München - Bei Hertha BSC erlebte Jürgen Röber vielleicht seine schönste und erfolgreichste Zeit als Trainer. Sechs Jahre coachte er die Berliner und erreichte im Jahr 2000 sogar die Zwischenrunde der Champions League.

Weniger Glück hatte er bei seinem kurzen Engagement bei Borussia Dortmund. Am Samstag treffen seine beiden Ex-Vereine aufeinander, die er im Gespräch mit bundesliga.de etwas genauer unter die Lupe nimmt.

BVB patzt in Berlin: Röber tippt den 22. Spieltag

bundesliga.de: Am Samstag trifft Hertha BSC auf Borussia Dortmund. Was erwarten Sie von der Partie?

Jürgen Röber: In dem Spiel steckt einige Brisanz, nicht nur weil es das 1000. Bundesliga-Spiel der Berliner ist. Für die Hertha, die jeden Punkt braucht, wird das ein ganz schweres Spiel.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Hertha in den vergangenen Wochen?

Röber: Ich habe in dieser Saison schon einige Hertha-Spiele live im Stadion gesehen und finde, dass bei den ganzen Diskussionen um die handelnden Personen die Spieler vergessen werden. Auch die Profis können die Tabelle lesen. Und dann kann ich nicht verstehen, was für eine Leistung sie in den Spielen in Nürnberg und gegen den Hamburger SV abgeliefert haben. Das war viel zu wenig. In den Spielen trafen sie auf Gegner, die selbst Probleme hatten. Dem "Club" fehlten viele Spieler und der HSV kam mit einer 1:5-Klatsche gegen Dortmund im Gepäck nach Berlin. Diese Gegner und direkte Abstiegskonkurrenten wurden aufgebaut. Gegen diese Teams muss man ganz anders zu Werke gehen. Bei vielen Spielern vermisse ich das Feuer und die richtige Einstellung. Sie sollten sich an einem Pierre-Michel Lasogga oder Peter Niemeyer, die sich immer voll reinhauen, ein Beispiel nehmen.

bundesliga.de: Wie groß ist die Gefahr, dass Hertha total abstürzt und direkt wieder absteigen muss?

Röber: Es wird in dieser Saison wieder eng für die Hertha. Ich hoffe sehr, dass sich die Hertha bald fängt und die Kurve kriegt. Denn ich lebe gerne in Berlin, hänge an dem Verein und möchte viel lieber Bundesliga-Fußball sehen als 2. Bundesliga. Aber die Sitaution erinnert mich an das Abstiegsjahr 2010. Da gab es ähnlich viele blutleere Auftritte vor eigenem Publikum. Die Profis müssen sich an die eigene Nase fassen. Auch von einigen erfahrenen Spielern kommt zu wenig.

bundesliga.de: Jetzt wird Rene Tretschok die Mannschaft interimsweise betreuen. Was für ein Typ ist er?

Röber: Er war früher mein Spieler, ein guter Fußballer und ein eher ruhiger Typ. Er ist loyal zum Verein.

bundesliga.de: Die Hertha ist auf Trainersuche. Bei Ihnen hat aber noch keiner angerufen?

Röber: Nein, nein. Den Job möchte ich auch nicht mehr machen. Ich hatte 40 Jahre lang Stress, das reicht. Mein Ziel ist es mehr, bei einem Verein in beratender Funktion als Bindeglied zwischen Trainer und sportlicher Leitung zu fungieren. Ich habe ein Auge für Spieler und genug Fachkompetenz. Aber es ist schwer, die Leute davon zu überzeugen, dass man mit ihnen zusammenarbeiten möchte, ohne an ihrem Stuhl zu sägen.

bundesliga.de: Das krasse Gegenteil von Hertha ist Borussia Dortmund, dass 2012 alle seine Pflichtspiele gewonnen hat. Kann der BVB den Titel verteidigen?

Röber: Wenn ich sehe, wie die Borussia auftritt, mit welcher Begeisterung, Sicherheit, Dynamik, welcher Spielkultur und welchem Feuer sie spielt, dann kann sie meiner Meinung nach mit Sicherheit wieder Meister werden. Die Bayern spielen noch in der Champions League und wollen unbedingt das Finale im eigenen Stadion erreichen. Wenn sie sich noch einen Ausrutscher leisten, kann es sein, dass der BVB vorne wegmarschiert. Dann lassen sich die Dortmunder den Titel nicht mehr nehmen. Das sage ich, obwohl ich eigentlich ein Bayern-Fan bin und ja auch einmal für den Verein gespielt habe.

bundesliga.de: Warum läuft es derzeit bei Bayern München nicht 100-prozentig rund?

Röber: Die Bayern müssen die Fehler in der Defensive abstellen. Im Moment machen sie wieder die gleichen Fehler wie unter Louis van Gaal. Ich würde den Bayern empfehlen, einen gestandenen Abwehrspieler zu holen.

bundesliga.de: Noch ein Wort zu Borussia Mönchengladbach, den Dritten im Bunde der Titelkandidaten. Sind Sie überrascht von den konstant guten Leistungen der "Fohlen"?

Röber: Ja. Ich bin tatsächlich etwas überrascht, wie Borussia Mönchengladbach nach der tollen Vorrunde einfach so weiterspielt und selbst Spiele wie das Pokalspiel in Berlin gewinnt, in denen sie schlecht gespielt haben. Sie machen die Räume sehr eng, verteidigen geschickt und machen es jeder Mannschaft schwer. Sie werden oben bleiben, sind für mich aber kein Meisterschaftskandidat.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski