München - Acht Tage haben genügt, um die Bayern-Welt aus den Fugen geraten zu lassen. Acht Tage, die man an der Säbener Straße am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würde - die jedoch mindestens bis zum Saisonende ihre Nachwirkungen haben werden. Die drei Niederlagen gegen Borussia Dortmund, Schalke 04 und Hannover 96 haben die Müncher so schmerzhaft getroffen, dass die Club-Verantwortlichen am Montag entschieden, ihren Cheftrainer Louis van Gaal nach der laufenden Spielzeit aus dessen Vertrag zu entbinden.

Dabei war die Bayern-Welt nach dem Champions-League-Hinspiel bei Inter Mailand, das der FCB 1:0 gewann, noch halbwegs in Ordnung. Die Meisterschaft hatte man zwar abgeschrieben, doch Rang 2 war ebenso in Sichtweite wie das Pokalfinale in Berlin. Die "katastrophalen acht Tage" (Karl-Heinz Rummenigge) ließen die scheinbar heile Bayern-Welt einstürzen wie ein fragiles Kartenhaus.

Offensivkraft hat nachgelassen

Doch wie kam es zu dieser unerwarteten Pleitenserie? Welche Indizien lassen sich aus den "nackten" Zahlen ableiten? bundesliga.de vergleicht die aktuelle Saison mit der vergangenen, erfolgreichen Spielzeit und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis.

In den Offensivaktionen waren die Münchner in der Meistersaison fast von keiner anderen Mannschaft zu toppen. 72 Treffer (2,12 Tore pro Spiel), 54 Prozent Schussgenauigkeit und 18,1 Prozent Chancenverwertung blieben unerreicht - lediglich bei der Anzahl der Torschüsse (396) landeten die Schützlinge von van Gaal nur auf Platz 5.

In dieser Statistik hat der FC Bayern in der aktuellen Spielzeit (298 bis zum 25. Spieltag) sogar die Nase vorn - ansonsten sieht das Bild schon etwas anders aus: Mit 51 Treffern (2,04 pro Spiel), 17 Prozent Chancenverwertung und einer Schussgenauigkeit von 49,3 Prozent befindet sich die Münchner zwar immer noch in den ersten fünf Rängen - doch ligaspitze sind sie jetzt nicht mehr.

Olic-Ausfall trifft Bayern hart

Die Konsequenz: Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel sammelte der Rekordmeister nie so wenige Punkte in den ersten 25 Spielen wie aktuell (42). Verglichen mit der vergangenen Saison unterscheidet sich der Rekordmeister vom Personal nur in Details - bis auf eine große Ausnahme. Ivica Olic, ein Garant für das Double 2010, musste im Herbst wegen eines Knorpelschadens unters Messer und konnte dem Team nicht helfen. Dabei war der Stürmer, der immer wieder durch seinen unbändigen Willen besticht, in 41 Pflichtspielen an 27 Toren (19 Tore, 8 Vorlagen) beteiligt und hatte gehofft "an meine Leistung der vergangenen Saison anknüpfen zu können".

Das größte Problem des FC Bayern stellt jedoch die Defensive dar. Die Münchner kassierte schon zwei Gegentore mehr (33) als in der kompletten letzten Spielzeit. Unter van Gaal landeten 2009/10 in der Bundesliga nie mehr als zwei Bäll pro Spiel im eigenen Netz. In der laufenden Saison war dies bereits in Gladbach, in Stuttgart, zuhause gegen Dortmund und in Hannover der Fall.

FC Bayern zu "brav"

Dabei sind die Probleme teilweise hausgemacht: Mit Jörg Butt hatte der FCB in der Vorsaison den besten Keeper der Liga, der 79,4 Prozent der Bälle hielt. Bis zu seiner Verbannung auf die Bank war Butt in der laufenden Saison allerdings um 14 Prozent schlechter, so dass Thomas Kraft eine Bewährungschance erhielt. Der junge Keeper machte seine Sache zunächst hervorragend, zeigte zuletzt jedoch Unsicherheiten.

Zudem wurde mit Mark van Bommel der Kapitän, der in kritischen Situationen häufig voran ging, in der Winterpause abgegeben - ebenso wie Martin Demichelis. Entsprechend handzahm agierte der FCB, der in der aktuellen Saison erst 297 Fouls (rund zwölf pro Spiel) beging - mit Abstand die wenigsten ligaweit. In der Vorsaison waren es rund 15 pro Partie.

Es bleibt fraglich, ob die Bayern ohne die "Kampfschweine" van Bommel und Olic diesen wichtigen Hebel umlegen können. Für das Erreichen des Minimalziels Platz 3 wären aber genau diese Tugenden vonnöten.

Johannes Fischer