Gelsenkirchen - Tor geschossen, Spiel gewonnen – viel besser hätte das Comeback von Benedikt Höwedes kaum ausfallen können. Ganz zufrieden zeigte sich der Kapitän des FC Schalke 04 im Interview nach dem emotionalen 2:1-Erfolg über Hertha BSC Berlin aber trotzdem nicht.

Frage: Benedikt Höwedes, ein Last-Minute-Sieg in der Nachspielzeit, der ganz viele Emotionen freisetzt – macht es am meisten Spaß, so zu gewinnen?

Benedikt Höwedes: Nein - aber es ist schon ein tolles Gefühl. Wenn du in der 90. Minute den entscheidenden Treffer machst und dann auch das Spiel gewinnst, steht die Arena Kopf. Aber nicht nur in dieser Szene, auch die 89 Minuten zuvor standen die Fans wie eine Wand hinter uns – auch wenn wir ein bisschen fahrlässig waren, obwohl wir ein Mann mehr waren. Da müssen wir uns hinterfragen und das in Zukunft klar besser machen. Aber wichtig war, dass wir in den letzten zehn Minuten nochmal viel investiert und Druck aufgebaut haben. Wir haben den Siegtreffer erzwungen, auch wenn er vielleicht nicht hochverdient war.

"Wir waren zu passiv"

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Frage: Sie selbst haben Ihr Comeback gleich mit einem Tor gefeiert. Machen Sie jetzt Ihrem Innenverteidiger-Kollegen Joel Matip Konkurrenz als Torjäger?

Höwedes: Joel ist unheimlich gefährlich in der Luft. Er bringt auch die entsprechende Größe mit. Ich habe natürlich auch meine Stärken im offensiven Kopfball und konnte das gegen Hertha zum Glück auch bei der wichtigen 1:0-Führung einsetzen. 

Frage: Hatten Sie selbst für diese Partie mit Ihrem Bundesliga-Comeback in der Startelf gerechnet?

Höwedes: Der Trainer und ich haben nach meiner Verletzung sehr dosiert dafür gesorgt, dass ich aufgebaut werde. Oft steigt man nach einer so schweren Verletzung zu früh wieder ein. Deshalb habe ich länger nicht trainiert und erst kurze Einsätze bekommen wie gegen Tripolis. So habe ich mich immer weiter heran getastet. Ich musste auch immer in mich hinein horchen und konnte keinen fixen Termin nennen. Aber in dieser Woche habe ich mich gut gefühlt, der Trainer hatte ein gutes Gefühl – das hat gepasst. Jetzt fehlt noch etwas der Rhythmus, aber das ist auch nur durch Spiele wieder aufzuholen.

Frage: Sie waren nicht nur am Führungstor beteiligt, sondern auch am Gegentor. Was ist da schief gelaufen?

Höwedes: Wir waren insgesamt zu passiv. Wir haben die Berliner zu frei laufen lassen. Da hat man gesehen, dass es nicht läuft, wenn wir immer einen Meter vom Gegner weg stehen. Und das haben wir nicht nur in dieser Situation falsch gemacht. Heute konnten wir es kompensieren, aber so etwas sollte uns nicht allzu oft passieren.

Frage: Schalke war in dieser Partie gerade bei Standards sehr gefährlich. Sollte das ganz bewusst auch ein Mittel gegen Berlin sein, nachdem es zuletzt bei der Heimniederlage gegen Köln etwas an Ideen gefehlt hatte?

Höwedes: Es ist nicht so einfach gegen so tief stehende Gegner wie Köln oder Hertha. Sie machen einem das Leben schon schwer. Wir hatten eigentlich etwas machen wollen, was wir aber leider nicht immer so gut umgesetzt haben. Wir wollten hinter die Abwehrreihen starten, viel in Bewegung sein – das haben wir oft nicht so gut gemacht. Deshalb haben wir auch mehr Probleme bekommen, als wir es erhofft hatten. Vor allem haben wir mit elf Spielern gegen zehn zu wenig gemacht. Wir haben Kontersituationen zugelassen, in denen wir zu fahrlässig waren.

"Alle einen Schritt weniger gemacht"

Frage: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Höwedes: Da haben wir einfach einen Schritt weniger gemacht und dachten, es geht schon irgendwie. Aber es geht halt nicht! Ich will aber auch nicht zu negativ werden. Natürlich muss man auch mal warnende Worte sprechen, aber wir haben das Spiel gewonnen und wir haben als Mannschaft gefeiert. Man hat gesehen, was hier auch zusammenwächst, wenn der Trainer und die ganze Bank auf den Platz läuft und mit uns jubelt. Da sieht man, dass wir eine gute Einheit geworden sind.

Frage: Wie geht die Mannschaft mit Unruhe von außen um?

Höwedes: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass man so etwas komplett ausblenden kann. Aber wir haben uns bemüht, uns auf den Fußball zu konzentrieren. Und man hat in diesem Spiel gesehen, dass es die Mannschaft auch nicht großartig belastet. Wir versuchen unser Ding durchzuziehen und konzentriert weiter zu arbeiten.  Und künftig Dinge auch über 90 Minuten richtig zu machen.

Frage: Wie wichtig war dieses Erfolgserlebnis im Spitzenspiel gegen Hertha BSC auch angesichts des Programms der nächsten Wochen mit den Spielen gegen Gladbach, Dortmund und Bayern?

Höwedes: Es wird jedenfalls nicht leichter. Deshalb ist es wichtig, dass wir ein gutes Selbstvertrauen mitgenommen haben. Klar warten in nächster Zeit große Brocken auf uns. Aber wenn wir Sachen konstant kontinuierlich gut machen, dann können wir da auch besser mithalten. Und dann gucken wir mal, was passiert.

 

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte