Köln -  Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen liefern sich ein packendes Fernduell um Platz 3, der die direkte Qualifikation zur Champions League garantiert.

bundesliga.de hat Jürgen Gelsdorf zum Interview gebeten, der beide Vereine trainiert hat. Mit der Werkself qualifizierte er sich für den damaligen UEFA-Cup, die Fohlen führte er 1992 in DFB-Pokalfinale. Heute ist der 62-Jährige im Jugendbereich von Bayer 04 als Leiter des Leverkusener Leistungszentrums tätig.

"Die Borussia spielt eine überragende Saison"

bundesliga.de: Herr Gelsdorf, wie schätzen Sie die Ausgangssituation der beiden Vereine vor den letzten vier Bundesliga-Spielen ein?

Jürgen Gelsdorf: Man muss beiden Clubs erst einmal ein Kompliment aussprechen. Wenn ich mit meinem Club Bayer Leverkusen anfange: Wir haben jetzt schon mindestens Platz 4 und die Entscheidungsspiele zur Champions League geschafft. Danach sah es zu Beginn der Rückrunde ja noch nicht unbedingt aus. Aber wir haben es toll gemacht und noch alle Möglichkeiten, Dritter zu werden. Womit ich schon bei Borussia Mönchengladbach bin. Es wird schwer für Bayer 04 Dritter zu werden, weil die Borussia eine überragende Saison spielt. Sie sind unheimlich stabil. Man kann nur den Hut davor ziehen, was sich in Mönchengladbach in den letzten Jahren entwickelt hat. Ich freue mich vor allem auch für Max Eberl, den ich früher trainiert und dessen Weg ich verfolgt habe. Ich habe ihm die Daumen gedrückt, dass er diesen Weg geht. Ich glaube, dass er für die Entwicklung der letzten Jahre in Mönchengladbach maßgeblich verantwortlich ist.

bundesliga.de: Sind Sie auch ein bisschen überrascht darüber, wie konstant beide Vereine seit Monaten spielen und punkten?

Gelsdorf: Am Ende des Tages darf eine Mannschaft in einer Meisterschaft keine großen Ausreißer nach oben oder unten haben. Ein Superspiel gehört in einer Saison immer dazu, aber wenn man dem dann drei unterdurchschnittliche Partien folgen lässt, kann man sich nichts dafür kaufen. Es spricht für beide Mannschaften, dass sie es verstanden haben, defensiv stabil zu stehen und nach vorne erfolgreich und gut zu spielen. Es ist eine alte Weisheit: Wenn du hinten Kraut und Rüben spielst, dann kannst du vorne nicht erste Sahne abgeben. Das funktioniert am Ende des Tages nicht. So viele gute Offensivaktion kann man nie haben, wenn man hinten nicht stabil ist.

"Für Hertha wird es gegen Gladbach ganz schwer"

bundesliga.de: Am Wochenende muss Mönchengladbach nach Berlin, Leverkusen empfängt den FC Bayern. Macht die Pokalniederlage der Bayern die Aufgabe für die Werkself noch schwerer?

Gelsdorf: Das Pokalspiel hat bei den Bayern sicher auch Wirkung hinterlassen. Aber selbst wenn sie es gewonnen hätten, haben sie aus der letzten Saison gelernt. Letztes Jahr wurde ja nach der früh feststehenden Meisterschaft der Bayern behauptet, dass sie den Wettkampfmodus ein bisschen runtergefahren haben. Ich denke, das wird für unsere Mannschaft am Samstag ein sauschweres Spiel, weil man nie bei den Bayern sagen kann, dass sie sich von Ausfällen beeindrucken lassen. Das hat Porto erfahren müssen. Als viele dachten, Bayern würde wackeln und wäre müde, haben sie Porto weggehauen. Es ist und bleibt Bayern München. Vielleicht führt gerade dieses Ausscheiden dazu, dass sie noch konzentrierter sind. Die Aufgabe wird für Leverkusen also sehr schwer. Aber wir haben im Pokalspiel vor ein paar Wochen gesehen, dass unsere Mannschaft das eine Tor und den Sieg verdient gehabt hätte, weil sie besser war und ein tolles Spiel gemacht hat. Wenn sie diese Leistung wiederholt, hat sie alle Chancen, das Ding dann auch einmal zu gewinnen. Das wäre wichtig, um an Gladbach dranzubleiben. Ich glaube, dass es für Hertha ganz schwer wird, gegen die Borussia etwas zu holen. Beide Mannschaften werden sich vor dem kleinen Endspiel am 32. Spieltag gegeneinander keine Blöße geben.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Chancen von Bayer 04 ein, die Borussia noch abzufangen?

Gelsdorf: Wir haben alle Möglichkeiten, auch wenn es schwer ist, in Mönchengladbach zu gewinnen. Wir haben da zwar immer gut ausgesehen, aber das hat auch nicht so viel zu bedeuten. Es wird wirklich ein kleines Endspiel. Das Schöne ist, dass wir unsere Position aus eigener Kraft verbessern können, auch wenn es ein Auswärtsspiel ist. Trotzdem gibt es auch danach noch schwere Spielen gegen Hoffenheim und in Frankfurt zu bewältigen.

"Kramer wird für Gladbach Vollgas geben"

bundesliga.de: Für den Noch-Gladbacher und Bald-Leverkusener Christoph Kramer wird das Spiel noch eine delikate Angelegenheit. Was erwarten Sie von ihm?

Gelsdorf: Der Chris hat genau das gesagt und wiederholt, was wir den jungen Spielern auch mitgeben. Das Eine hat nichts mit dem Anderen zu tun. Er spielt für Borussia Mönchengladbach und ist der Borussia sehr dankbar für die Zeit. Er konnte da den Schritt weitermachen. Jeder in Leverkusen hat natürlich dafür Verständnis, dass er in dem Spiel Vollgas gibt. Das muss auch so sein. Wir würden das ja auch umgekehrt erwarten. Ich hoffe nur, dass er nicht gegen uns das Tor trifft.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass die Mannschaft, die das Spiel am 32. Spieltag gewinnt, auch am Ende Dritter wird?

Gelsdorf: Ja, das denkeich schon. Wenn Mönchengladbach in Berlin gewinnt, uns danach schlägt und Platz 3 klarmacht, dann haben sie es auch verdient. Dann hätten sie die Bayern, Wolfsburg und uns geschlagen. Dann können sie es auch genießen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski