Leverkusen - Bayer Leverkusens Königstransfer des letzten Sommers entpuppt sich Woche für Woche als absoluter Volltreffer. Selten hat der Verein bei einer Spielerverpflichtung ein so gutes Händchen bewiesen wie bei der von Hakan Calhanoglu, der überhaupt keine Anlaufzeit benötigte, um zu einer prägenden Figur des Champions-League-Teilnehmers zu werden. Sein goldenes Freistoßtor zum 1:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 ließ die Fans wieder einmal mit der Zunge schnalzen.

Hakan Calhanoglus Werte im Topspiel gegen Schalke 04 waren einmal mehr überragend. Der Edeltechniker sprühte vor Spielfreude und strahlte bei fast jeder Offensivaktion eine immense Torgefahr aus. Acht Mal visierte er alleine den Schalker Kasten an. Zum Vergleich: Alle Schalker Spieler zusammen kamen gerade einmal auf vier Schüsse in Richtung Bernd Leno.

Hohes Ansehen in der Mannschaft

Aus dem Spiel heraus traf der 20-jährige Türke nicht, dafür aber mit einem wunderbar über die Mauer gezirkelten Freistoß, der links oben im Winkel einschlug. "Er war richtig gut drauf. Ich wusste, dass er ein Tor macht", war sich Heung-Min Son sicher.

In der Mannschaft genießt Hakan Calhanoglu hohes Ansehen, auch das Trainerteam gibt ihm Rückhalt. Denn hinter dem Youngster liegt auch keine leichte Zeit. In einem vielbeachteten Interview im "Aktuellen Sportstudio" hatte der Ballkünstler in der vergangenen Woche einen Einblick in seine Gefühlswelt gewährt, seine Sicht zum Wechsel von Hamburg nach Leverkusen dargelegt und obendrein von einer haarsträubenden Räuberpistole während eines Länderspiels in der Türkei berichtet.

Danach zeigte er gegen Zenit St. Petersburg mit zwei Assists zu den beiden Toren beim 2:0-Sieg und jetzt als Matchwinner gegen Schalke erneut Topleistungen. Es scheint, als stecke er die Belastungen locker weg. Doch sein Trainer widerspricht. "Er ist nicht so cool. Er ist ein junger Kerl, erst 20 Jahre alt, auf den sehr viel eingeprasselt ist", meint Roger Schmidt.

Freistöße wie kleine Kunstwerke

"Dieser Auftritt im Sportstudio hat ihm sehr gut getan. Er hat Stellung bezogen und sich aus mit seinen Worten artikuliert. Zu dem Thema ist alles gesagt. Er empfindet es als Befreiung und kann sich jetzt auf Fußball konzentrieren. Er hat schon am Mittwoch sehr gut gespielt, jetzt hervorragend. Ich freue mich, dass er jetzt Ruhe hat", sagt der Coach weiter.

In der Tat spielte Hakan Calhanoglu zuletzt befreit auf. Und seine Freistöße gleichen kleinen Kunstwerken und gehören eh zum Besten, was die Bundesliga zu bieten hat. "Das habe ich früher so nur bei Bernd Schneider gesehen", adelt Stefan Kießling seinen Teamkollegen mit dem Vergleich mit dem vielleicht besten Mittelfeldspieler der Leverkusener Bundesliga-Historie. Schneider brachte es auf 81 Länderspiele, wurde Vizeweltmeister und der "weiße Brasilianer" genannt.

Wiedersehen mit dem Hamburger SV

Hakan Calhanoglu hat nun selbst in seinen 41 Bundesliga-Spielen bereits sechs Freistöße direkt verwandelt, in dieser Saison traf er in Pflichtspielen schon vier Mal bei Standards (drei Freistöße, ein Elfmeter) für die Rheinländer. "Ich habe ein paar Spieler weggeschickt, weil ich alleine stehen wollte", beschrieb Calhanoglu die Situation vor seinem Kunstschuss gegen Schalke. "Ich habe mich sehr konzentriert, mir die Ecke ausgesucht und dann auch in sie geschossen." Und getroffen.

Die aufregende letzte Woche hat er gut überstanden. "Ich freue mich einfach, dass es so gut läuft. Ich fühle mich hier sehr wohl hier und habe mich auf meinen Fußball und mein Spiel konzentriert. Gegen Schalke war zu sehen, dass die Mannschaft wie gegen St. Petersburg sehr gut gespielt und verdient gewonnen hat", meinte Calhanoglu abschließend, bevor er sich in den Feierabend verabschiedete. In der nächsten Woche könnte es noch einmal etwas ungemütlicher für ihn werden. Dann tritt Bayer 04 beim Hamburger SV an.

Tobias Gonscherowski