Axel Witsel lief bislang 98 Mal für Belgien auf, erzielte dabei neun Tore - © imago / DeFodi
Axel Witsel lief bislang 98 Mal für Belgien auf, erzielte dabei neun Tore - © imago / DeFodi
Bundesliga

BVB-Neuzugang Axel Witsel: Ein polarisierender Hochkaräter

Dortmund - Der 29-jährige Axel Witsel zählt zu dem Typus von Spieler, der bei Borussia Dortmund in der vergangenen Saison schmerzlich vermisst wurde. Er bringt viel Willen und große Mentalität mit nach Dortmund, genauso aber auch außergewöhnliche Fähigkeiten am Ball. Gleichzeitig polarisiert der Belgier auf vielen Ebenen.

Ein folgenschweres Foul

Blaue Augen, dunkler Teint, dazu ein Afro auf dem Kopf, der Oberkörper bedeckt von großflächigen Tattoos: Axel Witsel fällt auf - allerdings nicht allein durch sein Äußeres. Der Sohn einer weißen Belgierin und eines dunkelhäutigen Franzosen mit Wurzeln auf der Insel Martinique ist eben kein gewöhnlicher Fußballprofi. Seine bisherige Karriere ist eher ungewöhnlich und passt so gar nicht ins Bild der heutigen Generation von hochbegabten Fußballern, deren Weg von der Jugend bis in den Ruhestand quasi am Reißbrett entworfen wird.

Die Profi-Laufbahn von Axel Witsel begann vor den Toren von Lüttich, wo er aufwuchs und es in den Nachwuchs von Standard Lüttich schaffte. Schnell offenbarte der wuchtige, sehr dominant auftretende und offensiv denkende Mittelfeldspieler beim belgischen Traditionsverein seine Stärken. Witsel besticht noch heute durch seine Dynamik, seine Fähigkeiten, ein Spiel strategisch zu erfassen, es durch kluges Passspiel zu lenken, gleichzeitig aber auch immer ein gewisses Maß an Torgefahr auszustrahlen. All das, gepaart mit einer gesunden Portion Aggressivität, führten ihn schnell in den Profikader. Mit 17 gab er bei Standard sein Debüt. Alles deutete auf eine außergewöhnliche Karriere hin. Das wurde sie auch, allerdings anders, als die meisten Experten es vermutlich prophezeit hätten.

Video: Witsels Ankunft beim BVB

Witsel geht "seinen" Weg

Dies mag auch mit dem 30. August 2009 zusammenhängen. An diesem Tag begang Witsel im Liga-Spiel gegen den RSC Anderlecht ein folgenschweres Foul, das ihn noch lange verfolgen sollte. Es lief die 30. Minute, als Witsel gegen seinen Gegner Marcin Wasilewski zu spät kam, dennoch nicht zurückzog, und ihm in einer Mischung aus Pech und Übermotivation dermaßen ungünstig auf den Knöchel stieg, dass sowohl Schien- als auch Wadenbein des Polen brachen. Bilder und Videos dieses Fouls sind im Internet zu Hauf zu finden, allerdings auch definitiv nichts für schwache Gemüter. Für Witsel war es der Beginn eines Spießroutenlaufs.

In den heimischen Medien wurde der damals 20-Jährige scharf kritisiert. Ein Sturm der Entrüstung setzte ein. Vom "Anschlag Witsels" war zu lesen, Fans protestierten vor seinem Elternhaus, warfen gar Fensterscheiben ein, sein Ausrüster kündigte den Vertrag auf, der Verband sprach eine knallharte Sperre von acht Spielen nebst saftiger Geldstrafe aus. Viel zu verkraften für einen so jungen Spieler, der trotz des Chaos', das über ihn hereinbrach, Größe, Reue und Empathie zeigte: "Ich will mich bei Marcin Wasilewski und seiner Familie entschuldigen und ihn so schnell wie möglich im Krankenhaus besuchen gehen", gab er sofort zu Protokoll.

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Empfang mit der Nationalmannschaft: Witsel feiert nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft - © gettyimages / YVES HERMAN

Portugal, Russland, China

Eine Aussage, die zeigt, dass Witsel charakterlich ein einwandfreier Spieler ist. Dennoch nahmen ihn die Diskussionen um seine Person mit. "Dieser Vorfall hat Axel verändert. Es gab einen Axel vor diesem Foul, und einen danach. Er war gezeichnet von dem medialen und öffentlichen Sturm, wurde verschlossener", zitiert goal.com Witsels Vater. Vielleicht gelang es ihm auch deshalb schon damals, von den Diskussionen um seine Person unbeeindruckt seinen Weg fortzuführen - auch wenn dieser anders ausfällt, als der seiner guten Freunde aus der Jugend von Standard Lüttich und den Nachwuchs-Auswahlen Belgiens.

Toby Alderweireld, Marouane Fellaini und Nacer Chadli gehören heute wie Witsel alle zum Stammpersonal der belgischen Nationalmannschaft, die jüngst bei der WM in Russland auf Platz drei gestürmt ist und mit teils spektakulärem Fußball die Fans begeisterte. Sie alle gehören zur "goldenen Generation" der Landes aus dem Herzen Europas, zu der auch Eden Hazard oder Kevin de Bruyne zählen.

Anders als seine Kollegen, die es in erster Linie in die Premier League zu den großen Clubs aus London oder Manchester zog, führte Witsels Weg in den fernen Osten. Zum chinesischen Club Tianjin Quanjian. Dorthin, wo auch der Ex-Kölner Anthony Modeste vergangene Saison anheuerte. Dafür ließ Witsel sogar ein Engagement bei Juventus Turin sausen.

"Es war eine sehr schwere Entscheidung. Auf der einen Seite ein Top-Club wie Juventus und auf der anderen ein Angebot, das ich für meine Familie nicht ablehnen konnte" gab Witsel damals zu. Ehrliche Worte. Der Belgier blieb sich mit diesem Transfer treu. Schon vor seinem Wechsel nach China hatte er ungewöhnliche Karriere-Entscheidungen getroffen.

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Witsel beim BVB: Eine Win-Win-Situation

Denn schon als in Lüttich alle Zeichen auf Abschied standen, entschied sich Witsel gegen die attraktiven Lockrufe aus Spanien und England. Er wechselte zu Benfica Lissabon. Am Ende der richtige Schritt. In Portugal sammelte er weiter die Spielpraxis, die ihm als junger Spieler bei einem großen Club in einer der europäischen Top-Ligen nicht unbedingt garantiert gewesen wäre. Witsel empfahl sich für höhere Aufgaben, nach nur einem Jahr klopften in Lissabon abermals die Granden des europäischen Fußballs an und der Belgier wechselte. Allerdings abermals nicht dorthin, wo ihn die meisten Experten sahen. Sein Weg führte zu Zenit St. Petersburg.

Wieder polarisierte Axel Witsel. Chelsea und Manchester United sollen damals interessiert gewesen sein. Der Wechsel nach Russland löste Unverständnis aus. Er bringe seine Karriere damit in Gefahr, besonders in der Nationalmannschaft, war zu lesen. Witsel selbst scherte das wenig. Viereinhalb Jahre blieb er in Russland, wurde dort Meister und Pokalsieger. Und in der Nationalmannschaft gehörte er weiterhin zu den Leistungsträgern. Sowohl Marc Wilmots als auch sein Nachfolger Roberto Martinez vertrautem ihrem Mittelfeldstrategen - unabhängig vom Club und der Liga, in der er aktiv war und ist.

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Bei Zenit St. Petersburg gewinnt Witsel die russische Meisterschaft und wird Pokalsieger - © gettyimages / Epsilon

BVB gelingt ein echter Coup

"Er ist ein absolut mannschaftsdienlicher Spieler mit großen Qualitäten. Mit ihm war die Struktur in meiner Mannschaft komplett", sagte Wilmots einmal. Auch er hat seinen Anteil daran, dass sich Witsel spielerisch beständig weiterentwickelt hat. Seine Rolle in der Nationalmannschaft ist nun defensiver. Er sichert hinter den Stars um Hazard, De Bruyne und Lukaku ab, verteilt die Bälle, sieht Lücken, wenn sie sich ergeben und kann den tödlichen Pass zu spielen. Gleichzeitig besticht Witsel weiterhin durch seine Robustheit und Abgeklärtheit.

Über all diese Fähigkeiten dürfen sich nun Lucien Favre und die Schwarz-Gelben freuen, bei denen Witsel in ähnlicher Rolle aktiv werden dürfte. Dem BVB ist mit dem Transfer von Axel Witsel ein echter Coup gelungen. Nach der starken WM in Russland waren dem Vernehmen nach abermals die "üblichen Verdächtigen" aus dem europäischen Ausland am Belgier dran. Witsel aber sieht seine Zukunft in Dortmund. Es könnte - wie schon so oft in Witsels Karriere - eine waschechte Win-Win-Situation für beide Seiten werden.

Dennis-Julian Gottschlich