Bremen - In der vergangenen Saison durchlebten die Hannoveraner schwere Zeiten. Doch nun wirken sie wie befreit, die Freude ist zurück und damit auch der Erfolg. Dass sie im kleinen Nordderby gegen Bremen nur einen Punkt holten, können sie daher auch locker verschmerzen - besonders Christian Schulz.

Ob er will oder nicht, ganz kalt lässt Christian Schulz Werder Bremens Wohl und Wehe nicht. Wie sollte es auch, schließlich streifte er im Alter von zwölf Jahren erstmals das Trikot mit der Raute über und tat es für die nächsten 14 Jahre so.

Und auch wenn er seit dem Sommer 2007 mit Leib und Seele bei Hannover 96 spielt, zückt "Schulle" in der Kabine stets als erstes sein Handy und schaut nach, wie Werder denn wohl gespielt hat. Am Sonntagabend brauchte er das nicht, da hatte Schulz die Infos aus erster Hand.

"Mit Hannover das Optimale erreichen"

Da stand der 27-jährige Außenverteidiger in den Katakomben des Weserstadions, an jener Stelle, an der sich eben die Gästespieler den Fragen der Journalisten stellen und schaute ein wenig ernst. "Bremen, das ist und bleibt Heimat für mich", sagte Schulz, "aber ich stehe jetzt eben auf der anderen Seite. Und mit Hannover möchte ich das Optimale erreichen."

Ganz gelungen war das gegen Werder zwar nicht, doch angesichts der fatalen Bilanz der 96er im Weserstadion, die in den letzten 30 Partien dort nur einen Sieg bei 22 Niederlagen einfuhren, war das 1:1 gut zu verschmerzen. "Das Ergebnis ist okay", sagte Schulz, "wir hatten uns nach der Führung zwar mehr erhofft, aber Werder hat alles nach vorne geworfen, was sie hatten."

Sensationell auf dem 4. Platz

Und angesichts der komfortablen Tabellenlage der Niedersachsen fiel es Schulz auch nicht allzu schwer, den gebeutelten Bremern großzügig einen Punkt zu überlassen. Mit 38 Zählern liegt Hannover geradezu sensationell auf dem 4. Platz der Tabelle, einem Rang, auf dem man zum Saisonbeginn eher die Hanseaten vermutet hätte.

Nordderby mit verkehrten Vorzeichen also, doch die Elf von Mirko Slomka zeigte auch im Weserstadion, dass sie sich diese Position redlich verdient hatte. Als "Truppe ohne Stars" gilt sie bei der Konkurrenz, doch das Kollektiv funktioniert eben. Und mit Didier Ya Konan haben sie einen abgebrühten Stürmer in den Reihen, der bereits elf Mal getroffen hat. Auch wieder gegen Werder. "Didier hat toll gespielt, obwohl er die ganze Woche nicht richtig trainieren konnte", lobte auch Innenverteidiger Emanuel Pogatetz.

Stabile Defensive und gefährliche Konter

Und auch wenn Werder 67 Prozent der Bälle für sich behaupten konnten, so standen die 96er hinten trotz der Bremer Offensivbemühungen sicher und schlugen punktuell mit gefährlichen Kontern zu. Dass nicht mehr als ein Treffer für Hannover heraussprang, lag jedoch auch am starken Auftritt des Werder-Keepers Sebastian Mielitz.

Und so konnte es der wiedergenesene Jan Schlaudraff auch mit Humor nehmen, dass seine Großchance kurz vor Schluss von einer Grätsche des herausstürmenden Mielitz vereitelt wurde: "Er hat klar den Ball getroffen, ich bin selbst auf die Nase gefallen", sagte Schlaudraff und lachte. Dass man bei den "Roten" die Fröhlichkeit wiedergefunden hat, freut dabei selbst die Konkurrenz.

Augenzwinkernd zum Klassenerhalt

"Es war sehr einschneidend, was die 96er im letzten Jahr erlebt haben", sagte Werder-Coach Thomas Schaaf, "und unter diesem Druck hat die ganze Mannschaft lange gelitten. Jetzt wirkt sie wie befreit, vieles ist von ihnen abgefallen und der Spaß am Fußball ist wieder da. Und man merkt, dass sie durch die schwere Zeit als Mannschaft zusammengewachsen sind."

Trotz ihres Höhenfluges steht allerdings nicht zu befürchten, dass die Niedersachsen die Bodenhaftung verlieren werden. Denn anstatt hochtrabende Ziele auszurufen, denken sie nur an die nächste Partie gegen Kaiserslautern.

"Dann holen wir drei Punkte und feiern den Klassenerhalt", sagte Schlaudraff mit einem Augenzwinkern. Christian Schulz wird dann ganz sicher mitjubeln. Und in den Mannschaftsbus Richtung Hannover ist er am Sonntag auch gestiegen. Ganz freiwillig, übrigens.

Petra Philippsen