Jens Nowotny hat so manches Topspiel auf dem Platz miterlebt. 231 Mal lief er in der Bundesliga für Bayer Leverkusen auf und hielt dabei die Abwehr zusammen. Dazu kommen noch 48 Einsätze für die deutsche Nationalmannschaft.

Für bundesliga.de blickt Jens Nowotny auf das anstehende Spitzenduell, analysiert die Lage seines ehemaligen Vereins und bewertet die Wichtigkeit des neuen Leverkusener Abwehrchefs Sami Hyypiä.

bundesliga.de: Herr Nowotny, wie sehen Sie die momemtane Situation von Bayer Leverkusen?

Jens Nowotny: Es erinnert mich an die vergangene Saison, als Bayer ebenfalls mit schönem und erfolgreichen Fußball für Furore gesorgt hat. In der Vorrunde hat alles gepasst, von System bis zum harmonischen Zusammenspiel. Das ist momentan auch der Fall.

bundesliga.de: Bis Leverkusen unter Bruno Labbadia in der Rückrunde einbrach. Könnte sich das wiederholen?

Nowotny: Nein, denn mit Sami Hyypiä wurde ein Spieler verpflichtet, an dem sich die anderen Spieler absolut orientieren können. Es ist seine Erfahrung, seine Ausstrahlung und seine Dominanz auf dem Platz, die ihn ausmacht. Seine Spielart ist unspektakulär, aber alles was er macht hat Hand und Fuß.

bundesliga.de: Sehen Sie Unterschiede zwischen Jupp Heynckes und Labbadia, der bekanntlich nun Trainer des kommenden Gegners ist?

Nowotny: Offensichtliche Unterschiede sind nicht erkennbar. Ob nun 4-4-2, 4-3-3 oder 0-8-17 gespielt wird, spielt keine Rolle. Nicht das System, sondern die Spielertypen sind entscheidend. Bayer spielt offensiv, kombinationsstark und zielstrebig, vergangene Saison genauso wie jetzt auch. Sami Hyypiä macht den Unterschied.

bundesliga.de: Und was halten Sie vom starken Hamburger SV?

Nowotny: Die machen momentan die gleiche Entwicklung wie Leverkusen in der vergangenen Saison, als Bruno Labbadia noch da war. Sie spielen sehr guten Fußball. Fragt sich nur, ob sie ebenfalls solch einen Einbruch erleben werden wie damals Bayer. Der HSV muss auch in der Rückrunde 90 Minuten lang marschieren können, ohne seine Kräfte zu überziehen.

bundesliga.de: Die schweren Verletzungen von Mladen Petric, Romeo Castelen und Paolo Guerrero erschweren die Situation in Hamburg zusätzlich.

Nowotny: Aber sie haben auch nach der Verletzung von Paolo Guerrero gute Spiele abgeliefert. Der Ausfall von Petric ist eine andere Hausnummer. Wenn ein wichtiger Spieler wie er in so einer guten Phase ausfällt, stellt sich natürlich die Frage, ob man das kompensieren kann. Ich denke, die Mannschaft ist so gefestigt, dass sie das schaffen wird.

bundesliga.de: Und wie gefestigt ist Ihr ehemaliger Verein? Wie sehen Sie die Kombination zwischen Mannschaft und Trainer?

Nowotny: Sehr vielversprechend. Die Erfahrung, die letztes Jahr gefehlt hat, ist nun da. Zudem kann Jupp Heynckes mit jungen Spielern umgehen. Dazu eben noch Hyypiä in der Abwehr - die gesamte Kombination passt und könnte auch in Zukunft greifen.

bundesliga.de: Aber oftmals scheitert die Mischung aus Erfahrung und Jungend. Warum nicht bei Leverkusen?

Nowotny: Weil im spielerischen Bereich alles stimmt. Ich habe mit René Adler, Tranquillo Barnetta und Gonzalo Castro gesprochen. Sie bestätigen, dass es zwischen Mannschaft und Trainer passt. Hinten die Erfahrung und vorne die jungen Stürmer.

bundesliga.de: Wie wichtig ist Hyypiä für Manuel Friedrich, auch in Bezug auf die WM 2010 in Südafrika?

Nowotny: Für Manuel ist Sami Hyypiä Gold wert. An ihm kann er sich orientieren und bringt so automatisch konstant gute Leistungen.

bundesliga.de: Also kommt Manuel Friedrich dank Hyypiä zurück in die Nationalmannschaft?

Nowotny: Nicht nur er. Wenn die spielerische Qualität bei Leverkusen so bleibt, dann hat Manuel Friedrich mit Hyypiä einen Spieler an seiner Seite, der ihn in die Nationalmannschaft hieven kann, durchaus. Und gerade auf der Innenverteidigerposition besteht in der Nationalmannschaft ein Engpass.

bundesliga.de: Und wie stehen die Chancen von Stefan Kießling?

Nowotny: Was er macht gefällt mir. Er muss im Verein seine Leistungen bringen und ruhig sein. Und genau das macht er auch. Wenn er die Qualität weiterhin hält, dann ist er bei der WM dabei. Er muss jetzt nichts fordern. Das bringt überhaupt nichts und deshalb macht er es auch nicht.

bundesliga.de: Wäre Bayer für Sie, wenn auch in der Rückrunde diese Leistungen gebracht würden, ein Meisterschaftskandidat?

Nowotny: Natürlich. Vor allem in den Heimspielen steckt viel Potential. Und je näher die Entscheidung rückt, desto euphorischer werden die Fans sein.

Das Gespräch führte Barnabas Szöcs