Frankfurt - Wenn in der Bundesliga-Geschichte einer weiß, wie man im eigenen Stadion gegen Bayern München bestehen kann, dann ist es Karl-Heinz Körbel. 19 Jahre lang blieb der Bundesliga-Rekordspieler (602 Einsätze für Eintracht Frankfurt) gegen die Bayern ungeschlagen, dann riss 1989 die Serie. bundesliga.de bat den "treuen Charly" zum Interview über den Klassiker Eintracht Frankfurt gegen Bayern München, der am Samstag zum 43. Mal in der Mainmetropole steigt.

bundesliga.de: Herr Körbel, wie oft haben Sie im Trikot der Eintracht im alten Waldstadion gegen die Bayern verloren?

Karl-Heinz Körbel: 19 Jahre lang überhaupt nicht.

bundesliga.de: Hat sich denn der aktuelle Eintracht-Trainer Armin Veh schon bei Ihnen gemeldet und über einen Einsatz gesprochen?

Körbel: Ich habe gestern mit ihm darüber gesprochen. Wir haben aber jetzt einen ganz neuen Plan. Im Stadion wurde gerade komplett der neue Rasen verlegt. Ich habe Armin vorgeschlagen, dass wir einfach die beiden Tore weglassen. Vielleicht merkt das keiner. Das wäre doch die beste Lösung. Dann geht das Spiel 0:0 aus. Armin Veh hat gesagt, dass er das sofort per Handschlag annehmen würde.

bundesliga.de: Eine gute Idee. Wie ist denn die Stimmung in Frankfurt nach dem 1:6 zum Auftakt bei Hertha BSC?

Körbel: Sonntag und Montag herrschte noch eine riesige Enttäuschung vor, weil keiner mit einem solchen Ergebnis gerechnet hat. In der letzten Saison hatten wir eine kompakte Mannschaft, alles lief positiv. Dann fährst Du nach Berlin und bekommst sechs Stück und vier Lattenschüsse. Alle waren geschockt. Klar ist es möglich gegen die Hertha zu verlieren, zumal die Berliner schon immer nicht gerade zu unseren Lieblingsgegnern gehörten. Die Spiele waren früher auch schon merkwürdig. Ich habe zu meiner aktiven Zeit auch einmal gegen Hertha mit 0:5 zur Halbzeit zurückgelegen. Das ist für uns ein komischer Gegner. Genau umgekehrt läuft es gegen Bayern München. Egal, welche Eintracht-Mannschaft gegen die Bayern gespielt hat, sie hatte immer ihre Chance. Das ist von der Tradition her einfach so. Das war 19 Jahre lang so, bis der "Auge" (Klaus Augenthaler, die Red.) mit seinem Fernschuss von der Mittellinie meine Serie kaputt gemacht hat.

bundesliga.de: Sie glauben also an eine Chance der Eintracht, zumal die Bayern noch nicht wirklich eingespielt zu sein scheinen.

Körbel: Angst und bange kann einem werden, wenn ein Ribery und Robben solche Freiräume bekommen, wie sie der Herthaner am letzten Samstag hatten. Dann schießen die uns als Alleinunterhalter auch ab. Dann brauchen wir auch nicht über die Münchener Abwehrprobleme zu reden. Man hat gesehen, wie stark die Bayern sind, welches Tempo sie gehen. Wir sind ja in Berlin eingebrochen, weil wir nicht in die Zweikämpfe gekommen sind. Die Eintracht muss am Samstag schlau spielen. Wir sollten keinen offenen Schlagabtausch mit den Bayern suchen, sondern die Bayern beschäftigen, so lange es 0:0 steht. Ich habe mich mit Jupp Heynckes letzte Woche anlässlich der DFL-Gala 50 Jahre Bundesliga unterhalten. Wir hätten schon beim letzten Spiel, bei dem Schweinsteigers Hackentor die Meisterschaft der Bayern perfekt machte, etwas holen können. In der letzten Viertelstunde haben die Bayern so gewackelt, wenn wir den Ausgleich machen, gewinnen wir sogar das Spiel. Das hat er mir bestätigt. Die Bayern haben schon Respekt vor der Eintracht. Wir müssen versuchen, dieses Spiel wie ein Pokalspiel anzugehen. Es muss ein besonderes Spiel werden. Wir müssen in die Zweikämpfe kommen und die Zuschauer begeistern. Was nicht passieren darf, ist ein Rückstand.

bundesliga.de: Was denken Sie über die alte Fußballweisheit, nach der das zweite Jahr für einen Aufsteiger das schwerere ist?

Körbel: Vielleicht war das Spiel in Berlin ein Warnschuss zur richtigen Zeit. Wir wissen jetzt, dass es nicht ausreicht, nur körperlos zu spielen. Wir hatten eine tolle Vorbereitung. Alle haben geglaubt, dass wir eine tolle Mannschaft haben. Ich auch. Wir haben eine prima Stimmung. Aber Bundesliga ist etwas ganz Anderes. Da muss man sich an jedem Spieltag beweisen. In Berlin fehlte diese Verbissenheit, die uns im letzten Jahr ausgezeichnet hat. Genauso wie Hertha gespielt hat, haben wir im letzten Jahr zum Saisonstart gegen Leverkusen gespielt. Die große Frage ist, ob wir schon weiter sind. Oder kommen die Probleme im zweiten Jahr. Jetzt kommt noch die Europa League dazu. Dann hat man gar keine Zeit mehr, man muss sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen. Es gibt die warnenden Beispiele aus der vergangenen Saison von Stuttgart und Hannover, die auf einmal unten drinsteckten.

bundesliga.de: Und das Auftaktprogramm der Eintracht mit den beiden schweren Heimspielen gegen Bayern und Dortmund und vier Auswärtspartien hat es zusätzlich in sich.

Körbel: Das stimmt. Man weiß nicht, was gegen Bayern passiert. Braunschweig wird wahrscheinlich in Dortmund verlieren. Und dann muss die Eintracht nach Braunschweig. Dann geht es schon los.

bundesliga.de: Machen Sie sich Sorgen, dass es für die Eintracht eng werden könnte?

Körbel: Das glaube ich nicht. Es kann sein, dass man nach fünf Spielen Tabellen-Vorletzter ist. Dann läuft man erst einmal hinterher. Und genau das wollten wir vermeiden. Es ist dann nicht so einfach, wieder zwei, drei Spiele nacheinander zu gewinnen, um wieder Anschluss zu finden. Unser Ziel muss ein Platz zwischen Rang 7 und 12 sein. Das ist realistisch, wenn alles optimal läuft.

bundesliga.de: Wo landen die Bayern?

Körbel: Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, werden die Bayern Meister. Der Kader ist doppelt und dreifach gut besetzt. Der Kampf um die Plätze ist enorm, alle wollen in die Mannschaft. Die Bayern sind in der Lage, den meisten Gegnern ruckzuck vier bis fünf Gegentore zu verpassen. Der einzige Club, der Paroli bieten könnte, ist Borussia Dortmund. Alle anderen kommen da nicht ran.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski