Zusammenfassung

  • Borussia Dortmund beweist derzeit unglaublichen Willen, Mentalität und Moral.
  • Kein anderer Club machte je in der Bundesliga so viele Jokertore in den ersten sieben Spielen.
  • Paco Alcacer trifft am Fließband, Marco Reus macht Tore und legt sie vor.

Köln - Borussia Dortmund ist in diesen Wochen vor allem eines – Offensivspektakel und Torfeuerwerk. 23 Treffer hat der Tabellenführer in sieben Partien schon erzielt, lässt sich dabei auch von einem Rückstand nicht abschrecken. Beim verrückten 4:3-Sieg gegen den FC Augsburg haben die jungen Wilden des BVB gleich zweimal das Spiel gedreht. Das alles hat Gründe – bundesliga.de nennt die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren der Schwarzgelben.

Mentalität

Nervenaufreibendes Spektakel, Achterbahnfahrt samt Happy End, Last-Second-Sieg und Tabellenspitze – im Spiel gegen Augsburg steckte alles, was diesen BVB zurzeit ausmacht. Und was auch die Verantwortlichen emotional ordentlich fordert. "Durchgeschwitzt, Gänsehaut und zwischendurch geärgert", brachte Sebastian Kehl seine Gefühlswelt auf den Punkt. Der Leiter der Lizenzspielerabteilung weiß aber noch aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass "genau diese emotionalen Momente Dortmund ausmachen. Und das lebt kein anderer Verein so wie wir es tun."

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Kein anderer Club legt im Moment diese Mentalität an den Tag, die es braucht, auch Rückschläge wegzustecken. "Geist, Willen und die Gier, nicht aufgeben zu wollen", hat Marco Reus als Triebfeder des schwarz-gelben Express ausgemacht. Was in Halbzeit eins oft noch schief geht, wird in den zweiten 45 Minuten nahezu pulverisiert. In der zweiten Hälfte fielen die vier Treffer in Leverkusen, die drei Tore gegen Monaco und jetzt auch die vier Treffer gegen Augsburg. Was in 90 Minuten nicht geregelt ist, erledigt der BVB eben in der Nachspielzeit wie am Samstag beim Freistoß von Paco Alcacer in der sechsten Minute der Verlängerung.

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Aufgeben ist keine Option, die Spieler glauben an sich und die Fans tun es auch. "Ich habe das Stadion selten so kochen sehen wie ab der 90. Minute", staunte gegen Augsburg sogar Sportdirektor Michael Zorc, der in seinen 40 Jahren in Schwarz-Gelb wahrlich schon einiges erlebt hat. "Kompliment an die Mannschaft für den unbedingten Willen, das Spiel zu gewinnen und für die Entschlossenheit, die sie demonstriert."

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"Wir glauben immer an uns. Ich sehe bei Rückstand niemanden, der den Kopf in den Sand steckt." Roman Bürki (Torwart Borussia Dortmund)

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Einstellung, Leidenschaft, Moral – genau vor diesen Dingen, die in der vergangenen Spielzeit oft so schmerzlich vermisst wurden, strotzt die Borussia zurzeit nur so. "In der vorigen Saison hätten wir die Hälfte der Spiele in Rückstand nicht mehr gewonnen", glaubt auch Roman Bürki, für den die neue Mentalität ganz offensichtlich ist: "Wir glauben immer an uns. Ich sehe bei Rückstand niemanden, der den Kopf in den Sand steckt." Der bisherige Saisonverlauf hat dem BVB dabei voll in die Karten gespielt. "Wir haben genau die Ergebnisse eingefahren, die dazu führen, dass man diese Mentalität aufbauen kann", meint Sebastian Kehl.

Jokertore

Gegen Augsburg setzt BVB-Trainer Lucien Favre auf Mario Götze - mit Erfolg © imago / Kirchner Media

Nach sieben Spieltagen konnte der BVB bereits neun Jokertore bejubeln – das ist neuer Bundesliga-Rekord! Nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga hatte ein Team zu diesem Zeitpunkt so viele Jokertreffer auf dem Konto. Regelmäßig wechselt der Trainer die Tore ein. Lucien Favre beweist an der Seitenlinie ein goldenes Glückshändchen – auch schon im DFB-Pokal und in der Champions League.

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Gegen Augsburg gelangen dem BVB nun sogar erstmals in seiner Geschichte vier Jokertore in einem Spiel. Neben Mario Götze kam auch Dreierpacker Paco Alcacer von der Bank. Die inzwischen sechs Bundesliga-Tore des Spaniers in insgesamt nur 81 Spielminuten und ohne Startelf-Einsatz sind ebenfalls eine historische Bundesliga-Bestmarke. Nur vier Mal überhaupt kamen die besten Joker einer gesamten Saison auf mehr Treffer als Alcacer aktuell zu diesem Zeitpunkt.

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"Durchgeschwitzt, Gänsehaut und zwischendurch geärgert - genau diese emotionalen Momente machen Dortmund aus. Und das lebt kein anderer Verein so wie wir es tun." Sebastian Kehl (Leiter Lizenzspielerabteilung Borussia Dortmund)

Interessant: In sieben von zehn Pflichtspielen gelang dem BVB wie zuletzt gegen Augsburg kein Treffer vor der Pause. Und nur sechs der insgesamt 29 Tore in diesen Partien fielen in den ersten 45 Minuten. Umso mehr Bedeutung kommt den Dortmunder Jokern zu, die es in dieser Saison gemeinsam bereits auf neun Vorlagen und zwölf Treffer bringen. Zugute kommt Favre und seiner Borussia dabei die hervorragend besetzte Bank, die viele hochkarätige Alternativen bietet und die Mannschaft unberechenbarer macht. Schon 13 Spieler trugen sich in der Bundesliga in die Torschützenliste ein. Der vermeintlich zu große Kader entpuppt sich derzeit angesichts diverser Ausfälle (Pulisic, Wolf, Kagawa, Schmelzer) als Vorteil.

Individuelle Klasse

Allen voran Marco Reus steht bei Borussia Dortmund für die individuelle Klasse, die eine Mannschaft auf ein höheres Niveau hebt und derzeit Garant ist für pralle Offensivpower und Torspektakel. Der 29-Jährige hat unter seinem einstigen Mentor Lucien Favre und mit der Kapitänsbinde am Arm noch einmal einen Schritt gemacht, zumal er jetzt seine Wunschposition hinter den Spitzen bekleidet. "Dass ich mich in der Rolle im offensiven Mittelfeld wohler fühle, das sieht man ja. Ich bin halt kein Mittelstürmer", sagt er selbst.

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Seine Spielfreude und seine Abschlussstärke beflügeln die Borussia und reißen auch die Youngster mit, denen Reus Vorbild und Lehrmeister zugleich ist. "Marco und ich haben eine besondere Verbindung. Er lehrt mich vieles, zum Beispiel, reifer am Ball zu sein und ruhig zu bleiben", hat der 18-jährige Jadon Sancho verraten. In zehn Pflichtspielen kommt Reus bislang auf sechs Treffer und sechs Vorlagen, traf in der Liga vier Mal – ein Spitzenwert.

"Marco und ich haben eine besondere Verbindung. Er lehrt mich vieles, zum Beispiel, reifer am Ball zu sein und ruhig zu bleiben." Jadon Sancho (Spieler Borussia Dortmund)

Getoppt wird diese Quote natürlich noch von Jokerkönig Paco Alcacer und seinem Bundesliga-Sixpack in 81 Minuten. Der Spanier hat seine Klasse damit schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ein echter Mittelstürmer mit starker Schusstechnik, technisch versiert, beidfüßig, taktisch bestens geschult. Dabei konnte er sein volles Potenzial nach Einschätzung der Verantwortlichen noch gar nicht richtig abrufen. "Ihm fehlt noch die komplette Fitness. Er hat noch nicht den Rhythmus, regelmäßig über 90 Minuten zu gehen", glaubt Sebastian Kehl – was den gegnerischen Abwehrreihen mit Blick auf die nächsten Wochen durchaus etwas Sorgen machen dürfte.

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Neben Alcacer und Reus sind es die jungen Wilden, die ihr riesiges Potenzial schon erstaunlich souverän und beständig abrufen. Vorlagenkönig Jadon Sancho (18), Jacob Bruun Larsen (20) und der derzeit verletzte Christian Pulisic (20) bilden mit ihrer Mischung aus individueller Klasse und jugendlicher Unbekümmertheit aktuell das entscheidende Puzzle-Teil, um aus einer sehr guten eine spektakuläre Offensivreihe zu machen.

Fehlt eigentlich nur noch, dass jetzt auch Mario Götze, dessen fußballerische Fähigkeiten unbestritten sind, noch zu alter Stärke zurückfindet. Sein Traum-Comeback samt erstem Saisontor gegen Augsburg war jedenfalls schon mal ein guter Anfang.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte