Gelsenkirchen - Nach dem Halbfinale der Champions League gegen Manchester United muss sich der FC Schalke 04 wieder dem Liga-Alltag zuwenden, wo es die nächste Aufgabe in sich hat. Die "Knappen" müssen beim FC Bayern München antreten.

Vor der Partie beim Rekordmeister hat bundesliga.de mit Olaf Thon gesprochen, der während seiner aktiven Zeit in der Bundesliga für beide Clubs die Schuhe schnürte. Der ehemalige Mittelfeldspieler und Weltmeister von 1990 schaut einerseits auf die Partie gegen den FCB voraus, beleuchtet aber auch noch einmal die 0:2-Pleite gegen ManU in der "Königsklasse" und den anstehenden Abschied von Schalkes Torwart Manuel Neuer.

bundesliga.de: Herr Thon, Schalke 04 hat im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals gegen Manchester United mit 0:2 verloren. Sicherlich keine optimale Ausgangsposition für das Rückspiel, oder?

Olaf Thon: Das sehe ich genauso. Die erste Viertelstunde habe ich noch gedacht, dass ein Unentschieden vielleicht möglich wäre, weil Schalke da gut mitgehalten hat, aber je länger das Spiel dauerte, umso gefährlicher wurde Manchester und zwang Manuel Neuer zu Glanzparaden im Fünf-Minuten-Takt. Im Prinzip war es eine Frage der Zeit, wann er mal einen Schuss durchlassen musste. Das 0:2 geht so in Ordnung. Schalke hat jetzt allerdings so gut wie keine Chance mehr, ins Finale zu kommen.

bundesliga.de: Wie groß ist die Enttäuschung?

Thon: Man ist schon enttäuscht, aber das war im Vorfeld abzusehen. Von daher ist die Enttäuschung nicht allzu groß.

bundesliga.de: Also keine große Ernüchterung auf Schalke?

Thon: Es ist schon eine große Ernüchterung, aber nur aufgrund der Tatsache, dass Manchester wirklich eine super Truppe hat und höchstwahrscheinlich auch die einzige Mannschaft ist, die Barcelona stoppen kann.

bundesliga.de: Und der Finaleinzug ist Ihrer Meinung nach nicht mehr möglich?

Thon: Es sieht so aus. Alle, die etwas anderes sagen, sind Träumer, wobei Träume ja auch ab und zu mal in Erfüllung gehen, wie das zum Beispiel im Viertelfinale in Mailand der Fall war. Aber ManU ist nicht mit Inter Mailand zu vergleichen und nach diesem Spiel ist Manchester für mich der ganz große Favorit auf den Titelgewinn.

bundesliga.de: Alex Ferguson hat nach dem Spiel über Manuel Neuer gesagt, dass es die beste Leistung eines Torhüters gewesen sei, die er bislang gesehen habe. Wie sehen Sie das?

Thon: Wenn der Sir das sagt, wird das wohl stimmen. Aber wir hier in Deutschland wissen ja, dass Manuel Neuer nicht nur dieses eine Spiel eine fantastische Leistung gezeigt hat, sondern dass er so schon in zahlreichen Spielen aufgetreten ist und so auch den FC Schalke ins DFB-Pokalfinale gebracht hat. Ohne seine tollen Reflexe wäre Schalke auch viel tiefer in den Abstiegskampf verwickelt. Vielleicht hat Alex Ferguson ja nach dem Spiel beim Shake-Hands noch mal nachgefragt, ob Manuel Neuer nicht Edwin van der Sar beerben möchte. Wer weiß?

bundesliga.de: Also ist es Ihrer Meinung nach noch nicht sicher, dass er zu den Bayern wechseln wird?

Thon: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie weit die Verhandlungen zwischen Neuer und den möglichen Interessenten schon fortgeschritten sind. Aber Manchester United ist natürlich ein ganz großer Name.

bundesliga.de: Wohin es geht, steht noch nicht fest, aber sicher ist, dass Manuel Neuer den FC Schalke 04 zum Saisonende verlassen wird. Können Sie diesen Entschluss verstehen?

Thon: In der heutigen Zeit ist das nicht mehr so wie damals zu meiner Zeit. Ich habe mit Schalke und Bayern nur zwei Vereine gehabt. Der Prototyp des modernen Fußballers ist für mich Michael Ballack, der die Stationen Chemnitz, Kaiserslautern, Leverkusen, Bayern und Chelsea durchlaufen hat und jahrelang Kapitän der Nationalmannschaft war. Dem eifert Manuel Neuer nun ein wenig nach, um, wie er selbst gesagt hat, sich weiterzuentwickeln. Das ist im modernen Fußball Normalität geworden, dass sich junge Spieler bei großen Vereinen weiterentwickeln.

bundesliga.de: Sind unter diesem Gesichtspunkt die besten Entwicklungsmöglichkeiten beim FC Bayern München gegeben?

Thon: Auch bei Schalke wäre Manuel Neuer quasi kontinuierlich in einem internationalen Wettbewerb vertreten. Sollte der Pokalsieg gegen Duisburg gelingen, wäre der Club auch in der nächsten Saison international dabei. Ich denke, es ist für Manuel Neuer einfach eine Weiterentwicklung und da wäre der FC Bayern in Deutschland die Adresse. Bei Schalke war er nun über 20 Jahre lang und von daher muss man ihm zugestehen, auch etwas Neues kennenlernen zu wollen.

bundesliga.de: Können Sie denn die Enttäuschung der Fans auch in diesem Ausmaß der vergangenen Tage verstehen?

Thon: Das hielt sich ja noch in Grenzen. Auch gegen Manchester wurde er ja mit viel Beifall empfangen. Die Fans erkennen die Leistungen der vergangenen Jahre an und sind auch zum Teil stolz, dass Schalke so einen tollen Spieler aus der eigenen Jugend hervorgebracht hat.

bundesliga.de: Am kommenden Samstag geht es für Manuel Neuer und den FC Schalke zum FC Bayern München. Auf was für eine Partie dürfen sich die Fans freuen?

Thon: Ich denke, es wird ein Spiel unter vollkommen verschiedenen Gesichtspunkten. Auf der einen Seite steht der FC Bayern, der unbedingt gewinnen muss, um an Hannover vorbeiziehen zu können und Platz 3 und die Qualifikation zur Champions League zu erreichen. Auf der anderen Seite steht Schalke 04, das in der Liga nichts mehr erreichen kann und sich voll auf das Rückspiel gegen Manchester konzentriert, um eventuell doch noch das Wunder zu schaffen. Die einzige Frage, die sich mir stellt ist die, ob Manuel Neuer die Null halten kann oder ob die Bayern S04 deutlich schlagen. Ich persönlich denke, dass letzteres eintreten wird, denn alle Vorzeichen deuten auf einen klaren Sieg der Bayern hin.

bundesliga.de: Wie stehen Ihrer Meinung nach denn die Chancen für den FC Bayern, noch in die Champions League zu kommen?

Thon: Jetzt gegen Schalke stehen die Chancen, wie gesagt, gut, dass der FC Bayern gewinnen wird. Die Mannschaft ist gut und hat Qualität, hat aber weiterhin Probleme in der Defensive. Daniel van Buyten, Anatoliy Tymoshchuk und Holger Badstuber hatten in der Innenverteidigung ihre Schwächen. Auch Luiz Gustavo, der für dieses Spiel zwar gesperrt sein wird, ist in meinen Augen kein Innenverteidiger, auch wenn er diese Position in den vergangenen Wochen häufig bekleidet hat. Dennoch denke ich, dass sie den 3. Platz noch erreichen werden.

bundesliga.de: Glauben Sie denn, dass Ralf Rangnick wie beim letzten Bundesliga-Spiel gegen Kaiserslautern wieder ein paar Leistungsträger schonen wird?

Thon: Das kann ich mir gut vorstellen, auch wenn es im Hinspiel ja nicht von Erfolg gekrönt war. Dennoch wird Ralf Rangnick jetzt schon das Rückspiel in Old Trafford im Sinn haben, ebenso wie das Endspiel im DFB-Pokal. Das sind die wichtigsten Spiele für Schalke in der auslaufenden Saison.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig