Gelsenkirchen - Selten hat man so mit einem Spieler gelitten wie mit Breel Embolo. Der Schalker Königstransfer des Sommers 2016 war mit großen Ambitionen und großen Erwartungen in die Saison gestartet, erlitt aber bereits am 7. Spieltag eine so schwere Verletzung, dass die Spielzeit für ihn gelaufen war. Beim 2:1-Sieg in Bremen am 4. Spieltag feierte der Angreifer dann sein lang ersehntes Comeback. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer Nationalspieler nun über sein schwieriges erstes Jahr beim FC Schalke 04, über seinen und den Neuanfang der gesamten Mannschaft nach dem Trainerwechsel beim Ruhrpott-Verein sowie über seine Bewunderung für diesen ganz besonderen Club.

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bundesliga.de: Herr Embolo, in Ihrem besonderen Fall ist ein "Wie geht es Ihnen?" mehr als eine übliche Floskel zur Begrüßung...

Breel Embolo: Das ist wohl richtig. Tatsächlich geht es mir mittlerweile generell aber wieder sehr gut. Ich konnte die komplette Vorbereitung problemlos absolvieren und brenne auf die Spiele, die jetzt für mich kommen.

bundesliga.de: Eine solch schwere Verletzung, ein Knöchel- und Wadenbeinbruch, ist immer ein bitterer Schlag. Wenn man aber zudem gerade erst zum neuen Club und in ein neues Land gewechselt ist, fühlt man sich dann sogar etwas verloren?

Embolo: Nein. Überhaupt nicht. Denn die Unterstützung des Vereins und der Mannschaftskameraden war vom ersten Moment an da. Trotzdem wird jeder verstehen, dass ich zunächst geschockt war. Du kommst mit großen Erwartungen zu einem neuen Verein und willst mit den neuen Kollegen erfolgreich sein, plötzlich aber ändert sich von einer Sekunde zur nächsten erst einmal alles. Und im ersten Moment habe ich gedacht: "Verdammt, jetzt wirst du der Mannschaft lange nicht helfen können." Dennoch habe ich dann recht schnell wieder Mut gefasst.

"Ich denke, dass ich bei hundert Prozent bin und fühle mich absolut bereit für die Bundesliga." Breel Embolo

bundesliga.de: "Recht schnell Mut gefasst": Bleiben Sie selbst in einer so schwierigen Situation immer ein optimistischer, positiv denkender Mensch?

Embolo: Absolut! Ich habe immer daran geglaubt, dass ich im Laufe der Saison zurückkomme und vielleicht sogar noch ein paar Minuten spielen kann. Das hätte ich vielleicht sogar geschafft, aber wir haben dann aus Vorsicht beschlossen, dass ich es etwas langsamer angehen lasse und nichts überstürze, um mich im Sommer voll auf die Vorbereitung konzentrieren zu können.

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bundesliga.de: Am 6. Spieltag der vergangenen Saison erzielten Sie beim 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach Ihre ersten beiden Bundesliga-Tore, nur eine Woche später kam es in Augsburg zu dieser schweren Verletzung. Bei allem Optimismus – macht es einen da nicht doch nachdenklich, wie eng Glück und Leid im Fußball zusammenliegen und wie schnell sich die Dinge ändern können?

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Embolo: Man macht sich zunächst schon Gedanken wie "Warum passiert das ausgerechnet Dir, und warum gerade jetzt, wo sich die Dinge gut angelassen haben nach dem schwierigen Saisonstart für die Mannschaft mit fünf Niederlagen in Folge". Allerdings wird einem ebenso schnell klar, dass es nie einen guten Zeitpunkt für eine solche Verletzung gibt und auch niemand Schuld daran hat. Eher habe ich darüber nachgedacht, ob ich selbst in diesem Augenblick vielleicht etwas hätte besser machen können. Ob ich hätte hochspringen oder den Zweikampf vielleicht völlig anders hätte angehen sollen. Aber wie bereits gesagt, mein positives Denken hat sehr schnell wieder das Ruder übernommen, und ich habe nur noch nach vorne geschaut.

"Mein positives Denken hat sehr schnell wieder das Ruder übernommen, und ich habe nur noch nach vorne geschaut." Breel Embolo

bundesliga.de: Sie haben einen großen Teil Ihrer Reha in der Schweiz absolviert. Wie gestaltete sich in dieser Zeit der Kontakt zur Mannschaft?

Embolo: Das ist richtig. Der Verein hatte mir angeboten, die ersten vier, fünf Monate meiner Reha zu Hause in der Schweiz, in der Nähe meiner Familie zu absolvieren. Dieses Angebot habe ich sehr gerne angenommen. Wie ich schon erwähnt habe, war der Kontakt zur Mannschaft und zu den Verantwortlichen trotz der Entfernung immer vorhanden. Ich habe vom ersten Moment an eine große Unterstützung gespürt und habe jeden Tag unzählige Nachrichten auf mein Handy bekommen. Das hat mir selbstverständlich sehr gut getan und gezeigt, dass meine Entscheidung zu Schalke zu wechseln, die richtige war. Und ich habe auch in dieser schwierigen Situation gespürt, dass ich nach nur wenigen Wochen bereits angekommen war in der Mannschaft und im Verein.

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bundesliga.de: Hat es Sie später nicht verunsichert, dass mit Markus Weinzierl der Trainer, der Sie unbedingt wollte, gehen musste?

Embolo: Nein. Darüber habe ich mir überhaupt keine größeren Gedanken gemacht. Meine einzige echte Sorge war, ob mein Sprunggelenk nach der Operation wieder so funktionieren würde, wie zuvor. Das ist zum Glück der Fall. Natürlich ist es nie schön, wenn ein Trainer gehen muss. Aber es ist nun einmal Fakt, dass wir nicht das Ziel erreicht haben, das wir uns vor der vergangenen Saison gesetzt hatten.

bundesliga.de: Bei wie viel Prozent Ihres Leistungsvermögens sehen Sie sich aktuell?

Embolo: Ich fühle mich sehr gut, das Sprunggelenk funktioniert einwandfrei und ich denke, dass ich bei hundert Prozent bin. Ich fühle mich absolut bereit für die Bundesliga.

bundesliga.de: Sie sind bei hundert Prozent, wo aber steht die Mannschaft? Hat Ihr Teamkamerad Thilo Kehrer Recht, wenn er sagt "Wir stecken immer noch im Findungsprozess"?

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Simon Hofmann

Embolo: Ich kann Thilo nur beipflichten. Wenn ein Trainer geht und ein neuer kommt, dann bedeutet das für alle erst einmal eine Umstellung. Denn jeder Trainer hat seine eigenen Vorstellungen, die er gerne umsetzen möchte. Das müssen die Spieler zunächst einmal verinnerlichen, damit die Automatismen auf dem Platz funktionieren. Und wir befinden uns mittendrin in diesem Prozess. Darin sehe ich aber kein Problem. Unsere Mannschaft ist zwar noch jung, kann aber dennoch schon viel Erfahrung vorweisen. Wir alle sind hungrig auf Erfolg und wollen den Fans etwas bieten. Allerdings wird das nur gelingen, wenn jeder Einzelne jeden Tag aufs Neue bereit ist, hart zu arbeiten.

bundesliga.de: Für Teile der Öffentlichkeit und für viele Fans sind Sie noch einmal fast so etwas wie ein Neuzugang. Wie ist Ihr Empfinden?

Embolo: Ich kann verstehen, wenn manche Leute das so sehen. Ich selbst aber fühle mich längst in jeder Hinsicht integriert, kenne alle Abläufe und alle Menschen auf Schalke. Und jetzt möchte ich endlich das Vertrauen rechtfertigen, das man mir von Anfang an geschenkt hat, und mit Leistung auf dem Platz zurückzahlen.

"Alles ist auf Schalke und in der Bundesliga viel größer, und gerade in den ersten Wochen habe ich immer wieder gestaunt und war wie auf Wolke sieben." Breel Embolo

bundesliga.de: Der FC Schalke 04 ist – nicht nur nach eigenem Verständnis –  ein ganz besonderer Club. Wie haben Sie diese Besonderheit bisher erlebt?

Embolo: Schalke ist ein großer, aber doch auch ein sehr familiärer Club. Der Zusammenhalt hier ist fantastisch. Man spürt, dass jeder diesen Club liebt und lebt. Das erleben zu dürfen, beeindruckt mich sehr. Ich bin noch ein sehr junger Spieler, der aus der Schweiz in die Bundesliga gewechselt ist, und kannte dieses Ausmaß an Begeisterung noch nicht. Ob im tatsächlichen oder im übertragenen Sinn – alles ist auf Schalke und in der Bundesliga viel größer, und gerade in den ersten Wochen habe ich immer wieder gestaunt und war wie auf Wolke sieben.

bundesliga.de: Im Juni haben Sie auf der Jahreshauptversammlung zu den Mitgliedern gesprochen. Waren Sie nervös?

Embolo: Ja. Sehr sogar. Ich bin nun einmal nicht gerade der Typ, der regelmäßig vor so vielen Menschen – ich glaube es waren annähernd 10.000 – eine Rede hält. (lacht) Aber es war mir sehr wichtig, diese Chance zu ergreifen. Ich wollte mich den Mitgliedern und Fans unbedingt persönlich vorstellen, denn das hatte im vergangenen Jahr nicht geklappt, da ich zum Zeitpunkt der damaligen Jahreshauptversammlung mit der Schweizer Nationalmannschaft bei der EM in Frankreich war. Und trotz meiner Nervosität war es dann ein wunderbares Gefühl, mich persönlich für das Vertrauen bedanken zu können, das mir alle Schalker vom ersten Tag an entgegengebracht haben.

Das Gespräch führte Andreas Kötter