Köln - Bernard Dietz schaffte 1970 mit 22 Jahren den Sprung aus der Landes- in die Bundesliga, etablierte sich zuerst beim MSV Duisburg und später auch in der Nationalmannschaft. Eine Karriere, wie sie heute kaum noch vorstellbar ist. Noch mit 38 Jahren spielte der vielseitige Fußballer in der Bundesliga. Trotz des späten Starts seiner Profilaufbahn brachte es "Ennatz" auf 495 Bundesliga-Partien - Rang 12 in der ewigen Rangliste.

Für die heutige Feldspieler-Generation scheinen 500 Bundesliga-Spiele fast unerreichbar. Berlins Levan Kobiashvili ist der aktuell erfahrenste Bundesliga-Profi - mit 320 Einsätzen. Bei bundesliga.de spricht Bernard Dietz über seine Karriere, den aktuellen Jugendtrend der Bundesliga und erklärt, warum die Marke von 602 Bundesliga-Spielen von Karl-Heinz Körbel unantastbar ist.

bundesliga.de: Guten Tag Herr Dietz. Sie haben beim VfL Bochum und beim MSV Duisburg als Trainer der zweiten Mannschaft Talente an die Profikarriere herangeführt. Haben Sie manchmal wehmütig an ihre Zeit als junger Spieler zurückgedacht, als die Strukturen noch nicht so gut waren?

Bernard Dietz: Wehmütig nicht. Es war einfach eine ganz andere Zeit. Früher konnte man frühestens als Zehnjähriger im Verein Fußball spielen. Heute fangen die Jungs schon mit Fünf an. Wir spielten damals tatsächlich noch jeden Tag draußen Fußball, nicht an der Playstation. In Bockum-Hövel, wo ich groß geworden bin, organisierten wir richtige Meisterschaften der verschiedenen Straßen. In den Sommerferien wurde jede Woche ein Titel vergeben - es verreiste damals ja kaum einer. Montags bis freitags spielte jeder gegen jeden und am Samstag war das große Endspiel der beiden besten Mannschaften. Unser Stadion war eine Wiese, die uns ein freundlicher Bauer zur Verfügung gestellt hatte. Die war genauso schräg, wie die Tore, die wir uns aus alten Holzlatten gezimmert hatten.

bundesliga.de: Haben Sie damals schon viele Titel gesammelt?

Bernard Dietz: Den einen oder anderen. Wir haben uns sogar eine Meisterschale gebastelt, die dem jeweiligen Sieger übergeben wurde. Anschließend wurde die Trophäe bei einem Fahrrad-Korso in unserer Stadt präsentiert. Es war eine tolle Zeit. Später kickte ich in der Jugend des SV Bockum-Hövel. Als Sechzehnjähriger trainierte ich die ersten Male mit der ersten Mannschaft.

bundesliga.de: Ist in dieser Zeit nie ein größerer Club aus Sie zugekommen?

Bernard Dietz: Nein. Ich habe auch nie in der Kreisauswahl gespielt. Es hieß immer: "Der Dietz ist zu schmächtig und zu langsam." Ich habe meine Ausbildung zum Schlosser gemacht und in der Landesliga bei Bockum-Hövel gekickt. Erst in der Saison 1969/70 ist Bewegung in meine Laufbahn gekommen. In dieser Spielzeit traf ich als Spielmacher in den ersten 10 Spielen gleich 19 Mal und hatte auf einmal den 1. FC Köln am Telefon. Drei Trainingseinheiten absolvierte ich mit den Kölner Stars wie Overath, Flohe, Simmet oder Löhr.

bundesliga.de: Aber die Kölner wollten Sie nicht?

Bernard Dietz: Trainer Hans Merkle war durchaus mit mir zufrieden und der FC wollte sich bei mir melden. Kurze Zeit später spielte ich beim MSV Duisburg vor. Die Duisburger wollten mich für die Saison 1970/71 verpflichten, der FC hingegen nicht sofort unter Vertrag nehmen, sondern beim Luener SC in der Regionalliga "parken". Deshalb entschied ich mich für die "Zebras".

bundesliga.de: Dort haben Sie sich sehr schnell durchgesetzt. Wie schwer war der Sprung aus der Landes- in die Bundesliga?

Bernard Dietz: Da lagen Welten dazwischen. In Bockum-Hövel hatte ich zwei Mal in der Woche trainiert - jetzt ging es jeden Tag auf den Platz. In unserem Vorbereitungslager im Schwarzwald lag ich nach drei Tagen auf meinem Zimmer und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich war verzweifelt und dachte, ich packe es nicht. Als ich aber merkte, dass auch die älteren Spieler Probleme mit dem Pensum hatten, motivierte mich das und ich hielt durch.

bundesliga.de: Sie debütierten mit 22 Jahren im Profifußball. Heutzutage wären Sie ein Spätstarter. In dieser Saison haben die Spieler der Jahrgänge 1988 und 1989 die meisten Einsätze absolviert, also Jungs von 21 bis 23 Jahren. Woher kommt diese Entwicklung?

Bernard Dietz: Die Ausbildung heutzutage ist viel professioneller geworden. Nach dem Desaster bei der Europameisterschaft 2000 hat ein Umdenken im deutschen Fußball stattgefunden und davon profitiert die Bundesliga. Die Arbeit in den Nachwuchsleistungszentren macht sich bezahlt und es gibt eine breite Masse an jungen Talenten mit exzellenter Perspektive, die den arrivierten Kräften Druck machen. Diese Leistungsdichte gab es früher nicht und die Trainer waren viel mehr auf ihre erfahrenen Spieler angewiesen.

bundesliga.de: Altin Lala ist 1975 geboren und mit jetzt 36 Jahren der älteste eingesetzte Spieler in dieser Saison. Klammert man Simon Jentzsch als Torhüter aus, ist lediglich Michael Ballack über 35. Sie selber spielten noch mit Ende 30 in der Bundesliga. Gibt es heute keinen Platz mehr für ältere Spieler?

Bernard Dietz: Zum einen haben sich die Anforderungen an die Spieler erhöht. Wer heute das Tempo nicht mehr mitgehen kann, landet schnell auf dem Abstellgleis. Aber entscheidend ist für mich die Qualität der jungen Spieler. Die heutigen Bundesliga-Trainer können da aus dem Vollen schöpfen. Der eine oder andere wird sicher auch mit 36 oder 37 Jahren mithalten können, wenn er gut mit seinem Körper umgeht. Aber dann ist für Feldspieler irgendwann Schluss. Einen Klaus Fichtel, der mit über 43 Jahren noch in der Bundesliga spielte, wird es meiner Meinung nach nicht mehr geben.

bundesliga.de: Und einen Karl-Heinz Körbel mit 602 Bundesliga-Spielen?

Bernard Dietz: Kann ich mir nicht vorstellen. Nicht nur, weil die Profis früher ihre Karrieren beenden, sondern auch, weil die Verletzungsanfälligkeit heute viel größer ist. Den Spielern wird mehr abverlangt und sie machen mehr Spiele. Aber sie werden auch anders groß: Wir sind früher über Zäune und Mauern geklettert, um Äpfel aus dem Nachbargarten zu stibitzen. Da holte man sich Beulen und Schrammen, aber es härtete auch ab. Die jüngere Generation ist außerhalb des Fußballs weniger draußen unterwegs. Ich bin mir sicher, dass kein Feldspieler mehr 600 Bundesliga-Spiele erreichen wird. Charlys Rekord ist für die Ewigkeit.

Das Gespräch führte Florian Reinecke