München - Es ist zwar bei weitem nicht die einzige goldene Trainingsregel, die es unter Josep Guardiola gibt. Aber gerade diese Regel zu vernachlässigen, ist der schnellste Weg, es sich mit ihm zu verscherzen: Komm' nicht zu spät. Niemals.

Einige seiner ehemaligen Schützlinge bei Barcelona schafften es dennoch nicht, sich auf diese grundlegende tägliche Ernsthaftigkeit einzulassen. Aleksandr Hleb, der einst in Stuttgart die Bundesliga verzauberte, ist das bekannteste Beispiel. Ein ähnlich berühmtes Foto gibt es aber auch von Guardiola und Barca-Ikone Carles Puyol, seinem früheren Mitspieler und damaligen Kapitän.

"Für wie spät hältst du es?"



Puyol und seine Kollegen hatten schon den spanischen Pokal im Sack, auch die Meisterschaft war so gut wie sicher. Das Team und Coach Guardiola waren an der Spitze, zwischen Dirigent Pep und seinem Orchester stimmte eigentlich alles. Perfekte Harmonie. Aber an diesem Tag trottete Puyol mit zwei anderen ein paar Minuten zu spät aufs Feld.

Das Foto zeigt Guardiola, der seinen Arm ausstreckt, die gebeugte Rechte zeigt zur Linken, auf seine elegante Armbanduhr. "Für wie spät hältst du es?", kann man von Guardiolas Lippen ablesen. Sein Gesicht zeigt keinen Ansatz von Toleranz, geschweige denn verschwörerisches Lächeln. Die Regel gilt. Jeden Tag. Bei jedem Spieler. Keine Ausnahmen.

Zwischen Barca 2008 und Bayern 2013 liegen Welten



Natürlich ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht, Barca 2008 und Bayern 2013 zu übernehmen. Guardiola trat seinen ersten Trainerjob bei einer unfitten, lustlosen Truppe an, deren Leistungen schon peinlich weit unter ihre eigenen Standards gesunken waren.

Und jetzt kommt Pep zu Bayern: Die sensationelle Triple-Saison der Münchner war ein Produkt herausragenden Talents der Spieler, das durch extreme Disziplin und Professionalität von Verein und Ex-Coach Jupp Heynckes in bisher ungekannte Sphären multipliziert wurde. Die beiden Aufgaben liegen Welten auseinander.

Aber Pep ist Pep. Sei pünktlich, hab keine 100 Gramm Übergewicht, sei wochentags um Mitternacht im Bett, schnür' deine Schuhe nicht, wenn das Training beginnt - sondern davor. Sei vorbereitet, gib alles, trainiere energischer und leidenschaftlicher. Hau' dich sogar mehr rein, als du es beim Spiel am Wochenende tust. Nicht manchmal. Jedes Mal.

Barca in Schottland: Laufen, laufen, laufen



Doch der Katalane ist kein Schinder, ganz und gar nicht. Sein Training ist weder freudlos noch trocken. Im Gegenteil: Barcelonas Stars liebten die Sessions. Das hatte drei Gründe: Guardiolas Training war perfekt konstruiert und niemals langweilig. Außerdem gab es eine direkte und messbare Verbindung zwischen der täglichen Arbeit und den Erfolgen am Wochenende. Und: Guardiola, als Aktiver selbst weltklasse, weiß ganz genau, wann er pushen muss - und wann müde Knochen und Gemüter einfach mal eine Pause brauchen.

Der neue Bayern-Anführer wird seine Truppe kennenlernen wollen, darum wird sich am Anfang alles drehen - und um die Fitness. Bei Guardiolas erster Saison als Barca-Chefcoach ging es ins Trainingslager ins schotttische St. Andrews. Laufen, laufen, laufen - die Barca-Elf war schon Ende Juli so fit, dass sie das Champions-League-Finale hätte spielen können. Und ganz langsam brachte er ihnen auch seinen Spielstil bei. Immer wieder unterbrach Guardiola die Trainingsspiele, um jedes noch so kleine Detail zu erklären. Die Details machen das große Ganze aus, jedenfalls für Perfektionist Pep. Erst, wenn die Botschaft angekommen war, ließ er es laufen.

Flammende Reden - auch auf Deutsch?



Und seine Motivationstaktiken? Bei Barcelona gab Guardiola auch schon mal ein Mannschaftsessen aus, sollte das Team drei Champions-League-Spiele in Folge gewinnen. Bei der Bayern-Elf dieser Tage würde er so wohl bald pleitegehen. Doch Pep wird neues Zuckerbrot für seine Jungs finden, auch in München.

Faszinierend wird das Thema Mannschaftsansprachen. Die Barca-Profis, die mit ihm 14 Titel in vier Jahren holten, vergötterten seine Monologe, die er nicht nur vor den Spielen hielt. Sein Deutsch beeindruckte schon bei der Vorstellung in der Arena. Aber kann er seine Spieler in einer Fremdsprache wirklich inspirieren?

So wenig Hotelnächte wie möglich



In Hotels, Flughäfen und Bussen werden seine Spieler so wenig Zeit wie nur irgend möglich verbringen, die Hotelnächte vor den Heimspielen fallen wohl weg - was Bastian Schweinsteiger und Co. sicher zu schätzen wissen werden. Nur ein lockeres, aber wichtiges Training am Spieltag ist Pflicht. Aber danach haben die Spieler frei, haben Zeit für Familie und Freunde, bei einem Abendspiel bis zu acht Stunden lang. 90 Minuten vor dem Anstoß im Stadion - das reicht.

Und auswärts? Wenn möglich, reiste Barca immer erst am Spieltag an. So sparte sich das Team dutzende Hotelnächte ohne Familie und Kinder, ohne die tägliche Routine. Frische, Vitalität, Intensität - die drei zentralen Säulen des Guardiola-Regimes. Pep kümmert sich um alles. Er achtet darauf, wer das Nachtleben genießt. Wessen Freundin in Frankreich, Italien oder Hamburg wohnt, und wer deshalb an freien Tagen wohin fliegt.

Video-Analysen: Warten auf das "Heureka!"



Seine Video-Analysen sind von allerhöchster Güteklasse, das war schon bei Barcelona so. Guardiola studiert die Analyse-DVDs gerne alleine, stundenlang, bis zum sprichwörtlichen "Heureka"-Moment: Wenn der hochanalytische Teil seines Gehirns eine Schwäche des Gegners aufdeckt, oder eine Nuance des eigenen Spiels verbessert werden kann. Und dann füttert er sein Team mit glasklaren Anweisungen.

Jeder Bayern-Profi, der sich der neuen Herausforderung stellen will, jeder, der mehr vom süßen Nektar des Erfolgs der Triple-Saison will und alles dafür gibt, wird die tägliche Arbeit unter Pep Guardiola lieben. Für alle anderen gibt es unter dem Spanier ohnehin keine Zukunft.

Graham Hunter


Der weltbekannte Journalist Graham Hunter ist der führende englischsprachige Experte für den FC Barcelona. Der Schotte lebt seit 2001 in der Stadt und berichtet für Sky Sports, BBC und Printmedien weltweit über den Club und die spanische Liga. Seine Nähe zum Team und den Verantwortlichen sucht seinesgleichen. Er war der erste und einzige Ausländer, der Guardiola während seiner Zeit bei Barca interviewen durfte. Sein Buch "Barca - The making of the greatest team in the world" war ein Bestseller. Bei Twitter hat er fast 90.000 Follower.


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