Nachdem der erhoffte Sprung an die Tabellenspitze der Bundesliga nur zu einem 27-Minuten-Vergnügen geworden war, blickten bei Hertha BSC Berlin alle schon der großen Reifeprüfung gegen Meister Bayern München entgegen.

"Das wird ein tolles Spiel in einem vollen Stadion", meinte Torhüter Jaroslav Drobny nach dem 1:1 (1:1) bei Abstiegskandidat Arminia Bielefeld: "Das Schöne ist: Wir wollen die drei Punkte, Bayern braucht sie. Die stehen definitiv mehr unter Druck als wir."

Berauschender Offensivfußball

Dennoch ist das Spitzenspiel am kommenden Samstag im Olympiastadion auch für die Hertha ein wegweisendes; es könnte zeigen, ob der Hauptstadt-Klub wirklich in der Lage ist, in der Liga-Spitze mitzuspielen. Die Partie in Bielefeld konnte in dieser Hinsicht nämlich keinen sicheren Aufschluss geben.

40 Minuten lang agierte die Hertha scheinbar unbeirrt vom Fehlen des Kapitäns (Arne Friedrich), des Mittelfeldstrategen (Gojko Kacar) sowie des besten Torschützen (Marko Pantelic) wie eine Spitzenmannschaft. Sie zeigte keinen berauschenden Offensiv-Fußball a la Hoffenheim, beeindruckte aber mit einer taktisch reifen Leistung.

Tiefste Demut bei Favre

Was den Auftritt der Berliner von dem einer Spitzenmannschaft unterschied: Nach dem 1:0 durch den sehr starken Andrej Voronin (13. ) machten sie den Sack nicht zu, brachten den eigentlich klar dominierten Gegner durch einige Unachtsamkeiten beim 1:1 des Ex-Herthaners Artur Wichniarek (40.) wieder ins Spiel und hatten am Ende sogar Glück, nicht noch verloren zu haben.

So blieb es ein Traum, erstmals in der Vereinsgeschichte in der Rückrunde als Tabellenführer zu übernachten. Was aber niemanden so recht zu stören schien. "Es wäre schön gewesen. Aber bei uns denkt niemand an Platz 1", meinte Abwehrspieler Steve von Bergen. Und Trainer Lucien Favre übte sich mit ganz eigener Logik gar in tiefster Demut. Mit dem Punkt beim Tabellen-14. müsse man zufrieden sein, "denn man darf nicht vergessen, dass sie 2:1 in Bremen gewonnen und wir dort 1:5 verloren haben."

Arminia gefestigt

Besonders mitreißenden Fußball spielt die Arminia nicht, der Vereinsrekord einer sechsten Bundesliga-Saison in Folge scheint aber zum Greifen nahe. Denn auch wenn die Ostwestfalen wie beim Überraschungs-Coup bei den ohne Diego und Claudio Pizarro angetretenen Bremern vom Fehlen zahlreicher Korsettstangen des Gegners profitierten, beweist die Statistik von nur einer Niederlage aus sieben Spielen (in Hoffenheim) eines: Von den Abstiegskandidaten scheint die Arminia das mit Abstand gefestigste Team zu haben.

Und vor allem hat sie in Wichniarek eine Art "Lebensversicherung". Zwölf der 18 Saisontore hat der Pole nun geschossen. Nach dem 1:1 gegen seinen Ex-Klub sprach er von zwei verlorenen Punkten. Den Sieg vergab Sturmpartner Chris Katongo zweimal in aussichtsreicher Position. "König Artur" kann eben nicht alles alleine richten.