"Uns wäre am liebsten, wir müssten nur noch klatschen", hatte Uli Hoeneß die Latte auf der Suche nach dem Nachfolger von Jürgen Klinsmann sehr hoch gelegt.

Die Wahl fiel auf Louis van Gaal, und nach einer schwierigen Startphase, in der die Entscheidung für den Niederländer nach dem schlechtesten Saisonstart des FC Bayern München seit vier Jahrzehnten auf den Prüfstand gekommen war, haben sich Mannschaft und Trainer mittlerweile gefunden und eilen von Sieg zu Sieg.

Erfolgreiche Revanche für die Schmach

14 Spiele ist der Rekordmeister in der Liga in Folge unbesiegt, und seit Ex-Manager Hoeneß ins Amt des Präsidenten gewechselt ist, gab es ausschließlich Siege. Statt auf der Bank sitzt der 53-Jährige mittlerweile auf der Tribüne - und kann sich aufs Beifallsspenden beschränken.

So auch am Samstag in Wolfsburg, wo der FC Bayern mit einem 3:1 beim amtierenden Deutschen Meister Revanche nahm für die 1:5-Schmach aus dem Vorjahr, in der Grafite mit der Hacke zum "Tor des Jahres" traf und damit dem erfolgsverwöhnten Team von der Isar noch einen besonderen Stich versetzt hatte.

"Die strotzen vor Selbstbewusstsein"

Damals jubelte (fast) ganz Deutschland mit den "Wölfen", kein Jahr später lobt der Verlierer den Sieger. "Wir wollten richtig Gas geben und sind tief enttäuscht, aber die Bayern sind im Moment in einer super Form - die strotzen vor Selbstvertrauen", erkannte Sascha Riether die Überlegenheit der Gäste an.

"Die Bayern spielen in einer anderen Liga", ging Team-Kollege Marcel Schäfer noch einen Schritt weiter. Und Wolfsburgs Trainer empfahl seiner Mannschaft, die Bayern zum Vorbild zu nehmen. "Diese Laufbereitschaft, das Zusammenspiel und vor allem die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor...", lobte Lorenz-Günther Köstner den Gegner: "Da müssen wir hin. Wir haben es den Bayern zu einfach gemacht."

Den ungefährdeten Erfolg in der Volkswagen Arena schossen Arjen Robben (2.), Daniel van Buyten (26.) und Franck Ribery (57.) heraus, für die "Wölfe" sprang nicht mehr als der Ehrentreffer von Grafite in der Schlussminute heraus.

Van Gaal: "Das war arrogant"

Acht Siege in Folge, 3:1 beim Meister gewonnen, nur noch zwei Tore Rückstand auf Tabellenführer Bayer Leverkusen... Da müsste doch auch der Sieger in die Lobeshymnen der Verlierer einstimmen.

Weit gefehlt: "Wir haben nicht gut gespielt. Nach einem 2:0 darf man nicht so nachlassen. Wir haben zu viele Chancen zugelassen. Das hätten auch Tore sein können. Da bin ich ein wenig böse", kritisierte ausgerechnet van Gaal seine Mannschaft, die er selbst nach schlechten Spielen zu Beginn der Saison immer gelobt hatte, und legte noch einen drauf: "Das war arrogant!"

Ein Vorwurf, den Matchwinner Arjen Robben nicht auf der Mannschaft sitzen lassen wollte: "Arroganz finde ich sehr übertrieben", so der Niederländer, gab aber zu: "Es ist richtig, wir haben zu viele Chancen ausgelassen, aber wir sind auch nur Menschen. Und wenn wir jedes Mal drei Tore schießen, dann ist doch alles gut", weist der 26-Jährige auf die vergangenen Wochen mit 23 Toren in acht Spielen hin.

"Richtig, dass er die Finger in die Wunde legt"

In der Führungsetage kommt van Gaals Kritik jedoch gut an. "Es ist richtig, dass er die Finger in die Wunde legt. Solche Fehler gerade in der Abwehr bedeuten in der Champions League das sichere Aus", kommentierte der Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge die Aussagen des Trainers.

Und der übernimmt mittlerweile auch eine weitere Rolle des Ex-Managers: Ganz wie Hoeneß in besten Zeiten als "Sprachrohr der Liga", tritt van Gaal auf die Euphoriebremse und erdet seine Spieler.

"Wichtig ist, konzentriert zu spielen. In einem Spiel können wir die Arbeit von Monaten kaputtmachen. Das werde ich nicht zulassen", begründet van Gaal gegenüber bundesliga.de seine Kritik und sorgt so dafür, dass sich der Präsident auch in Zukunft aufs Klatschen konzentrieren kann.

Aus Wolfsburg berichtet Jürgen Blöhs