Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbach hat erneut eine hervorragende Hinrunde gespielt. Platz vier, das Erreichen des Achtelfinales in DFB-Pokal und der Zwischenrunde in der Europa League bestätigen die Borussia als eines der stabilsten Teams der Liga. Dafür verantwortlich zeichnet die hervorragende, kongeniale Zusammenarbeit von Trainer Lucien Favre und Sportdirektor Max Eberl.

Im großen Interview mit bundesliga.de spricht Eberl über Kontinuität im Fußball, über die Effektivität von Winter-Neuzugängen und darüber, wie man das Risiko eines Transfers so gering wie möglich hält.

bundesliga.de: Herr Eberl, im vergangenen Jahr zur Winterpause Platz drei, nun Platz vier. Borussia scheint angekommen unter den Topteams der Liga...

Max Eberl: Platz sechs am Saisonende im vergangenen Sommer und damit die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb, und nun am Ende der Hinrunde trotz eines sehr breiten Kandidatenfeldes Platz vier - ich glaube, dass wir tatsächlich auf einem sehr guten Weg sind. So haben wir zum Beispiel in dieser Saison die Europapokalerfahrung genutzt, die wir bereits vor zwei Jahren sammeln konnten. Und ich hoffe, dass wir aus dem Rückrundenbeginn der vergangenen Saison, als wir leichte Probleme hatten, ebenso etwas gelernt haben.

bundesliga.de: Damals blieb Borussia neun Spiele lang sieglos. Trotzdem schienen nie Unruhe oder gar Zweifel an Trainer Lucien Favre aufzukommen; daran könnten sich andere Klubs und auch manche Ehe ein leuchtendes Beispiel nehmen...

"Wir verfolgen eine gemeinsame Philosophie"

Eberl: Bleiben wir lieber beim Fußball (lacht). Aber es stimmt schon, dass eine Beziehung zwischen Führungskräften oder zwischen Partnern, egal ob auf beruflicher oder privater Ebene, immer getragen wird von einem Miteinander und einem Sich-Annähern und Sich-Anpassen. Lucien Favre und ich haben uns sehr schnell aneinander gewöhnt. Die vergangenen Jahre und die Entwicklung der Mannschaft zeigen, dass wir sehr konstruktiv miteinander arbeiten. Man kann spüren, dass wir alle im Verein eine gemeinsame Philosophie verfolgen. Das ist aber nur möglich, wenn nicht bei jedem kleinen Konflikt bzw. bei jeder kleinen sportlichen Krise alles in Frage gestellt wird. Wir haben das Gegenteil getan und den Vertrag mit Lucien Favre nach schwierigem Beginn der vergangenen Rückrunde sogar verlängert.

bundesliga.de: Ist Borussia der Beweis dafür, dass dauerhafter Erfolg möglich ist auch ohne die ganz großen Finanzmittel, wie sie etwa den Bayern, dem BVB, Leverkusen oder Wolfsburg zur Verfügung stehen?

Eberl: Wir bewegen uns im Rahmen unserer Möglichkeiten - und die sind auch sehr gut. Trotzdem bleibt es Fakt, dass wir vom Budget anderer Clubs sehr weit entfernt sind. Also müssen wir versuchen diesen Nachteil mit guter Arbeit und mit guten Entscheidungen auszugleichen. Ich denke, das ist uns in den vergangenen Monaten sehr gut gelungen.

"Der FC Bayern München steht über allem"

bundesliga.de: Ist der Bereich zwischen Platz vier und sechs der, in dem Borussia mithalten kann - oder ist noch mehr möglich?

Eberl: Stand heute muss man klipp und klar attestieren, dass der FC Bayern München über allem und allen steht. Das wird sich von der einen auf die andere Saison auch kaum ändern. Direkt dahinter sehe ich Clubs wie Leverkusen, Dortmund oder Schalke, die seit Jahren international spielen; dazu gesellen sich nun noch Wolfsburg und Hoffenheim mit ihren ebenfalls sehr guten Möglichkeiten. Und dann kommen der FC Augsburg und auch Borussia Mönchengladbach als sympathische Beispiele dafür, dass erfolgreiche Arbeit nicht ausschließlich durch Geld ermöglich werden kann.

bundesliga.de: Die großen Traditionsclubs wie Stuttgart, Bremen oder Hamburg haben nicht erst seit dieser Saison große Probleme; sind es in Zukunft also Augsburg, Hannover oder Mainz, mit denen Borussia um einen Platz im internationalen Fußball kämpfen muss?

Eberl: Wir dürfen die top Fünf nicht vergessen (lacht). Aber man kann durchaus sagen, dass Vereine wie der FC Augsburg, der 1. FSV Mainz 05 oder Borussia Mönchengladbach deshalb erfolgreich sind, weil sie einen Plan haben und versuchen diesen weitgehend umzusetzen. Andere Clubs dagegen haben seit einigen Jahren mit ihrer Konsolidierung zu kämpfen - was zu vielen Personalentscheidungen und mangelnder Kontinuität geführt hat. Wenn man die beiden Konzepte nun miteinander vergleichen würde, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Kontinuität der erfolgreichere Weg ist.

bundesliga.de: Kontinuität ist unbestritten sinnvoll. Allerdings hat ein Magazin gerade geschrieben: "Borussia Mönchengladbach ist der deutsche Konsensklub. Sympathisch und grundvernünftig. Doch auf dem Weg zu alter Größe braucht es auch etwas Wahnsinn", ist "etwas Wahnsinn" vorgesehen in Ihren Plänen?

Eberl: Mein Ex-Trainer, Hans Meyer, hat immer gesagt, dass die Mischung entscheidend ist, egal ob es den Kader betrifft oder die Gesamt-Entwicklung des Vereins. Eine Prise Verrücktheit gehört also ebenso dazu wie eine gesunde, solide Basis.

"Wir sind vom aktuellen Kader überzeugt"

bundesliga.de: Stichwort Kontinuität: Christoph Kramer wird Borussia im Sommer verlassen. Werden Sie daher möglicherweise schon in der aktuellen Transferphase nach Ersatz suchen?

Eberl: Christoph Kramer war für uns unbestritten ein Super-Transfer, und es ist schade, dass er im Sommer nach Leverkusen zurückgeht. Wir wussten allerdings relativ zeitnah, dass wir keine große Chance haben würden, ihn zu halten. Noch aber haben wir ihn ein halbes Jahr lang bei uns, und er wird uns in der zweiten Saisonhälfte, davon bin ich überzeugt, noch sehr helfen. Was möglichen Ersatz betrifft, sind wir selbstverständlich nicht gänzlich unvorbereitet. Das wäre auch allzu fahrlässig. Und im Laufe der Rückserie werden wir diese ersten Überlegungen intensivieren.

bundesliga.de: Gibt es - abgesehen von der Kramer-Position - die Absicht im Winter auf dem Transfermarkt tätig zu werden?

Eberl: Lucien Favre und ich sind von unserem aktuellen Kader überzeugt. Zudem haben wir mit einigen jüngeren Spielern Potenzial in der Hinterhand, so dass wir - Stand heute - nichts machen werden. Daran könnte sich nur dann etwas ändern, wenn es eine ganz außergewöhnliche Gelegenheit geben würde. Und diese Chance ist doch eher gering.

bundesliga.de: Sind Winter-Transfers riskanter als Sommer-Transfers?

Eberl: Das ist situationsabhängig. Wir haben in zwei Winterperioden bereits gezeigt, dass wir mit unseren jeweiligen Transfers sehr gut gelegen haben. Wenn ich sowohl an meine erste Saison als Sportdirektor denke, 2008/09, als wir Dante, Tomas Galasek , Paul Stalteri und Logan Bailly geholt haben, der in der Rückrunde ganz besonders wichtig war, wie auch an 2010/11, als wir Mike Hanke, Martin Stranzl und Havard Nordtveit verpflichten konnten, die uns geholfen haben die Klasse zu halten, sind wir mit Wintertransfers bisher gut gefahren. Trotzdem ist die Situation im Winter komplizierter, da kein Verein zu diesem Zeitpunkt wichtige Spieler abgeben möchte.

"Es gehören Kleinigkeiten dazu"

bundesliga.de: Sind Winter-Transfers bisweilen auch der Beweis dafür, dass im Sommer nicht gut genug gearbeitet wurde?

Eberl: Diese Aussage stimmt so nicht. Winter-Transfers bedeuten, dass es a) eine Möglichkeit gibt, im Vorgriff auf die kommende Saison etwas zu machen, dass b) im Kader, sei es durch Verletzungen oder Formtiefs, eine Situation entstanden ist, die ein Handeln erforderlich macht, oder dass man c) im Sommer vielleicht doch einmal etwas nicht ganz beachtet hat. Wobei c) für mich die am wenigsten wahrscheinliche Möglichkeit ist, weil jeder Club mit einem exakten Bild von der eigenen Mannschaft in eine neue Saison geht. Wenn dieses Bild aber z. B. durch Verletzungen gefährdet wird, ist es nur legitim nachzubessern.

bundesliga.de: Wegen Ihres guten Gespürs bei Transfers hat man Sie wiederholt zum besten Einkäufer der Liga gekürt; was ist alles nötig, um das Risiko so klein wie möglich zu halten?

Eberl: Wichtig ist zunächst eine gute Kommunikation innerhalb des Vereins, zwischen Trainer, sportlicher Leitung, Scouting-Abteilung und Vorstand. Man muss verstehen, welche Vorstellungen der Trainer hat. Diese Vorstellungen müssen beim Scouting sehr genau berücksichtigt werden. Wenn ein Spieler schließlich gescoutet wurde, geht es darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob er bereit ist, sich auf die neue Umgebung und die neuen Kollegen einzulassen. Und um ganz sicher zu gehen, gehören noch weitere "Kleinigkeiten" dazu, etwa dass man gut über den Spieler und seine Vergangenheit informiert ist. Noch die beste Vorbereitung kann aber nicht hundertprozentig garantieren, dass ein Transfer immer funktioniert. Wenn jemand neu in eine Gruppe kommt, können Probleme auftreten, die nicht vorhersehbar waren. Dieses kleine Risiko bleibt immer.

Das Gespräch führte Andreas Kötter