München - Wenn es so ist, dass der Angriff Spiele, die Abwehr aber Meisterschaften gewinnt, dann ist der FC Bayern wieder einmal auf einem guten Weg. Im Gegensatz zum stürmenden BVB begnügen sich die Münchner überwiegend mit Ergebnisfußball, der weniger spektakulär daherkommt, aber genauso effektiv ist.

Als Prototyp des nüchternen FCB-Stils könnte herhalten, als sich die Elf von Trainer Pep Guardiola lange Zeit schwertat, die Lücke zu finden. Verlassen können sie sich beim FCB jedoch immer auf die individuelle Qualität eines Franck Ribery, Arjen Robben oder Thomas Müller. Am vergangenen Samstag war es Letzterem vorbehalten, den Ball nach schöner Vorarbeit von Ribery über die Linie zu drücken.

"Jerome spielt auf einem sehr, sehr hohen Niveau"



Während Pep Guardiolas Schützlinge in der Offensive noch nicht den Power-Fußball aus der Vorsaison bieten, steht die Abwehr keinen Deut unsicherer. Gerade einmal zwei Gegentreffer, darunter Dantes unglückliches Eigentor gegen Mönchengladbach, stehen nach sieben Spieltagen zu Buche - exakt so viele waren es auch nach sieben Spieltagen im vergangenen Jahr.

Ein Grund, warum sich die gegnerischen Sturmreihen regelmäßig die Zähne an der Bayern-Defensive ausbeißen, ist die Konstante in der Innenverteidigung. Neben Dante ist dort seit geraumer Zeit Jerome Boateng gesetzt - und der zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen regelmäßig zurück. "Jerome spielt verlässlich auf einem sehr, sehr hohen Niveau", lobte zuletzt Matthias Sammer den 25-Jährigen.

Zusammen mit Dante setzt Boateng die Vorgaben seines Trainers, schon früh die gegnerischen Offensivspieler zu attackieren, perfekt um. Der durchschnittliche Abstand des letzten Verteidigers zur eigenen Torauslinie beträgt beim Guardiola-Team 43,1 Meter, damit stehen die Münchner in der Bundesliga am höchsten (Analyse).

Antonio Rüdiger adelt Boateng



Das bajuwarische Gegenpressing, das teilweise jenseits der Mittellinie stattfindet, zeigt Wirkung: Beim Sieg gegen Wolfsburg ließen die Gastgeber nur vier Torschüsse zu - und wenn doch mal jemand durchkam, stand Boateng als Fels in der Brandung. "Ich bin ein bisschen entspannter geworden", erklärt er im "kicker" sein Erfolgsgeheimnis . "Ich habe gemerkt, dass ich in meinem Spiel ruhiger geworden bin, geduldiger - mit und ohne Ball."

Wo Boateng früher Trainer und Kollegen mit eine Laissez-fair-Einstellung auf die Geduldsprobe stellte, klärt er nun konsequent und schnörkellos. "Auch im Aufbau habe ich mich verbessert", sagt der Halbbruder des Neu-Schalkers Kevin-Prince. So leitete sein 40-Meter-Pass in den Fuß von Ribery im Champions-League-Finale gegen den BVB den Siegtreffer der Münchner ein.

Boatengs Wandlung vom "Bruder Leichtfuß" zur stabilen Größe in der Bayern-Abwehr wird ligaweit anerkannt. Für Stuttgarts Verteidiger Antonio Rüdiger ist der Nationalspieler sogar das Maß der Dinge: "Jerome Boateng ist für mich derzeit eindeutig der beste deutsche Innenverteidiger. Er ist sehr stabil, bringt alles mit. Jerome kommt auch aus Berlin, er ist ein Vorbild für mich."

"Ich möchte meinen Platz nicht hergeben"



Dank seiner Stabiliät ist Boateng mittlerweile auch in der Nationalmannschaft unumstritten. Während er lange Zeit auf der rechten Abwehrseite aushelfen musste, setzte ihn Bundestrainer Joachim Löw zuletzt nur noch in der Innenverteidigung ein. Klar, dass für den Modellathleten die WM in Brasilien das große Ziel ist. "Ich möchte meinen Platz nicht hergeben. Mein Ziel ist es, bei der WM einen Stammplatz in der Innenverteidigung zu haben. Aber ich fordere diesen nicht verbal ein. Ich will ihn mir durch Leistung verdienen."

Zunächst einmal ist Boateng aber in der Champions League gefordert. Gegen Manchester City will er den zweiten Sieg im zweiten Gruppenspiel holen. "Es ist sicherlich eine der stärksten Mannschaften in Europa, wenn man sich den Kader ansieht. Genau solche Spiele brauchen und wollen wir. Und wir wollen auch in Manchester gewinnen, weil wir die Qualität dazu haben", sagt er gegenüber bundesliga.de. Und nicht zuletzt will Boateng den "Citizens", bei denen er 2010/11 unter Vertrag stand, beweisen, dass er mittlerweile zu einem Weltklassespieler gereift ist.

Johannes Fischer