Dortmund - War der 3:1-Sieg von Borussia Dortmund in Leverkusen eine Vorentscheidung im Meisterkampf? "Quatsch", sagt Hans-Joachim Watzke kurz und knapp. Dass der gelungene Charaktertest aber zugleich ein klares Signal an den Rest der Liga war, freut auch den BVB-Boss.

Da hatte sich die Konkurrenz in der Winterpause so viele Hoffnungen gemacht, verbal die große Hatz eingeläutet und auf einen Ausrutscher des Tabellenführers gleich zum Auftakt der Rückrunde gewartet.

Und dann das! Mit 3:1 gewinnt der BVB bei Bayer 04 und die Aufholjagd ist zumindest in Leverkusen abgeblasen, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Ausrufezeichen gesetzt

Beim Rest der Bundesliga dürfte sich angesichts des Dortmunders Auftritts die Euphorie ebenfalls in engen Grenzen halten. Zu souverän hatte der BVB das Spiel bestimmt, zu dominant die ersten 70 Minuten gestaltet. Als Kevin Großkreutz und Co. dann unmittelbar nach der Pause auch bei der Chancenverwertung einen Gang höher schalteten und binnen sechs Minuten gleich drei Mal zuschlugen, war klar: Der Tabellenführer ist optimal aus den Startlöchern gekommen.

"Wir sind da und spielen den Fußball aus der Vorrunde", durfte Trainer Jürgen Klopp trocken bilanzieren. Mit hoher Laufbereitschaft und aggressivem Pressing gegen ängstliche Leverkusener, mit guter Raumaufteilung und Spielwitz, mit Willen und Selbstvertrauen. Der neunte Sieg im zehnten Auswärtsspiel war da nur folgerichtig. "Wir wollten unbedingt ein Ausrufezeichen setzen, und das haben wir erreicht", stellte Kapitän Roman Weidenfeller zufrieden fest.

Nicht aus der Ruhe zu bringen

Dass Dortmund schlicht besser war als einer seiner vermeintlich ärgsten Verfolger, gestand auch Jupp Heynckes freimütig ein. Der Bayer-Coach geriet sogar ins Schwärmen: "Der BVB spielt einen erfrischenden, phantasievollen Fußball."

Vor allem hat die Mannschaft mit ihrem Rückrundenauftakt einmal mehr unter Beweis gestellt, was auch Jürgen Klopp so fasziniert: Dass dieses junge Team unglaublich gelassen, souverän und abgeklärt mit der Situation umgehen kann und sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lässt.

Keine Frage: Der BVB hat in Leverkusen den nächsten Charaktertest bestanden. Die Mannschaft hat sich nicht verrückt machen lassen von ihrer grandiosen Hinrunde. Sie hat sich nicht blenden lassen, sondern offenbar hart und gut trainiert. Und ihre Leistung wieder abgerufen, als es darauf ankam.

Keiner hebt ab

Vom Druck, sich jetzt vor den Augen der Fußballwelt beweisen zu müssen, war in Leverkusen ebenso wenig zu spüren wie von der Angst, plötzlich einzubrechen. "Es wurde versucht uns einzureden, wir seien dem Druck nicht gewachsen. Wir haben bewiesen, dass wir es doch sind", freute sich Hans-Joachim Watzke.

Und auch die Sorge, der Erfolg könnte dem einen oder anderen der Youngster zu Kopf steigen, ist ganz offenbar so unbegründet wie die Angst vor Eisregen im Hochsommer. Auch bei zwölf Punkten Vorsprung Hannover, 13 auf Leverkusen und Mainz und 16 Zählern Differenz zu den Bayern wird der Ball in Dortmund flach gehalten. "Die Jungs sind immer sehr auf ihre Aufgaben konzentriert. Deshalb gibt es auch niemanden, der hier abhebt", ist Präsident Dr. Reinhard Rauball überzeugt. Zweifel daran hat auch Jürgen Klopp nicht im Geringsten: "Man kann nur so Fußball spielen, wenn man charakterlich in Ordnung ist."

Auch der Trainer selbst bleibt sich treu: Geredet wird nur über Leistung und Charakter, aber nicht über die Meisterschaft. Dennoch gehen langsam auch Klopp die Argumente aus, warum denn bitte schön der BVB nicht im Mai die Schale in der Hand halten wird. Es sei ihm auch klar, ließ er in der Stunde des Triumphes wissen, "dass es ein etwas skurriles Tabellenbild ist, was sich da im Moment bietet."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte