München - Pokalfinale war gestern, nun zählt nur noch die Champions League. Und da heißt der Favorit am Samstag (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) gegen den FC Chelsea ganz klar FC Bayern München, ist Michael Rummenigge überzeugt. Meisterschaften hat er mit dem Rekordmeister gewonnen, Pokalsiege errungen - nur der ganz große Wurf blieb dem Ex-Stürmer in seiner Karriere versagt.

Im Finale des Europapokals der Landesmeister 1987 gegen den FC Porto gaben die "Roten" mit ihm in der Mannschaft einen schon sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand. Im Gespräch mit bundesliga.de erinnert sich der 48-Jährige an seinen persönlichen Albtraum, blickt vor allem aber voraus auf das große "Finale dahoam". Rummenigge vergleicht die Endspiel-Gegner, spricht über Chelseas Fußball-Stil und erklärt, warum der Stellenwert dieses Pokals mit keinem nationalen Titel zu vergleichen ist.

bundesliga.de: Michael Rummenigge, der FC Bayern ist Zweiter in der Meisterschaft, Zweiter im DFB-Pokal - zittern Sie jetzt im Finale der Champions League noch mehr mit den Bayern, dass es endlich mit einem Titel klappt?

Michael Rummenigge: Auf jeden Fall! Es wird auch für den deutschen Fußball wieder Zeit, dass wir einen internationalen Titel holen. Den letzten hat der FC Bayern vor elf Jahren im Elfmeterschießen gegen Valencia gewonnen - und jetzt muss mal wieder so ein renommierter Titel wie die Champions League nach Deutschland. Und dann sechs Wochen später am besten auch die Europameisterschaft. Die Bundesliga hat einen unheimlichen Stellenwert erreicht, der sich jetzt auch in einem Titel ausdrücken sollte. Und der FC Bayern hat es mal wieder verdient. Und dann noch mit der historischen Chance, erstmalig im eigenen Stadion den Triumph perfekt zu machen. Was gibt es Schöneres?

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie? Im Halbfinale gegen Barcelona war Chelsea sehr defensiv eingestellt.

Rummenigge: Chelsea wird sicher wieder auf seine Mauertaktik zurückgreifen, mit der sie sich schon gegen Barcelona durchgesetzt haben. Da gilt es, Ruhe und Nerven zu bewahren. Ein frühes Tor könnte helfen, aber das ist gegen die Mannschaft nicht einfach. Auf der anderen Seite muss man Drogba immer im Auge behalten. Er ist immer für ein Tor gut. Ich erwarte ein Spiel, in dem man vor allem Geduld haben muss. Vielleicht kommt es darauf an, im richtigen Moment den "Big Point" zu setzen und das Spiel dann mit einem 1:0 nach Hause zu bringen.

bundesliga.de: Sind Sie ein wenig traurig, dass der Finalgegner der Bayern Chelsea heißt und nicht Barcelona?

Rummenigge: Keine Frage, ich hätte lieber Barcelona in München gesehen. Eine Mannschaft, die man in Hin- und Rückspiel normalerweise nicht schlägt, gegen die man aber in einem Spiel eine Chance hat, noch dazu vor eigenem Publikum. Andererseits hat Chelsea gezeigt, dass es eben doch geht - aber mit einem aus meiner Sicht unansehnlichen, destruktiven Fußball, der wirklich keinen Spaß gemacht hat. Das war nicht schön anzusehen.

bundesliga.de: Gehen die Bayern als Favorit in dieses Finale?

Rummenigge: Ich sehe die Chancen 65:35 Prozent zugunsten der Bayern. Für Chelsea ist es ein Auswärtsspiel, auch wenn durch die Ticketvergabe ein großer Teil englischer Fans im Stadion sein wird. Aber die Mannschaft wird trotzdem im Kopf haben, dass sie auswärts antritt. Das ist noch einmal eine andere Situation als bei einem Spiel auf neutralem Boden.

bundesliga.de: Sind die Bayern auch aufgrund ihres Kaders der Favorit in diesem Finale? Wie schätzen Sie die Mannschaften im Vergleich ein?

Rummenigge: Ich sehe Bayern auf jeder Position besser besetzt als Chelsea, mit einer einzigen Ausnahme. Bei den Torhütern sehe ich Manuel Neuer und Petr Cech auf Augenhöhe. Es sind zwei der besten Torhüter der Welt und Cech hatte maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Engländer überhaupt für das Finale qualifiziert haben.

bundesliga.de: Welche Rolle wird es spielen, dass die Bayern aufgrund der Gelbsperren auf Holger Badstuber, David Alaba und Luiz Gustavo verzichten müssen?

Rummenigge: Gerade Badstuber hat eine außerordentlich gute Saison gespielt. Er hat kaum Fehler gemacht im Defensivbereich und sich zudem immer wieder gut in das Aufbauspiel eingeschaltet. Das wird der schmerzlichste Verlust für die Bayern sein. Aber auch Alaba hat sich als linker Verteidiger sehr gut entwickelt. Ich denke, Luiz Gustavo ist aus diesem Trio noch am ehesten ersetzbar. Die Frage bleibt, wer dann auf seiner Position spielt.

bundesliga.de: Wie ist diese Frage aus Ihrer Sicht am besten zu lösen?

Rummenigge: Ich gehe davon aus, dass Anatoliy Tymoshchuk neben Jerome Boateng in der Innenverteidigung spielen wird. Vielleicht rückt Philipp Lahm zudem auf die linke Abwehrseite. Boateng wäre dann aber auch eine Option für die rechte Seite. Ich glaube, die Bayern wissen selbst noch nicht genau, wie sie ihre Defensive formieren sollen. Eventuell kehrt Daniel van Buyten noch rechtzeitig in den Kader zurück. Warten wir es mal ab! Jupp Heynckes wird eine Lösung finden. Die Bayern werden nicht mit neun oder zehn Mann ins Spiel gehen.

bundesliga.de: Ist die Bayern-Bank aus Ihrer Sicht nicht stark genug besetzt, um die Sperren angemessen auszugleichen?

Rummenigge: Der Kader ist in diesem Jahr relativ klein mit 22 Spielern. Jetzt würde man sich vielleicht wünschen, besser noch den einen oder anderen Spieler mehr auf der Ersatzbank zu haben. Eigentlich hätte man jede Position doppelt besetzen müssen mit zwei fast gleich starken Spielern. Das ist natürlich schwierig. Aber die eine oder andere Alternative mehr stünde den Bayern jetzt gut zu Gesicht.

bundesliga.de: Nehmen wir einmal an, die Bayern gewinnen die Champions League - ist das dann weit mehr als nur ein Ersatz für die abermals verpasste Meisterschaft?

Rummenigge: Dieser Titel ist mehr wert als jede Deutsche Meisterschaft. Es ist eine noch höhere Auszeichnung. Das soll jetzt nicht den Erfolg von Borussia Dortmund schmälern. Sie haben im Vorjahr völlig unerwartet die Schale geholt und dies erneut geschafft. Es spricht auch für eine besondere Qualität, wenn man seinen Titel verteidigt - zumal die Bayern auch in der Liga nicht so schlecht waren.

bundesliga.de: Wäre der Titelgewinn auch mehr als eine Momentaufnahme? Sind die Bayern dann wirklich die Nummer 1 in Europa?

Rummenigge: Wer diesen Titel gewinnt, ist die Nummer eins! Aber es ist natürlich unheimlich schwer, das Ganze zu bestätigen. Es kommt dann darauf, wie diese Mannschaft in Zukunft weiter entwickelt wird. Die anderen Clubs schlafen nicht, gerade in England und Spanien. Und auch die italienischen Vereine wie Juventus Turin werden wieder angreifen.

bundesliga.de: Wir haben viel darüber gesprochen, dass die Bayern diesen Titel gewinnen. Aber Sie können auch aus eigener Erfahrung berichten, wie es sich anfühlt, so ein Finale zu verlieren.

Rummenigge: Das ist richtig bitter! Vor allem, weil wir damals als absoluter Favorit in das Finale gegen Porto gegangen sind und bis zur 78. Minute noch mit 1:0 geführt haben durch ein Kopfballtor von unserem Kleinsten, "Wiggerl" Kögl (Ludwig Kögl; d. Red.). Dann kam dieser Hackentrick von Madjer - ein Tor, das uns wie ein Keulenschlag getroffen hat. Danach haben wir unklug gespielt und prompt das zweite Tor kassiert. Wir waren damals alle ohnmächtig vor Wut über die eigene Dummheit, so ein Finale noch aus der Hand zu geben. Das hat sehr weg getan. Ich hätte lieber auf eine Deutsche Meisterschaft verzichtet und dafür die Champions League gewonnen.

bundesliga.de: Der Hackentrick von Madjer verfolgt Sie noch heute?

Rummenigge: Das stimmt leider! Michael Meier, der frühere Manager von Borussia Dortmund, war vor kurzem in Porto und hat mir von dort ein Foto geschickt. Es hängt im Stadion des FC Porto und zeigt ganz groß Madjer, wie er den Ball mit der Hacke reinmacht. Ich stehe daneben und muss zusehen. Da bekommt man leichte Albträume, wenn man das wieder so sieht.

bundesliga.de: Könnte es einer Mannschaft wie dem FC Bayern auch einen Knacks geben, wenn man das Finale am Samstag nicht gewinnt?

Rummenigge: Das hoffe ich nicht, aber es kann passieren, wenn man gerade im eigenen Stadion dieses große Ziel verpasst. Aber auch dann wird der FC Bayern wieder aufstehen. Er wird immer zu den Favoriten zählen - egal, ob national oder international. Aber jetzt ist man so nah dran, jetzt muss alles dafür getan werden, dass dieser Titel in München bleibt. Es wäre auch eine Auszeichnung für die Arbeit der Verantwortlichen. Und das age ich nicht nur, weil mein Bruder (der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge; d. Red.) dort sitzt. Auch für Uli Hoeneß wäre es eine Auszeichnung seines Lebenswerkes. Das wäre das I-Tüpfelchen - mehr geht fast nicht.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte