Dortmund - Derbytime! Wenn die beiden großen Ruhrpottrivalen zu ihrem ewigen Duell aufeinandertreffen, stehen ganz Dortmund und Gelsenkirchen Kopf. Denn beim Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 geht es nicht nur um Punkte und Tabellenstände - an erster Stelle geht es ums Prestige. Was aber passiert so alles abseits des Geschehens auf dem Rasen? bundesliga.de hat sich zum 87. Bundesliga-Revierderby rund um den Signal Iduna Park umgeschaut.

"Geil trifft es einfach am besten." Mario Börsch kann das breite Grinsen im Gesicht nicht verstecken. Der gebürtige Dortmunder ist erstmals bei einem Derby im Stadion. Fan des BVB war er natürlich schon immer. Doch seit er mit Marie Spitz ("Dauerkarte auf der Süd") zusammen ist, geht er auch regelmäßig ins Stadion. Und hat dort einen denkwürdigen Tag erlebt, mit dem perfekten Ergebnis für die Borussia. "Jetzt kann kommen, was will", lacht Börsch glücklich über den 3:2-Sieg.

"Eine Pleite vergisst du nie"

Derby, das sind für die Fans der beiden großen Westclubs nicht nur die 90 Minuten am Sonntag. "Das fängt viel früher an", sagt Dominik Iser. "Die letzten drei Spiele haben wir uns schon aufs Derby eingesungen." Und sein Freund Christian Poggemeyer ergänzt: "Bei der Arbeit neckt man sich die ganze Woche mit den Schalker Kollegen – wer verliert, traut sich danach eine Woche nicht in die Kabine." Iser geht sogar noch weiter: "Eine Niederlage gegen die Bayern hakt man relativ schnell ab, eine Pleite gegen Schalke vergisst man vielleicht sein Leben lang nicht." Klar, dass die Jungs vom Fanclub "United Süd Supporters" schon vier Stunden vor Spielbeginn da sind. Einstimmen, einsingen und sofort rein ins Stadion sobald die Tore um 13 Uhr geöffnet werden.

Die Schalke-Fans Stefan Stroh und Joey Möhrle haben sich für die Faszination Derby sogar viereinhalb Stunden ins Auto gesetzt. Die beiden 19-jährigen kommen aus Freudenstadt in Baden-Württemberg. Auch 470 Kilometer entfernt von Gelsenkirchen sind sie eingeschworene Knappen und wissen genau, was dieses Spiel bedeutet: "das ist das wichtigste Spiel des Jahres. Da zehrst du ein halbes Jahr von."

Um 12 Uhr, also eine Stunde vor Einlass und dreieinhalb Stunden vor Anpfiff, ist die Strobelallee vor dem Dortmunder Stadion schon voll. Blaue Trikots sieht man jetzt noch wenige, die meisten Schalker Fans kommen erst später im Pulk. Stattdessen beherrscht Schwarz und Gelb das Bild vor den Bier- und Bratwurstbuden. In den beiden Biergärten am Stadion Rote Erde und dem "Strobels" gibt es schon jetzt keinen freien Platz mehr. Maik Schlief aus Dettmold hat zusammen mit seinen Freunden einen Tisch reserviert. "Hier musst du früh hinkommen, das gehört dazu", sagt er. Vor allem gegen Schalke ist der Stadionbesuch Pflicht. "Da knistert die Atmosphäre, die Spannung ist riesig. Auf das Spiel freust du dich das ganze Jahr", sagt er.

"Es geht um die Westmeisterschaft"

Draußen wird es laut. Die ersten Schalker Gruppen ziehen ausgelassen singend vors Stadion. Matze und Justin sind seit 10 Uhr unterwegs, aber das Derby hat für sie schon Samstag Morgen mit ihrer Klicke begonnen. "Geschlafen haben wir nicht", sagt Matze. Auch für ihn gibt es kein wichtigeres Fußballspiel im ganzen Jahr. "Deutscher Meister werden wir ja eh nicht, bei den Bayern. Aber das Derby ist unsere Meisterschaft – die Westmeisterschaft!"

Natürlich fliegen zwischen den Fanlagern auf der Strobelallee auch ein paar Sprüche hin und her, insgesamt ist die Stimmung aber gelassen. Überall sieht man gemischte Grüppchen, wo Blaue und Schwarz-Gelbe zusammenstehen und diskutieren. Ein schwergewichtiger Schalker, der ein paar Dortmunder lachend anquatscht ("Na, glaubt ihr etwa, dass ihr heut ne Chance habt?") kriegt von den Rivalen sogar ein Bier geschenkt. Andreas Hefner, selbst gekleidet im gelben Dress, sucht noch "eine Karte für den Schalke-Block." Nicht für sich, sondern seinen Azubi Josef Schuh. Chef und Stift sind gemeinsam aus Dillingen im Saarland angereist, im Stadion wollen sie aber getrennte Wege gehen. Für Schuh könnte das Derby dennoch übel ausgehen. Hefner breit grinsend: "Wenn Schalke gewinnt, muss Josef die nächsten zwei Wochen richtig hart ranknüppeln."

Wie ausgestorben

So langsam wird es leerer vor dem Stadion. Die meisten Fans sind schon drin als Stadionsprecher Nobby Dickel die Aufstellung der Borussen ins Mikro brüllt. Gleich danach Gänsehautstimmung, 80.000 Menschen singen "You never walk alone." Dann ist Anpfiff. Und die Strobelallee wirkt wie ausgestorben. Bis auf wenige Fans, die keine Karte bekommen haben und nun durch den Zaun auf einen TV-Bildschirm schauen, ist die Straße verwaist.

Für Detlef Nakonker ist jetzt Pause. Seine kleine Würstenchenbude hat er abgeschlossen, während des Spiels kommt eh keiner. "Aber nachher geht der Wahnsinn weiter. Dann haben alle wieder Hunger", sagt er lachend. Der Ansturm auf seine Knacker ist stets enorm, da macht das Derby keinen Unterschied. Vom Spiel bekommt er aber auch in der freien Zeit nichts mit. "Ich hab ja keinen Fernseher hier." Alina Böttger dürfte sogar ins Stadion. Die Bierbude gleich neben der BVB-Geschäftsstelle bleibt zwar offen, die Bedienungen sind aber Mangels Kunden beschäftigungslos. Einige Kolleginnen nutzen die Gunst der Stunde, Böttger bleibt lieber draußen. "Das ist mir zu viel hin- und herlaufen."

Wie ausgewechselt ist auch das Bild in der BVB-Fanwelt. Wo sich vor dem Spiel hunderte Fans durch die engen Gänge zwischen den Ragalen mit tausenden Merchandising-Artikeln der Borussia durchgeschoben haben, ist jetzt außer den Verkäuferinnen kein Mensch mehr. Vor dem Stadion-Haupteingang herrscht hingegen reges Treiben. Ein gutes Dutzend Arbeiter baut die mobilen Drehkreuze und Zäune, die einen geordneten Einlass gewährleisten sollten, wieder ab. Nach dem Spiel sollen die Fans ohne Hindernisse schnell raus können. Mit zwei Gabelstaplern werden die aufgetürmten Zaunteile auf einen LKW geladen. Gleich nebenan sammeln sechs Männer von der Müllabfuhr sämtliche Tonnen ein, die gelehrt und dann abtransportiert werden.

"Wichtiger als die Deutsche Meisterschaft"

Riesige Stimmung herrscht im "Strobels". Die vier Türsteher dürfen schon keinen mehr reinlassen, der Biergarten ist voll. Und scheint schier zu explodieren als Matthias Ginter kurz vor der Pause das 2:1 für den BVB köpft. Frank und Benjamin Redieß und ihre Freunde Florian Rismann und Philip Salzmann liegen sich in den Armen und feiern. Eintrittskarten haben sie keine mehr bekommen, doch "das Derby ist ein Muss. Dafür nimmt man sich im Zweifelsfall Urlaub. Sonst bist du kein echter Dortmunder", sagt Frank Redieß. Das "Strobels", so sagen sie, ist die beste Alternative zum Stadionbesuch, die Atmosphäre einmalig. Die Brüder Redieß sind eigens aus Hamburg angereist, für sie ist das Derby "wichtiger als die Deutsche Meisterschaft. Im Ruhrpott müssen wir die Nummer eins sein."

Zumindest bis Anfang April, wenn das Rückspiel in Gelsenkirchen steigt, sind die Dortmunder das nun. Um 17.19 Uhr pfeift Schiri Dr. Felix Brych das Spiel ab, Dortmund hat 3:2 gewonnen. Wenig später strömen die glücklichen BVB-Fans aus dem Stadion, die Strobelallee ist wieder überfüllt mit Menschen. "Einfach nur geil", jubelt Mark Boida. "Perfekt gespielt", sagt Peter Klaas. Und Tim Augustin freut sich drauf, "nach Hause zu kommen und meinen Eltern zu erzählen, wie unglaublich das war!". Der 17-Jährige hat nämlich eigens eine Familienfeier geschwänzt. Aber auch bei den Schalkern ist kein Frust zu verspüren, die Enttäuschung hält sich in Grenzen. "Das war eine ansprechende Leistung. Ein Derby zu verlieren, ist immer bitter. Aber die Jungs haben sich nicht aufgegeben und gekämpft. Das Wie ist wichtig", sagt Thorsten Warda.

Das Derby ist vorbei, die Fans machen sich auf den Heimweg. Für Dominik Iser war es ein gelungener Tag, an den er sich noch eine Weile erinnern wird: "Jetzt haben wir für ein halbes Jahr Ruhe."

Aus Dortmund berichtet Tobias Schild

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