Hamburg - Wo Ottmar Hitzfeld als Trainer aktiv war, da war oben. Nur Udo Lattek hat als Coach mehr Meistertitel gesammelt als der 62-Jährige: Während Lattek acht Mal die Schale in die Luft stemmen durfte, kam Hitzfeld "nur" sieben Mal in diesen Genuss. Zwei Mal gelang ihm das mit Borussia Dortmund, gleich fünf Meisterschaften errang er mit dem FC Bayern München.

Seine beiden Ex-Clubs sieht der aktuelle Schweizer Nationaltrainer in dieser Saison als die Top-Favoriten auf Platz 1. "Wer die Meisterschaft gewinnen will, kommt an den Bayern nicht vorbei. Und die einzigen, die da ein Wörtchen mitreden werden, sind die Dortmunder", erklärt Hitzfeld im Interview mit bundesliga.de.

Der "General", wie er wegen seiner ruhigen und sachlichen Art auch genannt wurde, nimmt die Spitzengruppe der Bundesliga genau unter die Lupe.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, der FC Bayern hat in der Hinrunde eine sehr souveräne Leistung gezeigt. Hätten Sie das in der Form erwartet?

Ottmar Hitzfeld: Die Bayern haben mit Trainer Jupp Heynckes ihre Balance wiedergefunden. Waren sie unter Louis van Gaal noch sehr offensiv ausgerichtet, wird mit Heynckes auch die Defensive gestärkt. Die Mischung stimmt und das wirkt sich auf dem Platz aus. In der Hinrunde waren sie sehr dominant.

bundesliga.de: Aber der FCB liegt nur knapp vor dem BVB. Sind die Dortmunder auf einem guten Weg, den Titel zu verteidigen?

Hitzfeld: Borussia Dortmund hatte ein wenig mit der Doppelbelastung durch die Champions League zu kämpfen. Aber der BVB ist vor allem zum Ende der Hinrunde wieder gut in Fahrt gekommen und daher erwarte ich mir für die Rückrunde eine weitere Steigerung. In dieser Mannschaft steckt noch mehr Potenzial.

bundesliga.de: Und Schalke?

Hitzfeld: Ähnlich wie bei den Bayern haben die Schalker durch den Trainerwechsel die Spielweise angepasst. Huub Stevens ist ja bekannt dafür, dass er sehr viel Wert auf eine geordnete Defensive legt. Wenn man dazu noch über Torgaranten wie Klaas-Jan Huntelaar und Raul verfügt, macht das den entscheidenden Unterschied. In diesem Sog können die jungen Spieler wie Lewis Holtby oder Julian Draxler reifen. Die Schalker haben die Erwartungen mehr als erfüllt. Wenn letztlich die Qualifikation für das europäische Geschäft gelingt, dann sind sicherlich alle in Gelsenkirchen zufrieden.

bundesliga.de: Könnte Borussia Mönchengladbach den bisherigen Überraschungsauftritt krönen?

Hitzfeld: Man muss Lucien Favre ein riesiges Kompliment machen. Was er aus der Borussia gemacht hat, vom Abstiegskandidaten zur Spitzenmannschaft, das ist einfach sensationell. Aber ich glaube, dass die Gladbacher im Kampf um den Titel - wenn überhaupt - nur Außenseiterchancen haben. Da verfügen die Konkurrenten doch über weitaus bessere personelle Möglichkeiten.

bundesliga.de: Also läuft es auf einen Zweikampf an der Spitze heraus. Ist Dortmund dafür gerüstet?

Hitzfeld: Die Dortmunder mussten in der Champions League Lehrgeld bezahlen. Das müssen sie jetzt aber abhaken. Es ist immer schwieriger, Leistungen zu bestätigen. Und natürlich sind die Gegner gegen den Deutschen Meister doppelt motiviert. Die Ansprüche sind beim BVB gestiegen. Auch direkt bei den Spielern, die sich nicht mehr unbedingt mit der Reservebank abfinden wollen. Aber das gehört bei einer Spitzenmannschaft dazu. Die Dortmunder sind der ärgste Konkurrent der Bayern auf dem Weg zum Titel.

bundesliga.de: Steht der Gewinn der Meisterschaft für die Bayern denn an erster Stelle? Schließlich findet das Endspiel der Champions League in der heimischen Allianz Arena statt.

Hitzfeld: Das Finale im eigenen Stadion ist eine unglaubliche Motivation für die Spieler, die Verantwortlichen und den ganzen Verein und könnte sich noch positiv auszahlen. Aber für den FC Bayern ist die Meisterschaft immer im Sichtfeld. Es ist irgendwo eine Pflichtaufgabe für die Münchner, diesen Titel immer zu holen.

bundesliga.de: Was kann die Bayern denn aufhalten? Fehlt vielleicht eine Alternative für Mario Gomez?

Hitzfeld:Mario Gomez können die Bayern derzeit nicht adäquat ersetzen. Und das ist ein Risikofaktor. Wenn er sich verletzen sollte, dann wären die hoch gesteckten Ziele sicherlich schwierig zu erreichen.

bundesliga.de: Kehrte der Erfolg der Münchner mit Jupp Heynckes zurück?

Hitzfeld: Jupp Heynckes passt einfach perfekt zum FC Bayern. Er hat die nötige Erfahrung und die menschliche Stärke, eine Spitzenmannschaft zu führen. Er kennt den Verein, die Philosophie und lebt dieses Gefühl auch vor. Er ist ein richtiges Vorbild.

bundesliga.de: Welche Mannschaft wird Deutscher Meister?

Hitzfeld: Wer die Meisterschaft gewinnen will, kommt an den Bayern nicht vorbei. Und die einzigen, die da ein Wörtchen mitreden werden, sind die Dortmunder. Schalke und Mönchengladbach fehlt es für ganz nach oben noch an der Qualität.

Das Gespräch führte Michael Reis