Dortmund - Man könnte meinen, Borussia Dortmund habe sich mit dem 3:0-Erfolg gegen den Hamburger SV ordentlich warm geschossen für den Klassiker gegen den FC Bayern München am Samstag. Doch vor der Fahrt nach München schlagen Trainer, Sportdirektor und Spieler gleichermaßen Alarm: Der BVB macht sich mit seiner mangelnden Chancenverwertung das Leben zu oft selbst schwer - ein Problem für Kopf und Kräfte.

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Am Gesicht von Thomas Tuchel konnte man den in Zahlen klaren Sieg nach dem Duell mit dem HSV nicht ablesen. Dortmunds Trainer wirkte etwas mürrisch und das hatte einen Grund. "Das Gespür, wann eine Partie entschieden werden kann, geht uns ab", sagte er. Schon beim 1:1 auf Schalke hatte es seine Mannschaft verpasst, nach der Führung trotz guter Chancen den Deckel drauf zu machen. Gegen den Dino drohte ein ähnliches Szenario, weil Pierre-Emerick Aubameyang und Co. nach dem frühen Freistoßtor von Gonzalo Castro zum 1:0 erneut beste Möglichkeiten liegen ließen. "Im Stadion und bei allen unseren Spielern schleicht sich dann so ein Gefühl ein, vielleicht geht das ja lustig 1:1 aus - mit 100 zu zwei Torschüssen", merkte Tuchel an.

Volles Programm

Der Coach attestierte seinem Team eine Achterbahnfahrt der Gefühle - allerdings keine vergnügliche. Ihm werde "Angst und Bange" bei einem Blick auf das kommende Programm. Eine englische Woche jagt die nächste, es warten hochkarätige Gegner. Neben den beiden Champions-League-Spielen gegen den AS Monaco steht gleich zweimal der deutsche Klassiker an: Dortmund fordert den FC Bayern sowohl im Pokal als auch in der Bundesliga, dummerweise für die Borussia jeweils auswärts.

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In den kräftezehrenden Partien werden die Westfalen körperlich und mental Top-Leistungen bringen müssen. Der Chancenwucher gegen die Hanseaten wirkte darum nach. "Wir hätten das Spiel früher entscheiden können, um dann Kräfte zu sparen und auch vom Kopf her mal ein bisschen runterzufahren", sagte Führungstorschütze Castro. Auch Sportdirektor Michael Zorc rümpfte die Nase: "Ein bisschen mehr Sorge um das Ergebnis hätte ich besser gefunden." Das Problem mit der Chancenverwertung zieht sich wie ein roter Faden, der immer länger wird, durch die Dortmunder Saison. Bremen, Mainz, Schalke und Hamburg sind Beispiele. "Es gibt so viele Spiele, in denen es uns nicht gelingt, den Gegner auszuknocken", analysierte Tuchel. An der Isar wird der BVB aller Voraussicht nach weniger Gelegenheiten erhalten, eine effizientere Nutzung dieser rückt in den Fokus.

Video: Aubas Tore

Der Hoffnungsträger

Gerade deshalb sind die Borussen erleichtert, dass Torjäger Aubameyang gegen die Hamburger am Ende doch noch seinen Treffer machte. 25 Saisontore sind es nun insgesamt. Der Gabuner lässt in der Bundesliga aber auch die meisten Großchancen liegen. "Bis zum Abschluss spielen wir die Möglichkeiten immer super heraus und verdienen uns auch die großen Chancen, die wir haben. Aber wir müssen sie auch vollenden", erläuterte Castro. Dennoch ruhen die Hoffnungen für den Klassiker einmal mehr vor allem auf Aubameyang, der im Duell um die Torjägerkanone mit Robert Lewandowski wieder mit einem Treffer in Führung liegt. Sein Trainer ist überzeugt, "dass dieses Tor gegen den HSV für uns und für Auba noch ein ganz wichtiges werden kann". Tuchel schob auch gleich eine Erklärung nach: "Stürmer sind sensibel, wenn ein bisschen Wind aufkommt. Und Auba ist ein sehr sensibler Mensch."

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Der Coach wollte wenige Tage vor dem Klassiker bei aller Kritik aber auch unbedingt ein Lob los werden: "Ich bin wahnsinnig glücklich über das Ergebnis und auch die Art und Weise, wie wir alles geben; wie wir Personalprobleme kompensieren und wie sich die Leute reinwerfen, die lange gar nicht gespielt haben. Das ist alles top." Und das macht Mut und gibt Selbstvertrauen, bevor es an die Isar geht. Es gibt euch die Aufwärtsmomente beim BVB - wie in der Achterbahn.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte