Mönchengladbach - Dass Vincenzo Grifo ein Mann für Borussia Mönchengladbach sein könnte, dürfte den Verantwortlichen der Borussia wohl schon seit einiger Zeit klar gewesen sein. Wie zuvor Max Kruse oder Lars Stindl passt Grifo ins Raster von Max Eberl und Co., die gerne auch auf Spieler zurückgreifen, die bereits nachgewiesen haben, dass sie ihren Mann stehen können, nichtsdestotrotz auch noch über weiteres Entwicklungspotenzial verfügen.

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Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Grifo über seine ersten Tage bei den Fohlen, über Cristiano Ronaldo und Christian Streich und darüber, warum die deutsche Nationalmannschaft für ihn nie ein Thema war.

bundesliga.de: Herr Grifo, seit fünf Tagen trainieren Sie mit Ihrer neuen Mannschaft. Wie ist Ihr erster Eindruck vom neuen Klub und von den neuen Kameraden?

Vincenzo Grifo: Fünf Tage, das ist richtig. Dabei kommt es mir so vor, als wäre ich schon viel länger hier. Das liegt wohl daran, dass mich alle hervorragend aufgenommen und mir geholfen haben. Und ich sage wohl nichts Falsches, wenn ich feststelle, dass bei Borussia alles noch einmal eine Nummer größer ausfällt als in Freiburg. Das Stadion ist größer, die Kabinen sind größer und das Medienaufkommen schon an den ersten Tagen nach Trainingsstart auch. Davon, einmal in einem so großen Verein spielen zu dürfen, habe ich als kleiner Junge geträumt. Und jetzt ist es soweit!

bundesliga.de: Sind Sie eher zurückhaltend, wenn Sie neu zu einer Gruppe stoßen, oder treten Sie gleich mit breiter Brust auf?

Grifo: Ich bin generell kein Typ, der ängstlich ist oder schnell nervös wird. Und was den Fußball betrifft: Fußball ist das, was mir den meisten Spaß macht, also mein Traumberuf. Gerade beim Fußball kann ich deshalb auf meine eigenen Stärken vertrauen. Trotzdem wäre es gelogen zu behaupten, dass alles business as usual ist, wenn man zu einem neuen Verein kommt. Erst einmal gilt es, all die neuen Abläufe kennenzulernen und vor allem die Menschen, die hier arbeiten. Da ist es hilfreich, wenn die Teamkollegen einem schon mal zur Seite stehen.

Das sind alles geile Kicker, und es macht tierisch Spaß mit diesen Jungs zusammenzuspielen. Vincenzo Grifo

bundesliga.de: Einige kennen Sie bereits aus gemeinsamen Hoffenheimer Tagen...

Grifo: Jannik Vestergaard und Fabian Johnson stoßen erst noch zur Mannschaft, aber Tobias Strobl hat mir in den ersten paar Tagen beim Eingewöhnen wirklich schon sehr geholfen. Aber auch alle anderen, ob Nico Schulz, Chris Kramer oder die Leute aus dem Funktionsteam, etwa die Zeugwarte – hier gibt es ja nicht nur einen wie in Freiburg, sondern gleich drei – sie alle haben es mir leicht gemacht bei Borussia anzukommen. 

bundesliga.de: Welchen Eindruck haben Sie von der fußballerischen Qualität der Mannschaft?

Grifo: Kurz gesagt: Hier läuft der Ball! (lacht). Das sind alles geile Kicker, und es macht tierisch Spaß mit diesen Jungs zusammenzuspielen. Dabei sind bisher noch nicht einmal alle da. Ich freue mich bereits riesig darauf, was diese Mannschaft leisten kann, wenn in zwei, drei Wochen alle an Bord sind. 

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bundesliga.de: Warum haben Sie sich für Gladbach entschieden, in Freiburg oder bei anderen, interessierten Klubs hätten Sie vielleicht international spielen können?

Grifo: Ich habe bisher noch nie international gespielt, und ich leugne nicht, dass es mein Traum ist irgendwann einmal auch in einem europäischen Wettbewerb auflaufen zu dürfen. Aber auch wenn es in dieser Saison nicht klappt, hat Gladbach in den vergangenen Spielzeiten doch gezeigt, was hier möglich ist. Und jeder hier weiß, dass es besser geht als vergangene Saison. Also werden wir alles dafür tun, in der kommenden Saison vielleicht wieder einen internationalen Wettbewerb zu erreichen. Meine Entscheidung für die Borussia war in erster Linie vom Wunsch geprägt, jetzt den nächsten größeren Schritt in meiner Karriere zu machen. Man darf nicht vergessen, dass ich vor sechs Jahren noch in Pforzheim gespielt habe. Und jetzt klopft plötzlich ein Verein wie die Borussia an, besser konnte es nicht kommen! Und ich freue mich jetzt schon wie ein Kind auf mein erstes Spiel vor der tollen Kulisse im Borussia Park mit fast 55.000 Zuschauern.

bundesliga.de: Stichwort Pforzheim: Wer hat Sie auf Ihrem Weg von dort über Karlsruhe, Hoffenheim Dresden und Frankfurt nach Freiburg und nun nach Mönchengladbach am nachhaltigsten geprägt?

Grifo: Zum einen natürlich meine gesamte Familie, Mama, Papa, meine Brüder, meine Onkel, meine Freundin usw. Aber natürlich haben mir auch viele tolle Trainer enorm weitergeholfen. Man darf nicht vergessen, dass es bei mir zunächst von null gleich auf hundert gegangen ist, von Karlsruhe nach Hoffenheim und zum Bundesligadebüt. Dann aber war ich plötzlich in Dresden und bin schließlich mit Dynamo sogar abgestiegen. Da muss man sich in der Folge erst einmal wieder Schritt für Schritt nach oben arbeiten. Dass mir das gelungen habe vor allem auch Benno Möhlmann zu verdanken, der mir er immer sein Vertrauen geschenkt und mich in meiner Spielweise bestärkt hat. Möhlmann wusste ganz genau, was ich brauche und was vielleicht eher nicht. 

bundesliga.de: Welche Rolle kommt Christian Streich bei Ihrer Entwicklung zu?

Grifo: Obwohl der SC in die Zweite Liga abgestiegen war, hatte ich von Beginn an einfach ein gutes Gefühl. Ich bin jemand, der gerne auf sein Bauchgefühl gehört. Und der Weg durch die Zweite Liga mit Freiburg und mit Christian Streich war für mich mit den vielen Toren und Assists wie eine Explosion. Trotzdem blieb ein wenig Unsicherheit, ob ich Ähnliches auch in der Bundesliga leisten kann. Wie man jetzt weiß, hat es auch dort ganz gut geklappt – auch dank Christian Streich, der mich noch einmal enorm weiterentwickelt hat. Und nicht zuletzt hat mir geholfen, dass meine Familie immer in der Nähe war. Von Pforzheim nach Freiburg, das ist kein so weiter Weg...

bundesliga.de: ...aber nach Mönchengladbach schon...

Grifo: Stimmt. Aber ich bin jetzt 24 und keine 21 mehr. Ich glaube, dass ich nicht nur als Fußballer, sondern gerade auch als Mensch in den vergangenen Jahren gereift bin und heute ein Stück weit besser verstehe, wie die Dinge im Leben laufen. Und ich habe das Gefühl, dass ich mich in Mönchengladbach noch einmal weiterentwickeln kann. Das ist auf jeden Fall mein Ziel.

bundesliga.de: Wie auf Ihren früheren Stationen tragen Sie die Rückennummer 32. Sind Sie ein wenig abergläubisch?

Grifo: Ja. Wenn die 32 nicht verfügbar gewesen wäre, das wäre ein schlechtes Omen gewesen. (lacht) Jeder im Fußball hat doch seine Rituale. Ob beim Bingo oder beim Karten spielen – die 32 hat mir schon früher immer Glück gebracht. Als ich von Hoffenheim nach Dresden wechselte, musste ich dort die 19 nehmen – mit dem Resultat, dass wir abgestiegen sind. Also habe ich alles darangesetzt, auf den folgenden Stationen wieder die 32 zu bekommen. In Frankfurt und in Freiburg hat bestens funktioniert. Also konnte es auch bei Borussia nur die 32 sein.

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bundesliga.de: In der Freiburger Aufstiegssaison haben Sie sich wegen Ihrer Freistoßstärke den Beinamen Namen „Ronaldo der Zweiten Liga“ erworben. Wer war dafür verantwortlich?

Grifo: Ich glaube, diesen Begriff hat damals ein Journalist geprägt...

bundesliga.de: Wusste der nicht, dass Cristiano Ronaldo in den vergangenen Jahren kaum einmal einen Freistoß direkt verwandelt hat?

Grifo: Das stimmt zwar. Bei Während seiner Jahre bei Manchester United und in seiner frühen Zeit bei Real Madrid war er häufig mit Freistößen erfolgreich. Ich fühle mich durch diesen Vergleich auf jeden Fall geehrt. Und jedes Mal, wenn der SC einen Freistoß zugesprochen bekam, bebte das gesamte Schwarzwald-Stadion, ein tolles Gefühl!

Grundsätzlich spiele ich gerne auf der Zehn. Aber ich habe auch überhaupt nichts dagegen, von links außen zu kommen, ins Eins gegen Eins zu gehen und dann den Abschluss zu suchen. Vincenzo Grifo

bundesliga.de: Ist Cristiano Ronaldo für Sie ein Vorbild?

Grifo: Cristiano Ronaldo und Messi, beide sind absolute Weltklasse. Vielleicht kann man sagen, dass Cristiano eher der Arbeiter ist und Messi der mit dem größeren Talent am Ball. Cristiano hat aber gezeigt, was man aus sich machen kann, wenn man jeden Tag hart und vielleicht härter als alle anderen arbeitet. Auch nach einer Super-Saison mit 50 oder mehr Toren greift er in der nächsten Spielzeit wieder voll an und ruht sich nicht auf dem Erreichten aus. Und diese Einstellung taugt ohne Frage als Vorbild.

bundesliga.de: Sie sind zentral und auf dem Flügel eisnetzbar. Ist es als sehr torgefährlicher Spieler angenehmer zentral zu spielen?

Grifo: Viel hängt natürlich davon ab, wie die Bindung zu den Mitspielern ist. In Freiburg war das nahezu perfekt. Grundsätzlich spiele ich gerne auf der Zehn. Aber ich habe auch überhaupt nichts dagegen, von links außen zu kommen, ins Eins gegen Eins zu gehen und dann den Abschluss zu suchen. Letztlich entscheidet das der Trainer.

bundesliga.de: Sie sind in Deutschland geboren, haben aber die italienische Staatsbürgerschaft. Hat es Sie nie gereizt für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu können?

Grifo: Ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage "Eher weniger". Ich habe in der Vergangenheit bereits für die italienische U20-Nationalmannschaft gespielt. Und mein Traum war es immer und ist es noch, einmal für die Squadra Azzurra, die A-Nationalmannschaft Italiens spielen zu dürfen. Keine Frage, ich fühle mich sehr wohl in Deutschland und bin froh, dass ich hier aufwachsen bin und vieles lernen konnte, was als typisch deutsch gilt, wie Disziplin, Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit. Trotzdem wird bei uns zuhause italienisch gesprochen, italienisch gegessen und italienisch gelebt. Mein Herz schlägt nun mal für Italien.

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bundesliga.de: Gab es bereits Kontakt zur A-Nationalmannschaft?

Grifo: Ja. Und ich hoffe, dass es auch in Zukunft Kontakte geben wird. Umso mehr, weil ich mich nun bei einem großen Verein zeigen kann. Unser Kapitän Lars Stindl hat gerade erst gezeigt, dass man auch in späteren Jahren noch in die Nationalmannschaft berufen werden kann, wenn die Leistungen im Verein stimmen. Letztlich liegt es also bei mir, ob mein Traum wahr wird.

Das Gespräch führte Andreas Kötter