München - 25 Jahre hielt Werder Bremen die Bestmarke, jetzt sind die Hanseaten sie los. Bayern München hat nach dem 21. Spieltag so wenig Gegentore kassiert wie kein Team zuvor. Erst sieben Mal musste Bayern-Keeper Manuel Neuer hinter sich greifen (Tabelle).

Uli Borowka, 1988 Deutscher Meister mit Werder und Mitglied der legendären Bremer Abwehrreihe in jenem Jahr, erinnert sich im Interview mit bundesliga.de an das Erfolgsgeheimnis von Werder und analysiert die Stärken der Bayern-Mannschaft des Jahres 2013.

bundesliga.de: Herr Borowka, Sie haben am letzten Spieltag einen Bundesliga-Bestwert verloren. Bislang waren Werders neun Gegentore nach dem 21. Spieltag in der Saison 1987/88 Rekord. Jetzt hat Bayern München mit den nur sieben Gegentoren in dieser Spielzeit den Rekord übernommen. Wie traurig sind Sie?

Uli Borowka: Da bin ich jetzt fix und fertig und muss mir überlegen, ob ich aus dem Fenster springe.

bundesliga.de: Nein, tun Sie das besser nicht. Sie haben damals Ihre erste Saison bei Werder gespielt und bildeten zusammen mit Gunnar Sauer, Rune Bratseth und Thomas Schaaf die Abwehrreihe, die in der ganzen Saison (alle Spielzeiten im Überblick) nur 22 Gegentore kassierte. Was hat die Stärke der Werder-Abwehr ausgemacht?

Borowka: Wir waren relativ robust und zweikampfstark. Und wir hatten einen Elch wie den Rune Bratseth hinten drin, der auch einem Andy Möller die Bälle ablaufen konnte. Es hat alles gepasst. Zudem hatten wir Oliver Reck im Tor. Das war eine geile Geschichte. Wir haben uns sehr wohl gefühlt und waren aufeinander abgestimmt. Unser Erfolgsgeheimnis war, dass jeder für den anderen da war. Keiner war sich zu schade, sich schmutzig zu machen oder sich in die Zweikämpfe zu hauen. Wir haben uns sogar gefreut, den Fehler des Kollegen wieder gutmachen zu können. Das war unsere charakterliche Einstellung.

bundesliga.de: Wie leicht wurde es Ihnen als Neuzugang gemacht?

Borowka: Sehr leicht. Das war eine funktionierende Truppe, charakterlich alle gut drauf. Ich war das Bindeglied, das genau reingepasst hat. Das nächsten Rädchen. Vorher war Rune Bratseth neu dazugekommen, auch der Oliver Reck war noch nicht so lange dabei. Aber irgendwo bleibt dieser Rekord, den Werder jetzt an Bayern verloren hat, in der Familie, weil Jupp Heynckes auch mein Trainer war. So schlimm ist es nicht.

bundesliga.de: Bremen hatte in den Jahren vor der ersten Meisterschaft unter Otto Rehhagel immer auf totale Offensive gesetzt, zwischen 76 und 87 Toren geschossen. Aber zum Titel reichte es nicht. Im Meisterjahr genügten dann "nur" 61 Tore. War diese "kontrollierte Offensive" der Schlüssel zum Titel?

Borowka: Ja. Man muss nicht immer himmelhochjauchzend alles nach vorne schmeißen. Wir hatten auch im defensiven Mittelfeld die richtigen Leute. Es hat wie gesagt alles gepasst. Was nutzt es einem, über 70 Tore zu schießen und nicht Meister zu werden? Die Mischung war ausschlaggebend.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie Ihre Nachfolger aus München ein? Was macht die Stärke der Mannschaft aus?

Borowka: Es liegt nicht nur an der Defensive. Es liegt am Konzept des Trainers und an den Spielertypen. Sie haben eine funktionierende Mannschaft, in der auch einmal drei oder vier Spieler ausgewechselt werden können. Sie dominieren Schalke trotzdem über 90 Minuten von vorne bis hinten. Der Kader ist atemberaubend. Die mannschaftliche Geschlossenheit und die Tatsache, dass sie den Fokus ganz auf den Titel gerichtet haben, macht sie so gefährlich. Sie strotzen vor Selbstvertrauen. Denen ist es völlig egal, ob sie mal ein Gegentor bekommen, so selbstsicher und abgeklärt sind sie im Moment. Es macht Spaß, Spiele der Bayern anzugucken.

bundesliga.de: Ist es schon besorgniserregend, wenn man sieht, dass die Ersatzspieler während des Spiels den Torwart warmschießen müssen (Hintergrund), weil der nichts zu tun bekommt?

Borowka: Das hat aber auch mit der Einstellung des anderen Vereins zu tun. Man kann in München verlieren, aber wie Schalke verloren hat, war ganz schlecht. Wenn ich verliere, muss ich vom Platz gehen und wissen, dass ich alles gegeben und mich reingehängt habe. Dann ist es in Ordnung. Aber das war ja ein Abschlachten von A bis Z. Ohne Mumm, ohne Einsatzbereitschaft. So darf man sich nicht präsentieren.

bundesliga.de: Macht Dante bei den Bayern den Unterschied zur letzten Saison aus?

Borowka: Aus meiner Sicht war das die absolut richtige Verpflichtung. Nicht umsonst hat er jetzt auch für die brasilianische Nationalmannschaft gespielt. Das hat er absolut verdient. Der war in Gladbach schon stark. Aber wie er jetzt in München spielt, ist nochmal zwei Klassen besser. Das geht aber auch nur unter so einem Trainer wie dem Jupp Heynckes. Der weiß genau, was er kann, der sagt ihm genau, was er machen soll. Für mich hat Dante noch einmal einen großen Sprung gemacht.

bundesliga.de: Sind die Bayern durch?

Borowka: Ich denke schon. Ich wüsste nicht, wer ansatzweise noch gefährlich werden könnte. Leverkusen hat in Gladbach nur 3:3 gespielt, Dortmund verloren. Das kann passieren. Aber den Bayern macht es nichts aus, auch mal Unentschieden zu spielen. Sie haben eine unheimliche Präsenz und Ausstrahlung, jeder einzelne Spieler geht mit einem breiten Kreuz vorneweg. Das ist ja Wahnsinn. Das Ding ist gegessen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski