In Hamburg kommen sie aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Hamburger SV ist nach dem 3:2-Sieg gegen Bayer Leverkusen erstmals seit neun Jahren wieder Tabellenführer der Bundesliga.

Das alleine ist nicht das Überraschende. Es ist die Art und Weise wie die Hanseaten ihre Punkte eingefahren haben. In drei der ersten vier Saisonspiele drehte der HSV einen 0:2-Rückstand noch um. Auch gegen Leverkusen.

Philosophie im Crashkurs verinnerlicht

Das offizielle Mannschaftsfoto zum Saisonstart können sie beim HSV in die Tonne schmeißen. Kapitän Rafael van der Vaart ist weg, Vincent Kompany und Mohamed Zidan ebenso.

Die eingenommenen Millionen wurden in vier internationale Topspieler klug investiert: Mladen Petric, Marcell Jansen sowie zuletzt Alex Silva und Thiago Neves. Später als bei alle anderen Clubs stand beim HSV erst der endgültige Kader.

Bislang hat sich dies nicht nachteilig ausgewirkt. Im Gegenteil. Im Crashkurs haben die Spieler die Philosophie ihres neuen Trainer verinnerlicht. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger Huub Stevens, Markenzeichen "die Null muss stehen", setzt Martin Jol auf bedingungslosen Offensivfußball.

Jol denkt an die Fans

Zwei Flügelflitzer plus zwei Stürmer bietet der 52-Jährige regelmäßig auf, in Heimspielen setzt er sogar auf sechs Angreifer. "Ich bin einer, der immer an die Fans denkt", sagt Jol. Die Fans genießen das Spektakel. Tore sind garantiert, 11:7 lautet die HSV-Bilanz nach vier Spieltagen.

Aber Jol weiß auch, dass seine Mannschaft einen Tanz auf der Rasierklinge veranstaltet: "Wir müssen wissen, dass man auch etwas für die Defensive tun muss. Denn es wird nicht immer gut gehen." Diesmal half sogar der Gegner mit, der sich in Person von Manuel Friedrich per Ampelkarte selbst dezimierte.

Reinhardt ist begeistert

"Dieses Spiel hatte alles, was Fußball ausmacht und es ist unglaublich, dass wir mit viel Leidenschaft auch diesen Rückstand noch drehen konnten", freute sich HSV-Verteidiger Bastian Reinhardt. "Das habe ich in meiner Kariere bisher selten erlebt. Wenn ich das mit den letzten Spielzeiten vergleiche, dann schmeißen wir in dieser Saison alles über den Haufen."

Dabei bot Jol mit dem Debütanten Thiago Neves, dem er im offensiven Mittelfeld eine gute Leistung bescheinigte, gegen die Werkself nur einen Neuzugang in der Startelf auf. Der Siegtorschütze Petric und Jansen wurden eingewechselt, Alex Silva noch nicht.

Rost bremst und träumt

Jol feilt noch an seiner Wunschformation. Aber wenn er das Puzzle bereits jetzt so erfolgreich zusammenfügt, was soll dann erst geschehen, wenn die Truppe eingespielt ist und die Defensivprobleme behoben sind? "Die Ziele müssen immer hoch gesteckt sein, um etwas erreichen zu können", lautet Jols Credo: "Wir können alles, was wir im Kopf haben, auch schaffen." Die Stimmung ist in Hamburg schon jetzt kaum zu toppen.

Torwart Frank Rost tritt dagegen etwas auf die Bremse. "Bei der ganzen Euphorie, die jetzt in der tollen Stadt Hamburg ausbricht, sollten wir den Ball flach halten", mahnt er. "Die Saison hat gerade erst begonnen und es kommen ganz sicher auch Zeiten, in denen wir kein Tor erzielen."

Rost sagt aber auch: "Wenn wir die stabile Mitte finden, dann ist beim HSV auch wieder etwas Großes möglich." "Wir haben eine tolle Moral und natürlich auch Qualität", meint Martin Jol abschließend selbstbewusst. Die Konkurrenz ist gewarnt.

Tobias Gonscherowski