Hamburg - Wer könnte anlässlich des Hamburger Derbys mehr aus dem Nähkästchen plaudern als Bernd Hollerbach? Immerhin spielte der heutige Co-Trainer von Felix Magath beim FC Schalke 13 Jahre in der Hansestadt - viereinhalb für den FC St. Pauli, achteinhalb für den HSV.

Und das mit vollem Einsatz, der ihn bei Anhängern beider Clubs so beliebt gemacht hatte: Der beinharte Außenverteidiger sah in 222 Bundesliga-Spielen 94 Mal Gelb und drei Mal Gelb-Rot oder Rot. Nur Stefan Effenberg bekam mit 102 Gelben, vier Gelb-Roten und drei Roten Karten in der Liga-Geschichte häufiger einen Karton unter die Nase gehalten - benötigte dafür aber auch 370 Einsätze.

"Ich muss draußen bleiben"

"Das alles war für mich nicht ganz einfach", verrät Hollerbach bundesliga.de, dass es fast eine Halbserie gedauert habe, bevor er nach seinem Wechsel vom 1. FC Kaiserslautern zum HSV von den Fans der "Rothosen" akzeptiert wurde. Ausgerechnet in einem Derby "hat sich zwischen den Fans und mir eine Blockade gelöst".

Die Wirte auf dem Kiez rund um die Hamburger Reeperbahn hatten ihrem einstigen Liebling nach dem "Verrat" für jeden klar zu erkennen gegeben, dass er nicht mehr erwünscht sei.

"Ich muss draußen bleiben", hieß es auf Aufklebern, auf denen das Konterfei des Franken abgebildet war - ein Aufkleber, wie "Deutschlands bester Metzgergeselle" seines Ausbildungs-Jahrgangs (Note 1,0) ihn nicht nur von der Tür zur Metzgerei seiner Eltern bestens bekannt war - nur dass dort das Bild eines Hundes zu sehen war. Im Interview spricht Hollerbach über das anstehende Derby.

bundesliga.de: Herr Hollerbach, Sie haben über zwölf Jahre für beide Hamburger Vereine gespielt. Haben Sie noch Kontakte zu den ehemaligen Mitspielern?

Bernd Hollerbach: Das ist zeitlich manchmal etwas schwierig. Manche Kollegen wie Truller oder Stani (St. Paulis Co-Trainer Andre Trulsen und sein Chef Holger Stanislawski; die Red.) treff' ich ja immer wieder mal. Zu Manfred Kaltz habe ich guten Kontakt. Und wenn es die Zeit erlaubt und ich mal in Hamburg bin, dann trifft man sich schon. Es war sehr schön, am "Tag der Legenden" so viele alte Weggefährten aus beiden Vereinen mal auf einem Haufen zu sehen. Da wurde natürlich viel über die alten Zeiten geredet. Das ist immer wieder schön.

bundesliga.de: Was war der Unterschied zwischen den beiden Vereinen?

Hollerbach: Der war natürlich schon immens. Auf der einen Seite das kleine Stadion mitten in der Stadt und Spiele in der 2. Bundesliga. Das Millerntor-Stadion ist ja nach dem Umbau kaum wiederzuerkennen. Wenn ich da an die alten Umkleiden im Keller denke... Das war beim HSV alles schon moderner. Dort habe ich in einem riesigen Stadion international gespielt. Für mich als junger Spieler war es für meine Entwicklung natürlich hervorragend, bei St. Pauli meine Profi-Laufbahn zu beginnen und Erfahrung sammeln zu können.

bundesliga.de: Sie kamen in der Winterpause der Saison 1990/91 zum FC St. Pauli, konnten den Abstieg aber auch nicht verhindern. Vier Jahre später sind Sie mit dem Club aufgestiegen und haben den Verein verlassen. Warum?

Hollerbach: Ich wollte in meiner Entwicklung den nächsten Schritt machen und irgendwann internationalen Fußball spielen. Kaiserslautern war damals Vierter geworden und spielte im UEFA-Pokal.

bundesliga.de: Aber schon in der Winterpause gingen Sie zurück nach Hamburg, zum HSV. War das halbe Jahr in der Pfalz eine "Schamfrist", um die Fans des FC St. Pauli und des HSV nicht mit einem direkten Wechsel zum "großen Nachbarn" zu reizen?

Hollerbach: Nein, ich hatte mich damals bewusst für Kaiserslautern entschieden. Aber da lief es nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

bundesliga.de: Wie kam es zum Wechsel zum HSV?

Hollerbach: Felix Magath war da Trainer geworden. Er und der Präsident Uwe Seeler haben mich dann angesprochen, ob ich nicht zurück nach Hamburg kommen möchte.

bundesliga.de: Wie haben die Fans das aufgenommen? Auf dem Kiez gab es sogar Aufkleber mit ihrem Foto und dem Satz "Ich muss draußenbleiben"...

Hollerbach (lacht): Ja, für die Fans war es schon schwierig. Die St.-Pauli-Fans konnten den Wechsel nicht verstehen. Und auch für die HSV-Fans war es schwierig, weil ich für die ein St. Paulianer war. Das alles war für mich nicht ganz einfach.

bundesliga.de: Wie lange hat das gedauert?

Hollerbach: Das weiß ich noch genau. Das war beim ersten Derby mit dem HSV gegen den FC St. Pauli (Endstand 1:1; die Red.). Da haben die HSV-Fans gemerkt, dass ich Gas gebe und vollen Einsatz für den Verein zeige. Da hat sich zwischen den Fans und mir eine Blockade gelöst.

bundesliga.de: Das war am 32. Spieltag, also fast eine halbe Saison...

Hollerbach: Ja, die Fans haben mich noch lange als St. Paulianer betrachtet.

bundesliga.de: Im Trikot des FC St. Pauli haben Sie nur ein Derby miterlebt...

Hollerbach: Ja, das war eine 0:5-Klatsche in meiner ersten Saison bei St. Pauli. Das vergessen wir mal ganz schnell.

bundesliga.de: Ihr Tipp fürs diesjährige Derby?

Hollerbach: Das wird nicht einfach für den HSV. Am Millerntor ist es immer schwer zu gewinnen. Ich tippe mal auf Unentschieden - 2:2.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs