Zusammenfassung

  • Caiuby trumpft in Augsburg auf.

  • Seinem Teamkollegen Philipp Max traut er die Nationalmannschaft zu.

  • "Die Bundesliga ist so ausgeglichen, dass alles möglich scheint."

Augsburg - Caiuby Francisco da Silva - kurz Caiuby - ist ein vertrautes Gesicht im Bundesliga-Fußball. Wolfsburg, Duisburg und Ingolstadt sind seine Stationen gewesen, bevor er sich dem FC Augsburg anschloss. Mit 29 Jahren und nach einer schweren Verletzung spielt der Brasilianer zurzeit den wohl besten Fußball seiner Karriere. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Caiuby über die Gründe für seine starken Leistungen, seinen ebenso aufdrehenden Mitspieler Philipp Max und sein Leben in Deutschland.

bundesliga.de: Caiuby, sind Sie ein wenig überrascht, dass Sie erst 29 Jahre alt werden mussten und im vergangenen Jahr einen Knorpelschaden verarbeiten, um nun die beste Saison Ihrer Karriere zu spielen?

Caiuby: Natürlich war es nach der Verletzung und der langen Auszeit mein Ziel, möglichst wieder ganz gesund zu werden und rasch Anschluss zu finden. Dass das aber so schnell gehen und so gut laufen würde, das ist tatsächlich auch für mich eine kleine Überraschung.

bundesliga.de: Wenn man so lange ausfällt und sogar um die Karriere fürchten muss, wie verändert das einen Menschen, der eigentlich für sein fröhliches Wesen bekannt ist?

Caiuby: Es gab eine ganze Reihe Spekulationen um die Schwere meiner Verletzung. Das war in der Tat ein Schock und eine sehr schwierige Zeit für mich, denn eine so schwere Verletzung hatte ich vorher noch nie erlitten. Da kommt man schon ins Grübeln und fragt sich, wie es weitergehen soll. Trotzdem habe ich versucht, immer positiv zu bleiben. Und mit der Hilfe von Menschen, die mir nahestehen, ist mir das auch gelungen.

bundesliga.de: Ähnliche Aussagen über eine positive Grundeinstellung selbst in schwierigsten Situationen kennt man auch von Ihren Landsleuten wie Naldo oder Raffael. Ist das eine typisch brasilianische Haltung?

Caiuby: Ich denke schon. So ist einfach unser Lebensgefühl. Wir glauben daran, dass die Dinge selbst noch in der letzten Minute in Ordnung kommen können. Ja, wir Brasilianer sind immer positiv.

"Ich habe gelernt, wie man als Brasilianer so viele Winter überlebt"

Spaß unter Landsmännern - Caiuby und Rafinha © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Simon Hofmann / Getty Images

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bundesliga.de: Apropos positiv: Wussten Sie um Ihre äußerst positive Bilanz im offiziellen Fantasy Manager der Bundesliga, wo Sie nach Robert Lewandowski der zweitbeste Spieler sind?

Caiuby: Nein, das wusste ich nicht. Aber es freut mich natürlich sehr.

bundesliga.de: Mehr als die Hälfte Ihrer Punkte haben Sie sich durch gewonnene Zweikämpfe erarbeitet. Ist Zweikampfstärke Ihre herausragende Tugend?

Caiuby: Auf jeden Fall bin ich ein Spieler, der besonders häufig in Zweikämpfe verwickelt ist. Und ich denke, es zeichnet mein Spiel tatsächlich aus, dass ich keinem Zweikampf aus dem Weg gehe. Diese Mentalität habe ich mir hier in den vergangenen drei Jahren angeeignet.

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bundesliga.de: Insgesamt sind Sie bereits zehn Jahre und damit auch zehn Winter in Deutschland. Wie hat sich der Brasilianer Caiuby hier verändert?

Caiuby: Dass ich bereits zehn Jahre hier bin, zeigt, wie wohl ich mich in Deutschland fühle. Ich habe hier viel gelernt, nicht zuletzt, wie man als Brasilianer so viele Winter überlebt (lacht). Nein, ernsthaft: Ich kann mir sogar vorstellen, nach meiner aktiven Karriere in Deutschland zu bleiben.

bundesliga.de: Sie sagen, dass Sie hier viel gelernt haben. Nimmt man auch die eine oder andere Eigenschaft an, die als typisch deutsch gilt wie zum Beispiel Pünktlichkeit?

Caiuby: Das ist ein gutes Beispiel. Vor allem zu Beginn war ich sehr überrascht, wie gut hier alles funktioniert. Manchmal staune ich selbst heute noch. Wenn man etwa einen Arzttermin vereinbart, dann findet der auch tatsächlich pünktlich statt. Und wenn im Fahrplan steht, dass der Bus Punkt 13 Uhr ankommt, ist er auch um 13 Uhr da. Das ist schon krass (lacht). Auch die Sauberkeit in Deutschland imponiert mir. Ich stamme aus Sao Paulo und die Stadt kann in dieser Hinsicht gewiss nicht mit deutschen Städten mithalten.

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"Es ärgert mich, wenn wir vor jeder Saison als potenzieller Absteiger gehandelt werden"

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bundesliga.de: Nicht nur Sie persönlich, auch Augsburg als Team spielt bisher eine sehr gute Saison. Was macht die Stärke der Truppe aus?

Caiuby: Nicht zuletzt der unbedingte Wille, jedes Spiel zu gewinnen. Einer läuft bei uns für den anderen, jeder stellt seine Interessen und sein Ego zurück. Das mögen viele Teams von sich behaupten, bei uns ist es auf jeden Fall tatsächlich so. Und das ist wohl unsere größte Stärke.

bundesliga.de: Wenn man nur drei Punkte hinter den Europapokal-Rängen liegt, ist das Erreichen der Europa League dann ein klares Ziel oder schaut man dennoch eher nach unten?

Caiuby: Ich beschäftige mich kaum mit der Tabelle. Die Bundesliga ist so ausgeglichen, dass alles möglich scheint. Mit ein, zwei Siegen mehr kann man plötzlich auf Europa-League- oder vielleicht sogar auf Champions-League-Kurs liegen. Andererseits kann der Abstand auf die unteren Ränge bei zwei, drei Niederlagen in Folge schnell schrumpfen. Vor uns liegen immerhin noch 14 Spiele. Deshalb halte ich es für klug, dass wir in erster Linie am Ziel Klassenerhalt festhalten.

bundesliga.de: Fühlt sich die Mannschaft in der Rolle des Underdogs wohl oder ärgert es Sie, dass manche Experten den FCA vor jeder Saison als Abstiegskandidaten nennen?

Caiuby: Der FCA spielt nun die siebte Saison in Folge in der Bundesliga und wir zeigen Jahr für Jahr, dass man auch in Augsburg guten Fußball spielt. Deshalb ärgert es mich durchaus, wenn wir vor jeder Saison aufs Neue als potenzieller Absteiger gehandelt werden. Ich empfinde das ein Stück weit als respektlos.

"Es gibt keinen besseren deutschen Spieler für die Position links hinten als Philipp Max"

Der beste linke Flügel der Bundesliga? © imago

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bundesliga.de: Großen Respekt hat sich Philipp Max erarbeitet, mit dem Sie eine sehr effektive linke Seite bilden. Wäre Max einer für die deutsche Nationalmannschaft und die WM?

Caiuby: Philipp ist auf einem unglaublich guten Weg. Wenn er in dieser Saison weiter so spielt, halte ich ihn tatsächlich für einen aussichtsreichen Kandidaten für die linke Seite in der deutschen Nationalmannschaft. Ich denke, dass es momentan keinen besseren deutschen Spieler für die Position links hinten gibt. Wir beide haben schon darüber gelacht, dass wir zusammen vielleicht die beste linke Seite der Bundesliga bilden. Es läuft einfach sehr gut für uns, wir verstehen uns nahezu blind auf dem Platz.

bundesliga.de: Apropos Nationalmannschaft: Wenn man eine so gute Saison spielt wie Sie, glaubt man dann selbst mit 29 Jahren noch an eine Chance in der Selecao?

Caiuby: Wie Sie richtig sagen, bin ich nunmal bereits 29 Jahre alt, sodass die Selecao wirklich kein Thema ist, mit dem ich mich beschäftigen sollte. Ich glaube auch, dass Trainer Tite längst seinen Kader weitestgehend beisammenhat. Letztlich kann man aber nie hundertprozentig voraussehen, was im Fußball passiert. Vielleicht schieße ich in der Rückrunde noch 20 Tore, sodass man gar nicht mehr an mir vorbeikommt (lacht).

bundesliga.de: Hat die Selecao die bittere WM im eigenen Land mit der traumatischen Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland mittlerweile verarbeitet?

Caiuby: Es hat durchaus lange gebraucht, bis jeder das verarbeitet hat. Einige Spiele der WM-Qualifikation haben aber gezeigt, dass die Selecao nun wieder auf einem sehr guten Weg ist. Der Spaß am Fußball scheint zurück, der Trainer hat das Team gut im Griff. Mir macht es jedenfalls wieder große Freude, der Mannschaft zuzuschauen. Und ich bin überzeugt, dass Brasilien in Russland einer der großen Kandidaten auf den Titel sein wird.

bundesliga.de: Zurück zur Aktualität: Am Sonntag empfängt Augsburg die Frankfurter Eintracht, die aktuell Tabellenvierter ist. Was erwarten Sie für ein Spiel, wenn zwei so kampfstarke Teams aufeinandertreffen?

Caiuby: Keine Frage, die Eintracht spielt eine sehr gute Saison und hat große Qualität im Kader. Aber ob kampf- oder doch eher spielstark – leichte Spiele gibt es in der Bundesliga so oder so nicht. Jedes Spiel ist schwierig und eng und am Ende entscheiden meist Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage. Hoffentlich dann zu unseren Gunsten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter