Dortmund - Spitzenreiter in der Bundesliga, Tabellenführer auch in der Champions League – und das wieder mit einer Tor-Gala. Kein Wunder, dass Roman Bürki nach dem 4:0-Sieg von Borussia Dortmund über Atletico Madrid gleichermaßen glücklich und stolz war.

Der Torhüter hält seit Wochen in bestechender Form und ist im Europapokal sogar noch ohne Gegentreffer. Nach der Partie sprach der Schweizer über Titelreife, Bodenhaftung und das Dortmunder Erfolgsgeheimnis.

Frage: Roman Bürki, am Ende sind es auch gegen Atletico wieder vier Tore geworden, der BVB führt nicht nur die Bundesliga an, sondern auch die Gruppe in der Champions League – sogar ohne Gegentor. Ist das alles fast schon ein bisschen irrational?

Roman Bürki: Ich habe nach dem Spiel auf mein Handy geschaut. Ich habe wirklich viele Nachrichten bekommen und ganz viele Leute haben mir geschrieben, dass es unglaublich ist, wie stark wir im Moment sind. So etwas ist natürlich schön zu lesen und zu hören. Aber es stimmt auch einfach bei uns in der Mannschaft. Wir sind trotz der Siege immer noch am Boden, da hebt niemand ab. Wir wissen aber auch, dass wir sehr gut Fußball spielen können. Und mit diesem Selbstvertrauen treten wir dann auf.

"Es ist schon unglaublich. Fast jeder Spieler, der reinkommt, macht ein Tor."

Frage: Der BVB musste nach der Pause auch eine Drangphase von Atletico überstehen, als Saul den Ball ans Lattenkreuz nagelte. Später haben Sie den Ball gerade noch an den Pfosten lenken können. Brauchte es dieses Mal auch ein gewisses Spielglück?

Bürki: Wir wussten, dass es nicht über 90 Minuten ein klares, eindeutiges Spiel sein würde. Der Trainer hatte es in der Pause extra noch einmal angesprochen, dass es zu Beginn der zweiten Hälfte schwierig werden könnte. Da hat es Atletico sehr gut gemacht. Es war dann am wichtigsten, dass wir sehr ruhig geblieben sind. Wir haben nicht versucht, irgendetwas überhastet zu erzwingen. Es gibt immer wieder solche Phasen, die wird es auch in der Bundesliga wieder geben. Da gilt es ruhig zu bleiben und weiter konzentriert nach vorne zu spielen. Die Möglichkeiten, die wir immer bekommen, die haben wir auch dieses Mal wieder eindrucksvoll genutzt.

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Frage: Und der Trainer hat dabei einmal mehr sein goldenes Händchen bewiesen und wieder die richtigen Joker eingewechselt.

Bürki: Es ist schon unglaublich. Fast jeder Spieler, der reinkommt, macht ein Tor. Jetzt gegen Atletico macht Raphael Guerreiro zwei Treffer, Jadon Sancho ist auch wieder mit dabei. Unglaublich! Die Spieler, die reinkommen, wissen, dass sie fit sind und laufen können. Wenn der Gegner dann langsam müde wird, können sie das ausnutzen und können die Räume nutzen. Das ist auch etwas, was uns im Moment so stark macht.

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Frage: Die Joker stechen, die Rotation funktioniert sehr gut, die Neuzugänge fügen sich perfekt ein – besser geht es kaum.

Bürki: Jeder einzelne Spieler weiß bei uns, dass er sehr wichtig für den Verein und für den Erfolg ist. Egal, ob du 90 Minuten spielst, reinkommst oder auch mal 90 Minuten auf der Bank sitzt. Jedem wird das Gefühl vermittelt, dass er wichtig ist. Da wird niemand einfach links liegen gelassen, auch wenn er mal nicht zum Einsatz kommt. Das spürt man dann eben auch.

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Frage: Vor dem Spiel gegen Atletico war von einer Reifeprüfung für den BVB die Rede. Das Ergebnis ist eindeutig. Hat der BVB damit – auch mit Blick auf die Meisterschaft – seine Titelreife unter Beweis gestellt?

Bürki: Es ist sehr früh, das jetzt zu beurteilen. Aber wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen. Wir gehen in jeden Wettbewerb, um erfolgreich zu sein. Das ist ganz klar unser Ziel. Es wird nicht möglich sein, am Ende wirklich jedes Spiel zu gewinnen. Aber wir werden alles dafür tun. Wir haben bis jetzt schon viele Menschen überrascht. Und wir versuchen das natürlich bis zum Ende durchzuziehen.

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Frage: Der BVB spielt seit Wochen wie im Rausch, ob in der Bundesliga oder jetzt auch in der Champions League. Sind das die Spiele, wegen der man Fußballprofi geworden ist?

Bürki: Wenn ich mir unsere Spiele und unsere Leistung nach den Spielen nochmal durch den Kopf gehen lasse, dann bin ich unheimlich stolz auf die Mannschaft. Es gibt so viel Freude und es macht so viel Spaß, mit diesen Jungs zusammen zu spielen. Und das geht allen so. Wir haben immer eine gute Atmosphäre im Team. Es ist auch eine gewisse Lockerheit da, die der Trainer mit reinbringt. Es funktioniert einfach im Moment alles. Trotzdem wissen wir, dass es auch wieder andere Zeiten geben kann. Aber im Moment genießen wir es einfach und fragen nicht groß danach, warum es so gut läuft.

"Jeder einzelne Spieler weiß bei uns, dass er sehr wichtig für den Verein und für den Erfolg ist."

Frage: Erleben Sie gerade Ihre schönste Zeit, seit Sie für den BVB spielen?

Bürki: Mit dem DFB-Pokalsieg zusammen auf jeden Fall. Es ist die schönste und angenehmste Zeit, vor allem über einen so langen Zeitraum.

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Frage: Und das Trikot von Atleticos Torhüter Jan Oblak nehmen Sie als Trophäe mit nach Hause?

Bürki: Ich würde eher sagen, es ist ein schönes Souvenir und eine schöne Erinnerung an den Abend. Es ist beeindruckend, was Jan Oblak mit Atletico Madrid in seiner Karriere schon erreicht hat. Ich bin stolz, dass wir gegen solche Spieler und ein solches Team so toll aufgetreten sind.

Aufgezeichnet in Dortmund von Dietmar Nolte