München - Noch fällt es Philipp Lahm schwer, über die EM zu sprechen. Das Finaltrauma bedrückt die traurigen Helden von Bayern München nach wie vor. Doch zu einer EM-"Depression" soll es nicht kommen. Spätestens ab Samstagabend, wenn die acht Nationalspieler des deutschen Rekordmeisters im Trainingslager der DFB-Auswahl in Tourettes/Südfrankreich erwartet werden, "geht der Blick wieder nach vorne", versprach Kapitän Lahm am Dienstag nach dem "Arjen-Robben-Wiedergutmachungsspiel".

Doch nicht nur Lahm machte der Fußball-Nation, die sich seit dem "Drama dahoam" in der Champions League um die angeknackste Psyche der Bayern sorgt, und Bundestrainer Joachim Löw Hoffnung auf eine Trotzreaktion. "Natürlich tut das jetzt noch sehr weh. Aber es ist gut, dass wir zur Nationalmannschaft fahren. Da haben wir ein neues, großes Ziel. Wir kommen voll motiviert", kündigte Toni Kroos an.

"Wir sind ehrgeizig, wir wollen Erfolg"



Man werde die Zeit bis Samstagabend noch nutzen, "um abzuschalten und die Niederlage zu verarbeiten, aber beim Turnier werden wir in Topform sein", sagte der Mittelfeldspieler - und Lahm ergänzte: "Wir sind Leistungssportler, wir sind ehrgeizig. Wir wollen Erfolg. Das ist unsere Motivation. Wir werden den Spannungsbogen wieder aufbauen." Der 28-Jährige sieht in der Teilnahme an der EM in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) sogar einen Vorteil: "Das ist besser, als jetzt vier Wochen in den Urlaub zu fahren."

Auch Holger Badstuber schickte eine frohe Botschaft an Löw: "Er muss sich überhaupt keine Sorgen machen." Kollege Thomas Müller sieht noch "genügend Zeit" bis zum Auftaktspiel am 9. Juni in Charkow gegen Portugal, um das Trauma zu verarbeiten.

Anreise der Bayern am Samstag



Die EM sei "ein Riesenereignis", sagte Müller, "das Finale wird uns nicht beeinflussen. Vor zwei Jahren hat das ja auch ganz gut funktioniert." 2010 hatten die Bayern ebenfalls das Champions-League-Finale verloren, damals gegen Inter Mailand (0:2), und anschließend eine gute WM in Südafrika gespielt. Diesmal sitzt der Schock nach dem bitteren 3:4 im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea aber weitaus tiefer. Für Müller kein Grund, der Chance "zu lange nachzutrauern. Sonst schafft man es bei der EM nicht."

Neben Müller, Lahm, Badstuber und Kroos hat Löw noch Mario Gomez, Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger und Jerome Boateng nominiert. Ursprünglich war die Anreise der Bayern für Freitag geplant, aber der Bundestrainer gewährte ihnen einen weiteren Tag zur Erholung, obwohl seine Vorbereitung dadurch noch mehr durcheinandergerät. Am Sonntag werden die Münchner zum Einstieg mit ihren Kollegen das Formel-1-Rennen in Monaco besuchen.

Teammanager Oliver Bierhoff hofft auf eine "Jetzt-erst-recht"-Einstellung. "Jetzt sind sie vielleicht noch hungriger darauf, den einen noch möglichen Titel zu holen", sagte er und fügte mit Blick auf die tragische Final-Figur Bastian Schweinsteiger an: "Ich fürchte nicht, dass Bastian daran zerbricht. Er wird wieder zu Kräften kommen, das Lachen wird auch in sein Gesicht zurückkehren."

"Mitleid brauchen sie nicht"



Am Dienstagabend hatte Schweinsteiger wegen einer gegen Chelsea schon in der fünften Spielminute erlittenen Muskelquetschung in der Wade passen müssen. Für die EM soll aber keine Gefahr bestehen - auch psychisch nicht, so Bierhoff, der von einer problemlosen Integration der Bayern ausgeht: "Da mache ich mir keine Sorgen. Es wird wichtig für sie sein, dass wir normal mit ihnen umgehen, denn Mitleid brauchen sie nicht."

Auch für Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ist es "sehr gut, dass jetzt eine EM folgt. Ich bin überzeugt, dass sie gut spielen werden." Deutschland brauche die Bayern.

Beim Länderspiel am Samstag in Basel gegen die Schweiz werden die Münchner definitiv fehlen. Ob sie bei der EM-Generalprobe gegen Israel am 31. Mai in Leipzig dabei sein werden, ist offen. Das Trainingsprogramm ab kommender Woche soll individuell gestaltet werden.