Dortmund - Thomas Tuchel ballte immer wieder jubelnd die Fäuste, die Spieler fielen sich freudestrahlend in die Arme, tanzten ausgelassen vor der Südtribüne und feierten mit den Fans die La-Ola-Welle. Fast hätte man meinen könne, der BVB habe gerade einen Titel gewonnen. Der soll zwar erst am nächsten Wochenende in Berlin her, doch nach dem Sieg über Bremen und Platz drei in der Liga geht die Borussia das Unternehmen DFB-Pokalsieg jetzt mit breiter Brust an.

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Vor dem letzten Bundesligaspiel dieser Saison und dem DFB-Pokalendspiel als Abschluss hatte Thomas Tuchel keinen Zweifel gelassen, was für den BVB auf dem Plan und dem Spiel steht. „Wir haben jetzt zwei Finals und können alle unsere Ziele in diesen zwei Spielen erreichen“, hatte der Coach vorgegeben – und darf sich freuen, dass Ziel Nummer eins unter Dach und Fach ist. Mit dem 4:3-Torfestival gegen Bremen hat sich Dortmund auf direktem Wege in die Champions League spektakelt. Platz drei war vor der Saison und nach dem personellen Umbruch das Ziel. Mit dem Sieg wurde genau diese Platzierung erfolgreich vor Hoffenheim verteidigt.

Dass seine Mannschaft aber zum Abschluss dieser Bundesliga-Spielzeit noch einmal das volle Repertoire an Achterbahnfahrt abrufen würde, das hatte auch Tuchel vorher so wohl nicht vermutet. Erst die Muskelverletzung von Kapitän Marcel Schmelzer unmittelbar vor dem Anpfiff, dann gleich zweimal der Rückstand gegen die Gäste von der Weser. Und am Ende doch noch eine tolle Aufholjagd, die Pierre-Emerick Aubameyang mit seinem Doppelpack sogar noch die Torjägerkanone bescherte – mehr Spektakel geht kaum.

Leidenschaft, Druck und Mut

„Wir haben mit viel Leidenschaft, Druck und Mut nach vorne gespielt und es geschafft, das Spiel am Ende nochmal zu drehen. Dafür gebührt der Mannschaft ein riesengroßes Kompliment“, fasste es Tuchel erleichtert zusammen.

>>> Stolzer König der Torjäger

Vor allem die Heimstärke war es, die den BVB wieder in die europäische „Königsklasse“ katapultiert hat. 43 Punkte holte die Borussia vor den eigenen Fans – das schafften außer den Dortmundern nur noch die Bayern. In der gesamten Ära Tuchel ist die Mannschaft im heimischen Signal Iduna Park ohne Niederlage und hat damit ein Statement gesetzt, das auch Roman Bürki beeindruckt: „Wenn du eine Top-Mannschaft sein willst, dann musst du zuhause deine Spiele gewinnen. Und wir haben jetzt seit zwei Jahren kein Heimspiel mehr verloren.“

Video: Tuchels Erfolgstaktik

Den Glauben an die eigene Stärke will der BVB jetzt mitnehmen nach Berlin, wo die Dortmunder Fans zum Pokalfinale traditionell zu Zehntausenden anreisen und quasi auch hier für Heimspiel-Atmosphäre sorgen. „Das Spiel nochmal zu drehen und uns damit für die Champions League zu qualifizieren war ganz wichtig und gibt uns nochmal viel Selbstvertrauen“, bestätigte Sokratis. Moral und Charakter habe die Mannschat bewiesen, lobte auch Marco Reus, der an diesem Nachmittag nicht nur die Kapitänsbinde von Schmelzer übernommen hatte. Der Nationalspieler agierte wie ein echter Führungsspieler, trieb das Spiel immer wieder nach vorne und krönte seinen starken Auftritt ebenso wie Aubameyang mit einem Doppelpack.

Dortmund Favorit im Finale

Nach der Partie machte Reus aber auch keinen Hehl daraus, dass trotz des Erfolges mit Blick auf die drei Gegentore nicht alles optimal war: „Der Sieg gibt uns Rückenwind, die defensive Leistung allerdings weniger. Das haben wir nicht gut gemacht. Es war vielleicht nicht schlecht, dass Bremen uns unsere Fehler nochmal aufgezeigt hat. So können wir noch daran arbeiten.“ Die Favoritenrolle aber nimmt der 27-Jährige vor dem Endspiel trotzdem an. Und will ihr auch gerecht werden: „Für uns war es nicht schlecht, dass es gegen Bremen noch einmal um etwas ging, um im Rhythmus zu bleiben. Frankfurt hat in den letzten Wochen keinen guten Fußball gezeigt und es ist nicht so leicht, jetzt einfach umzuschalten.“

Der BVB aber will Rhythmus, Erfolgserlebnis und Euphorie am kommenden Samstag ummünzen in den ersten großen Titel seit fünf Jahren. Die positive Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld erhielt im Bundesligafinale noch einen zusätzlichen Schub durch das Comeback von Marc Bartra. Der Spanier, der sich beim Sprengstoffanschlag auf die Spieler vor wenigen Wochen die Speiche gebrochen hatte, lieferte eine bärenstarke Leistung ab und lieferte nach dem Abpfiff großes Gefühlskino. Weinend vor Erleichterung stand er vor der großen Südtribüne, während ihn Fans und Mitspieler enthusiastisch feierten.

Trauma überwinden

Vielleicht werden am nächsten Samstag noch mehr Tränen fließen, sollte der BVB seine Saison tatsächlich mit dem Gewinn des DFB-Pokals abschließen. Für die Borussia gilt es dabei auch, endlich ein kleines Trauma zu überwinden, das auch Aubameyang beschäftigt: „Es ist für mich jetzt das vierte Mal in Folge, dass ich im Finale stehe. In diesem Jahr müssen wir es einfach schaffen.“

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte