Dortmund - Als Marco Reus nach 86 Minuten den Platz verließ, erhob sich das ganze Stadion. Standing Ovations und tosender Applaus begleiteten den Nationalspieler vom Rasen, der Borussia Dortmund als Doppeltorschütze zu einer 4:0-Gala gegen Bayer Leverkusen und auf bestem Weg zurück Richtung Champions League geführt hat. An seiner Seite brillierte der erst 18-jährige Jadon Sancho.

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"Ganz ehrlich – ich war in seinem Alter noch nicht so weit", stellte Marco Reus nach dem Abpfiff anerkennend fest. Was der junge Engländer da in den 90 Minuten zuvor gegen Bayer gezeigt hatte, nötigte seinen Mitspielern jede Menge Respekt ab und hatte die Fans regelrecht verzückt. Der technisch versierte Sancho drehte auf dem linken Flügel richtig groß auf, ging immer wieder ins Dribbling und sorgte auch mit seinen Läufen für ständige Gefahr. "Mit seiner Schnelligkeit und seinen Haken kann er schon einige Gegner schwindelig spielen. Sein Antritt ist brutal", geriet Maximilian Philipp geradezu ins Schwärmen.

"Mit seiner Schnelligkeit und seinen Haken kann er schon einige Gegner schwindelig spielen. Sein Antritt ist brutal" Maximilian Philipp (Borussia Dortmund) über Jadon Sancho

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Natürlich merkt man dem Megatalent manchmal noch die fehlende Erfahrung an. Etwa nach zwölf Minuten, als Reus den Youngster freigespielt hatte und der allein vor Leverkusens Keeper Öczan zu überhastet abschloss. Aber nur eine Minute machte er es direkt besser und schlenzte den Ball nach Vorlage von Christian Pulisic ganz abgezockt zu seinem ersten Bundesligator ins lange Eck. Später bereitete Sancho noch zwei Treffer vor, zog stolze 46 (!) Sprints an und war damit ein wichtiger Faktor in dieser schwarz-gelben Gala gegen Leverkusen, in der die Borussia nach glanzloser Tristesse endlich wieder spektakulären Fußball bot.

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Leidenschaft, Wille, Mut – all das hatten die Fans ihren Profis vor dem Anpfiff mit großen Bannern noch abgesprochen. Jetzt gegen Leverkusen war es auf einmal wieder da, feierte der BVB mit enormem Tempo, hoher Aggressivität und viel Spielfreude nur sechs Tage nach der Derbyschmach eine wundersame Wiederauferstehung. "Es war eine tolle Vorstellung", lobte Stöger. "Wir haben gut gegen den Ball gearbeitet, haben die nötige Körperlichkeit reingebracht. Wir waren kompakt und giftig und hatten auch den Mut, Eins-zu-Eins-Situationen Richtung Abschluss zu lösen."

"Ein Spiel allein reicht nicht aus, um die Derby-Niederlage wieder gutzumachen" Manuel Akanji (Borussia Dortmund)

Einer ging dabei voran und führte die zuletzt so lethargische Mannschaft zurück zu alter Stärke: Marco Reus drückte dem schwarz-gelben Spiel seinen Stempel auf. Der verschossene Strafstoß nach 37 Minuten stachelte ihn dabei noch mehr an: "Der Elfmeter war ganz schwach geschossen und ich wollte der Mannschaft in der zweiten Halbzeit unbedingt helfen." Das tat er dann mit einem starken Auftritt samt Doppelpack, der den guten Fußball des BVB auch in einen ausgesprochen erfolgreichen verwandelte. Mit sechs Torschüssen war Reus mit Abstand der abschlussstärkste Spieler des BVB.

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Auch Bundestrainer Löw wird aufmerksam registriert haben, dass der 28-Jährige rechtzeitig vor der Weltmeisterschaft auf bestem Wege zurück zu absoluter Top-Form ist. Erst acht Spiele hat er seit seinem Kreuzbandanriss und dem Comeback im Februar in der Bundesliga bestritten, dabei aber schon fünf Tore erzielt. "Für mich ist es jetzt weiter wichtig, in den Rhythmus zu kommen und über 90 Minuten zu spielen", hielt Reus selbst den Ball in Sachen persönlicher Leistung flach. Lieber wollte der Nationalspieler nach dem Sieg über Leverkusen noch eine Lanze für seine Mitspieler brechen: "Man hat in dieser Partie gesehen, dass die Mannschaft intakt ist. Von der Mentalität und vom Charakter her haben wir eine super Leistung gezeigt."

Dortmunds Nachwuchs-Stürmer Jadon Sancho zeigte eine überragende Leistung
Dortmunds Nachwuchs-Stürmer Jadon Sancho zeigte eine überragende Leistung © imago / Mika

Der Erfolg über einen direkten Konkurrenten hat dem BVB in der Tabelle jetzt fünf Punkte Vorsprung auf Rang fünf beschert, auf dem sich die TSG Hoffenheim in Lauerstellung befindet. Die Qualifikation für die Champions League und damit das erklärte Ziel sind für die Borussia wieder in unmittelbarer Reichweite, auch wenn Peter Stöger warnt: "Jeder Dreier, den wir machen, ist ein großer Schritt. Wir sind nicht so stabil und es ist noch einiges zu tun."

Das gilt umso mehr für das angespannte Verhältnis zu den eigenen Anhängern. Dass man den fulminanten 4:0-Sieg dort zwar zufrieden, aber nach dem Derbydebakel auch mit einer gewissen Vorsicht genießt, scheint bei den Spielern volles Verständnis zu finden. "Unsere Leistung gegen Leverkusen war eine super Reaktion", stellte Manuel Akanji treffend fest. "Aber ein Spiel allein reicht nicht aus, um das wieder gutzumachen."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte