München - Der Anspruch war eindeutig formuliert nach einer enttäuschenden Saison und einem weiteren Jahr ohne internationale Auftritte. Der Hamburger SV brauchte im Sommer 2011 dringend einen Umbruch. Bewerkstelligen sollte diesen Frank Arnesen, den der Bundesliga-"Dino" vom englischen Topclub FC Chelsea loseiste. Der neue Sportdirektor lotste in den Folgemonaten eine ganze Reihe von Talenten von den "Blues" zum HSV - hierzulande zwar größtenteils unbekannt, aber allesamt hochveranlagt.

Dennoch war die anfängliche Skepsis gegenüber den fünf von der Stamford Bridge geholten "Nobodys" greifbar. Die allgemeine Beurteilung der Neuzugänge fiel durchwachsen aus, die Hamburger galten auch angesichts des verpatzten Saisonstarts alsbald als "Chelsea II". Und das zu Unrecht, wie sich zeigen sollte. Mittlerweile sind die Importe von der Insel kaum mehr wegzudenken - ungeachtet mancher Verletzungsprobleme.

"Ich mach' einfach mein Ding"

Gerade Supertechniker Gökhan Töre dribbelte sich im Rekordtempo in die Stammelf, in die Nationalmannschaft und in die Herzen der HSV-Anhänger, die den Türken mit Abstand zum "Spieler der Hinrunde" wählten.

"Ich habe gelernt, mit dem Druck umzugehen und auch vor über 50.000 Zuschauer zu spielen. Ich mag es privat eigentlich eher ruhiger und meide die große Öffentlichkeit. Aber bei den Spielen bin ich nicht aufgeregt. Ich mach' dann einfach mein Ding", gibt sich der 20-Jährige ganz gelassen. Mit sechs Assists gehört der Mittelfeldspieler längst zu den Top-Vorbereitern und gewann dazu ligaweit die meisten Eins-gegen-Eins-Duelle (44 Prozent). Erst eine Meniskus-Verletzung stoppte seinen Höhenflug.

Bruma blüht auf

Auch im Abwehrverbund haben sich die Londoner Lehrlinge gesteigert und zu Leistungsträgern gemausert. Zum Beispiel gewann der meist im Zentrum aufgebotene Jeffrey Bruma an den ersten elf Spieltagen nur unterdurchschnittliche 58 Prozent der Zweikämpfe. Ab der 13. Runde explodierte der 20-Jährige geradezu und räumte erstaunliche 70 Prozent ab. Sogar zwei Treffer erzielte der 1,85 Meter große Nationalspieler aus den Niederlanden.

Daneben ist der nur drei Jahre ältere Slobodan Rajkovic eine Bank - und zwar von Beginn an. Der Serbe erzielte gleich bei seinem Bundesliga-Debüt am 4. Spieltag sein erstes Tor. Zudem ist seine Bilanz von 69 Prozent gewonnenen Zweikämpfen einsame Ligaspitze für einen Linksfuß.

"Hamburger Bollwerk" dank "Chelsea-Boys"

Bei den Fans kommt "Boban" aufgrund seiner ausgesprochen kompromisslosen Spielweise gut an, wurde aufgrund derselben aber auch schon am 11. Spieltag des Feldes verwiesen. Abseits des Platzes gibt sich der 1,91-Meter-Hüne dafür ganz handzahm: "Niemand muss sich vor mir fürchten, ich mache nur meinen Job."

Während Bruma und Rajkovic auf dem Weg zum neuen "Hamburger Bollwerk" sind, scheint der verletzungsgeplagte Michael Mancienne dagegen noch nicht ganz angekommen zu sein.

Sala, der Shootingstar

Wie schnell sich das aber ändern kann, demonstrierte kürzlich der fünfte "Chelsea-Schüler": Jacopo Sala. Nachdem der italienische U-21-Nationalspieler sein erstes halbes Jahr im hohen Norden fast durchweg auf der Krankenstation verbracht hatte, absolvierte der Mittelfeldspieler in der Winterpause eine starke Vorbereitung und drängte sich für den Kader auf.

Am 18. Spieltag kam der 20-Jährige endlich als "Joker" zu seinem Debüt, stand in der Woche darauf erstmals in der Startelf - und schoss am vergangenen Wochenende mit seinem Führungstreffer gegen den FC Bayern (1:1) eines der schönsten Tore des Spieltags. Zwar sind seine Zweikampfwerte (32 Prozent gewonnen) ausbaufähig, trotzdem sind Spielverständnis und taktische Disziplin des Rechtsfußes auffällig.

Fink als Förderer

Mit anderen Worten: Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, dass das Potenzial bei allen Fünf vorhanden ist - die Fortschritte sind zum Teil bemerkenswert. Trainer Thorsten Fink setzte schon in seiner Zeit als Chefcoach des FC Basel auf ambitionierte Talente. Er weiß, wie er seine "jungen Wilden" anzupacken hat, um diese von Shootingstars zu etablierten Stammkräften zu entwickeln und allmählich das Maximum herauszukitzeln.

Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, doch vielleicht bringen die Jungs von "Chelsea II" den HSV irgendwann dahin, wo sich auch das "echte" Chelsea gern bewegt - ins große internationale Geschäft.

Stefan Missy