Das Rätselhafteste an diesem Mann ist sein scheinbar unaussprechlicher Name. Graffitti, Grafidschi, Grafité? Ihm selbst ist es ziemlich egal, wie man ihn ausspricht: Grafite vom VfL Wolfsburg. "Es heißt übersetzt Bleistift, und weil ich lang und dünn bin, passt er zu mir", sagt der Stürmer.

Der Stern des 30-Jährigen strahlte in der vergangenen Saison besonders hell. Mit überragenden 28 Treffern in nur 25 Spielen sicherte er sich die "Torjägerkanone" und hatte damit großen Anteil am ersten Meistertitel der "Wölfe". Noch lange in Erinnerung bleiben wird vor allem sein Zaubertor zum 5:1-Endstand gegen den FC Bayern, als er die Münchener Abwehrspieler umkurvte wie Slalomstangen und schließlich per Hacke sein Fußballkunstwerk vollendete. "Das 5:1 ist definitiv das schönste Tor, das ich jemals geschossen habe", sagte Grafite hinterher.

Doch wer genau ist eigentlich dieser Grafite, der seit Ende August 2007 beim VfL Wolfsburg dem runden Leder nachjagt? bundesliga.de hat Wissenswertes rund um den Brasilianer gesammelt.

Vorbild

Grafites großes Vorbild ist der brasilianische Fußballer Rai, der mit vollem Namen Raímundo Souza Vieira de Oliveira heißt. Rai führte die brasilianische Nationalelf 1994 als Kapitän zur Weltmeisterschaft in die USA. In den Jahren 1992 und 1993 gewann er mit dem FC Sao Paulo jeweils die Copa Libertadores sowie den Weltpokal. Europäische Fußballfans kennen Rai zudem durch seine Zeit bei Paris St. Germain (1993-98). Auch dort feierte der Brasilianer viele Erfolge: 1994 wurde er Meister, 1995 und 98 Pokalsieger und 1996 gewann er mit PSG den Europapokal der Pokalsieger.

Heimaturlaub für die Psyche

Irgendwie war wohl alles zu viel: der Druck, das fehlende Glück vor dem Tor, die nervigen Gegenspieler, die Rote Karte in der Champions League. Da zog VfL-Coach Armin Veh die "Notbremse" und schickte seinen Stürmer mitten in der Saison für eine Woche in die brasilianische Heimat Recife. "Grafite ist ein sehr emotionaler Mensch", sagte Veh. Um den Kopf freizubekommen, müsse er nun "komplett abschalten. Das funktioniert am besten, wenn er ein paar Tage in einem anderen Umfeld ist". Im ersten Spiel nach der Rückkehr erzielte Grafite den 2:1-Siegtreffer in Hoffenheim.

Grace Kelly

Im Fernsehsender SWR gibt es eine Sendung mit dem Titel "Ich trage einen großen Namen". Darin geht es um die Nachkommen berühmter Persönlichkeiten. Bei Grafites Ehefrau ist der Sendungstitel wörtlich zu nehmen: Sie heißt wie die berühmte US-Schauspielerin und spätere Fürstin von Monaco: Grace Kelly. So schön wie ihr Name ist, so hart kann sie auch mit ihrem Ehemann sein: Nach Roten Karten spricht sie zwei Tage kein Wort mit ihrem Gatten.

Erfolg mit Josue

Grafite und Josue verbindet ein ganz besonderer sportlicher Erfolg. Denn im Jahr 2005 gewannen die beiden die begehrteste und wichtigste Trophäe im südamerikanischen Vereinsfußballwettbewerb: die Copa Libertadores. Sie ist vergleichbar mit der europäischen Champions League. Das Kunststück gelang den beiden mit dem FC Sao Paulo. Beim VfL wünscht man dem Duo sicherlich einen ähnlichen Erfolg. Zwar nicht im Trikot der "Tricolor", aber bestimmt im Dress der "Wölfe".

Traumtor gegen Bayern

"Unglaublich, Wahnsinn, sensationell!!!! Grafite erhöht mit einem Traumtor auf 5:1!!!! Irre!!!! Was für ein Ding! - Der Brasilianer zieht über links in den Strafraum, lässt Ottl, Lell und Rensing aussteigen und schiebt den Ball aus sechs Metern mit der HACKE ins linke Eck! Da fehlen einem die Worte!" Schon die Torbeschreibung des bundesliga.de-Live-Tickers lässt dem Fußball-Fan bereits das Wasser im Mund zusammemlaufen. Die Wahl zum Tor des Jahres scheint nur noch Formsache.

Hahn im Korb

Die Familie ist vor allem den Brasilianern sehr wichtig. So beherbergt zum Beispiel Dortmunds Dede immer einen Großteil seiner Verwandten in den eigenen vier Wänden. Bei Grafite sind die Angehörigen nicht ganz so zahlreich, aber dafür muss sich Grafite gleich gegen vier weibliche Mitbewohner durchsetzen. Ehefrau Grace Kelly, Töchter Marie Cecilia und Marie Luisa sowie seine Katze Emily sind mit Grafite von Le Mans nach Wolfsburg gekommen.

Frankreich

Anfang 2006 wechselte Grafite vom FC Sao Paulo zu Le Mans UC 74 in die französische Ligue 1. Mit seinen Toren schoss er sich in die Herzen der Fans. In 51 Partien traf er insgesamt 17 Mal für die Franzosen. Henry Legarda, der Präsident von Le Mans, verkündete, dass er um Grafite ein erfolgreiches Team aufbauen wolle. Aber nur wenig später unterschrieb der Stürmer bei den "Wölfen". Übrigens: Sergiu Radu, der bis Ende 2007 noch beim VfL Wolfsburg aktiv war, spielte in der Saison 2003/04 ebenfalls in Le Mans.

Ein Spiel, ein Tor

Grafite hat immerhin schon einen Einsatz in der brasilianischen Nationalelf bestritten. Und es war ein ganz besonderer. Denn am 27. April 2005 gab Romario seinen Abschied aus der "Selecao" in einem Freundschaftsspiel gegen Guatemala. Welch Ehre für Grafite. In der 39. Minute kam er für Romario in die Partie. Da führten die Brasilianer durch Tore von Anderson und eben Romario schon 2:0. Grafite war es aber, der in der 66. Minute den 3:0-Endstand besorgte. Ein Einsatz und ein Tor im Dress seines Heimatlandes. Dabei blieb es auch - bisher.

Edinaldo Batista Líbano

Edson Arantes do Nascimento kennt man schon eher als Pele, Zico wurde als Artur Antunes Coimbra geboren, im Pass von Ronaldinho steht Ronaldo de Assis Moreira. Auch Grafite ist ein "Künstlername". Den bekam er mit 21 Jahren verpasst. Bei einer Bezirksmeisterschaft in São Paulo im Sommer 2001 ist ein alter, erfahrener Trainer für die Zusammenstellung der Teams verantwortlich, und als er den großen Stürmer sieht, gibt er ihm den Namen "Grafite", weil er ihn an einen anderen Spieler dieses Namens erinnert - für Edinaldo Batista Libanio die Geburtsstunde seines "Namens".

Tor für den Vater

Am 19. Oktober 2008 starb der Vater von Grafite nach langer Krankheit. Der Brasilianer war unter der Woche nach Brasilien gereist, und rechtzeitig zum Bundesliga-Alltag wieder zurückgekehrt. Im folgenden Bundesligaspiel gegen den FC Bayern München traf Grafite vom Elfmeterpunkt gegen Michael Rensing, und widmete anschließend seinen Treffer dem Verstorbenen.