Gelsenkirchen - In schwierigen Zeiten sind Führungsspieler gefragt - und beim FC Schalke 04 stellt sich ein Weltmeister seiner Verantwortung und geht voran. Gegen die Bayern war Benedikt Höwedes der Spieler, an dem sich die Mannschaft aufrichtete.

Im Duell mit den Bayern war Benedikt Höwedes auf dem Platz die personifizierte Präsenz. Er warf sich schon in die Zweikämpfe, als Schalke anfangs gar nicht ins Spiel fand. Er grätschte und köpfte, er wurde in der Schlussphase zum Turm in der Abwehr. Dass er es war, der in der zweiten Halbzeit den Ball über die Linie drückte und damit den Ausgleich erzielte, passte ins Bild: Der Treffer war ein Beleg des absoluten Willens. Hier zeigte einer, dass er sich gegen die Niederlage stemmt und mit Leidenschaft das Schalker Trikot trägt.

Mit Willen und Leidenschaft

An der Leistung ihres Kapitäns konnte sich die Mannschaft aufrichten. Höwedes wies den Weg, er setzte Zeichen: "Es geht noch was." Mit seiner Präsenz auf dem Platz wuchs bei den Mitspielern von Minute zu Minute der Glaube, etwas schaffen zu können. Und die Bereitschaft, dafür Kampf und Arbeit in die Waagschale zu werfen. Am Ende hatten die Schalker 52 Prozent der Zweikämpfe gewonnen und waren 122 Kilometer gelaufen - satte sechs Kilometer mehr als noch eine Woche zuvor bei der Niederlage in Hannover. Tugenden, die auch in Gladbach gefragt sind. "Wir müssen kapieren, dass das nicht nur gegen die Bayern so sein soll. Wir wissen, dass wir die nächsten Partien genauso angehen müssen", hat mit Julian Draxler der zweite Weltmeister im Team festgestellt.

Im Gegensatz zu Draxler hat Höwedes im deutschen Nationaltrikot alle WM-Spiele von der ersten bis zur letzten Minute absolviert. Und es scheint, als sei er daran noch einmal gewachsen und in Brasilien nochmals gereift. Der 26-Jährige verkörpert im nicht immer einfachen Schalker Umfeld zurzeit die berühmte breite Brust, die es für einen erfolgreichen Auftritt in der Liga braucht. Und er wirkt jetzt reif genug, um als Leitfigur  zu dienen und anderen in schwierigen Situationen Halt zu geben. Den Weltmeister-Effekt hat auch Trainer Jens Keller registriert, der sich von Höwedes "wahnsinnig viel für die Mannschaft" erhofft.

Zu 100 Prozent flexibel

Ein Lautsprecher in der Öffentlichkeit war Schalkes Kapitän noch nie. Aber er redet Klartext, wenn es nötig ist. So wie nach der Niederlage in Hannover, als er Egoismen im Team anprangerte. Im internen Kreis macht er sein Wort in diesen Tagen mehr denn je. Vor dem Bayern-Spiel hatte Höwedes eine Ansprache an die Mannschaft gehalten und auch in der Halbzeitpause noch einmal an den Teamgeist appelliert - mit Erfolg.

Was Jens Keller an seinem Weltmeister noch zu schätzen weiß, ist dessen vielseitige Verwendbarkeit. Nach seinem starken WM-Auftritt verteidigte Schalkes Nummer 4 wie selbstverständlich zuletzt auch gegen die Bayern als Linksaußen, weil dort die personellen Alternativen fehlten. Noch in der Partie wechselte er nach verletzungsbedingten Ausfällen auf die rechte Außenbahn, dann zentral in die Innenverteidigung. "Ich habe kein Problem damit, wenn ich auch mal aushelfen muss auf links oder rechts", betont der Defensivspezialist. Höwedes ist flexibel und füllt jede Rolle zu 100 Prozent aus.

Tugenden, die den Weltmeister im Schalker Trikot so wertvoll machen. Den nächsten Beweis wird er vermutlich schon am Samstag bei Borussia Mönchengladbach liefern müssen - als neue Leitfigur auf Schalke. Er selbst weiß jedenfalls um seine Rolle und ist bereit, sie anzunehmen: "Ich bin der Kapitän. Ich muss vorangehen!"

Dietmar Nolte