganz so guten Tag erwischen und wir erneut mehr als unsere eigenen hundert Prozent abrufen können. Realistisch betrachtet gehen wir als krassester Außenseiter in diese Partie, noch weit krasser als es etwa in Leverkusen war. Aber wir haben nichts zu verlieren, und der Verein, die Fans und die Stadt haben 33 Jahre lang darauf gewartet, dass diese Partie hier endlich wieder stattfindet. Meine Vorfreude ist jedenfalls riesig.

- © gettyimages / Schwarz

"Brauche keine Wellness-Oase"

bundesliga.de: Ihr Vater soll Sie während Ihrer Zeit in der Mainzer U15 zum Training gefahren und dann im Auto geschlafen haben...

Mathenia: Mein Vater ist Lastkraftwagenfahrer und hatte damals häufiger Nachtschicht. Ich selbst war noch nicht volljährig und hätte nicht gewusst, wie ich zum Training nach Mainz kommen soll, da mein Elternhaus bei Bad Kreuznach liegt. Mein Vater hat die Zeit, die ich beim Training war, dann genutzt, um vor der Arbeit wenigstens noch zwei zusätzliche Stunden Schlaf zu bekommen. Überhaupt haben meine Familie und meine Freunde sehr großen Anteil an meinem Erfolg. Ohne sie wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Denn vor allem die Zeit während meiner Kahnbeinverletzung war extrem schwierig für mich. Damals haben mich Familie und Freunde aufgefangen.

bundesliga.de: Sie haben sich damals gleich beide Handgelenke gebrochen. Wie konnte das passieren?

Mathenia: Es handelte sich in beiden Fällen um einen Ermüdungsbruch. Ich war extrem verbissen und hatte die Mentalität, dass ich bei Schmerzen lieber auf die Zähne beiße als zum Arzt zu gehen. Meine Handgelenke waren wohl bereits angebrochen. Trotzdem habe ich so noch ein halbes Jahr weiter gespielt, bis die Probleme schließlich unerträglich wurden. Aber daraus habe ich gelernt. Heute lasse ich lieber jede kleine Beschwerde vom Arzt abchecken statt noch einmal etwas zu verschleppen und es so noch schlimmer zu machen.

bundesliga.de: Sie bezeichnen sich selbst als altmodisch. Wie äußert sich das?

Mathenia: Zum Beispiel bei der Bewertung unseres Stadions, das objektiv betrachtet in keiner Weise mithalten kann mit den Arenen der anderen Bundesligisten. Ich bin aber nicht der Typ, der ständig inmitten einer Wellness-Oase trainieren und spielen muss. Im Gegenteil - ich fühle mich im "Bölle" sehr wohl und mag gerade den altmodischen und angegriffenen Charme.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

- © imago / Eibner