Borussia Mönchengladbach feiert mit seinen Fans. Zu Hause haben die Fohlen alle Spiele gewonnen. - © gettyimages / Maja Hitij/Bongarts
Borussia Mönchengladbach feiert mit seinen Fans. Zu Hause haben die Fohlen alle Spiele gewonnen. - © gettyimages / Maja Hitij/Bongarts
Bundesliga

Darum ist Borussia Mönchengladbach ein echter Kandidat auf den Deutschen Meistertitel

Köln - Tabellenplatz zwei, 23 Punkte - Borussia Mönchengladbach steht nach elf Spieltagen in der Bundesliga so gut da wie seit 31 Jahren nicht mehr. Die Gladbacher, die noch nie schlechter als Platz sechs in dieser Saison platziert waren, sitzen Tabellenführer Borussia Dortmund als erster Verfolger jetzt seit zwei Wochen im Nacken. Spätestens nach dem jüngsten Sieg gegen Werder Bremen (3:1) sollte die Konkurrenz die Mannschaft von Dieter Hecking im Kampf um die Deutsche Meisterschaft auf dem Zettel haben, denn die Borussia hat nicht erst im Spiel zweier Aspiranten auf das internationale Fußballgeschäft gezeigt, dass sie sich zu einem echten Titelkandidaten entwickelt hat.

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Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Stimmung bei Borussia Mönchengladbach etwas getrübt war. Nach einer eher mäßigen Rückrunde 2017/18 mussten die Fans ihren Traum von der Teilnahme am internationalen Fußball mit Tabellenplatz neun begraben - und das bereits zum zweiten Mal in Folge. Die große Frage war: Geht der Verein mit Dieter Hecking als Trainer in die nächste Saison? Die Antwort von Sportdirektor Max Eberl war ganz klar: Ja!

Zu recht. Denn diesem Trainer ist es gelungen, in der Sommerpause ein echtes Spitzenteam zu formen. Dafür war nicht einmal viel nötig. Gezielte Verstärkungen und eine Systemumstellung waren der Schlüssel zum Erfolg. War Gladbach im letzten Jahr noch sehr abhängig von Spielmacher Raffael, so ist die Mannschaft jetzt deutlich flexibler. In einem sehr offensiv ausgerichteten 4-3-3 überzeugen die Offensivkräfte wie Thorgan Hazard oder Neuzugang Alassane Plea, die sieben bzw. sogar schon acht Tore geschossen haben und nur so vor Spielfreude strotzen.

Mannschaft hat ein neues Gesicht

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Aber nicht nur diese beiden treffen nach Belieben. Auch Jonas Hofmann etwa, in der letzten Saison nur Ergänzungsspieler, hat sich zu einem wertvollen Akteur in der Fohlen-Elf entwickelt und schon fünf Tore erzielt. Die insgesamt 26 Treffer der Fohlen - die zweitmeisten aller Bundesliga-Clubs - verteilen sich auf mehreren Schultern, was unterstreicht, wie unberechenbar das Offensivspiel ist. Und vor dem gegnerischen Tor sind sie extrem effektiv: Jeder sechste Torschuss ist drin. Nur Frankfurt und Dortmund haben eine bessere Trefferquote (je 5 Torschüsse für ein Tor). Insgesamt nutzt Gladbach 65 Prozent seiner Großchancen (20 sind die drittmeisten).

Nicht nur das Spielsystem ist neu. Die Mannschaft hat ein neues Gesicht bekommen. Und das, obwohl sie im Sommer nicht groß verändert wurde. Die Neuzugänge sind überschaubar, doch es haben sich Spieler in den Vordergrund gedrängt, die zuletzt höchstens am Rand in Erscheinung getreten sind. Neben Hofmann ist zum Beispiel Tobias Strobl im defensiven Mittelfeld ein wichtiger Mann. Hinter ihm müssen sich Spieler wie Denis Zakaria oder Christoph Kramer derzeit anstellen. Ebenso wie hinter Florian Neuhaus. Der Youngster wurde bereits in der vergangenen Saison verpflichtet, sollte aber zunächst Spielpraxis sammeln und wurde für eine Saison an Fortuna Düsseldorf (damals noch 2. Bundesliga) ausgeliehen. Der 21-Jährige hat bislang kein Spiel verpasst.

Defensive dank Sommer stark verbessert

Aber es ist nicht nur die Offensive, die überzeugt und derzeit meisterlich aufspielt. Auch Defensiv hat sich Gladbach stark verbessert - und in den elf Spielen bislang erst 13 Gegentore kassiert. Nicht nur, aber zu großen Teilen auch ein Verdienst von Keeper Yann Sommer, der seiner Mannschaft ein starker Rückhalt ist. Die Nummer eins der Schweiz ist in richtig guter Form von der WM in Russland zurückgekehrt und strahlt auf dem Platz großes Selbstvertrauen aus, das sich auf seine Vorderleute überträgt. Bislang parierte Sommer 76 Prozent der Bälle auf seinen Kasten. Nur Leipzisg Peter Gulacsi war noch stärker (78 Prozent).

Gladbach ist von der ersten bis zur letzten Sekunde hellwach. So schossen sie sieben ihrer 26 Tore in den ersten 30 Minuten. Das ist ebenso Ligabestwert wie die lediglich zwei Gegentore in der Schlussviertelstunde. Egal wie man das Blatt wendet, die Fohlen sind überall vorne dabei und zeigen der Konkurrenz wie es geht: Neun Tore nach Standardsituationen - Ligabestwert. Vier Treffer per Kopf - nur die Bayern sind besser. Die Borussen haben die beste Quote bei Eckbällen und legen die meisten Kilometer aller Teams im Schnitt zurück (120). Schon alleine die Daten belegen, dass und warum das Hecking-Team in dieser Saison vorne mitmischt.

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Thorgan Hazard, Alassane Plea und Jonas Hofmann drehen bei Gladbach auf - © gettyimages / Lars Baron / Sebastian Widmann / Lars Baron / Bongarts

Die Verantwortlichen bewahren Ruhe

Doch es gibt weitere Faktoren, die zeigen, dass sich die Borussia zu einem echten Spitzenteam entwickelt hat. Die Qualität des Kaders hat deutlich zugenommen, was deutlich bei den Aufstellungen zu sehen ist. Wer gebraucht wird, ist auf den Punkt da. Bestes Beispiel war etwa der Sieg beim FC Bayern München. Dort hatte Kapitän Lars Stindl nach langer Verletzungspause erstmals das Vertrauen bekommen - und es mit einem Tor zurückgezahlt. Ebenso wie Einwechselspieler Patrick Herrmann, der als Joker beim 3:0 den Deckel draufgemacht hat. Egal, wen Trainer Dieter Hecking bringt, es gibt keinen Leistungsabfall.

Und wenn es dann doch mal zu einem Rückschlag kommt, lässt sich die Mannschaft nicht aus der Bahn werfen. Die Niederlagen gegen Freiburg (Bundesliga) und Bayer 04 Leverkusen (DFB-Pokal) hat sie weggesteckt und sich danach wieder in Topform präsentiert. Das liegt wohl auch daran, weil im und um den Verein viel Ruhe herrscht. Die wird von den Verantwortlichen vorgelebt. So läuft der Vertrag des Trainers Ende der Saison aus. In Gladbach ist deswegen noch niemand in Panik verfallen. "Wir haben uns im Sommer dazu entschieden, die Vertragsverlängerung erst einmal aufzuschieben und uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Das haben wir mit Erfolg getan", erklärt Eberl auf der Vereinshomepage. In den nächsten Wochen sollen die Gespräche bezüglich einer Verlängerung dann aber doch beginnen.

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"Wenn ich gefragt werde, was ich mir erhoffe, sage ich natürlich: Ich will Deutscher Meister werden." Max Eberl, Sportdirektor

Noch vor dem ersten Bundesliga-Spiel hatte der Sportdirektor etwas ironisch gesagt: "Wenn ich gefragt werde, was ich mir erhoffe, sage ich natürlich: Ich will Deutscher Meister werden." Vielleicht hat er damals noch nicht gewusst, mit welcher Wucht die Mannschaft auftreten wird. Wenn es ihr gelingt, die derzeitige Verfassung beizubehalten, dann könnten sich seine Hoffnungen trotzdem schneller erfüllen, als Eberl damals noch dachte. Und auch Hecking ist durchaus davon angetan, dass seine Mannschaft derzeit als Titelkandidat gehandelt wird. Der Trainer wehrt sich nicht gegen derartige Aussagen von außerhalb. Vielmehr sieht er es als Anerkennung der Leistung seines Teams, auf die auch er stolz ist. "Ich wehre mich inzwischen ein wenig gegen das Wort Momentaufnahme. Wir haben uns diesen zweiten Platz erarbeitet." Das Selbstvertrauen der Fohlen ist groß, genau so, wie man es als Anwärter auf den deutschen Meistertitel braucht.

Kristina Jäger