Köln - Simon Rolfes ist ein Vorbild an Vereinstreue. Im kommenden Sommer aber beendet der langjährige Kapitän von Bayer 04 Leverkusen seine Profi-Laufbahn. Im Interview mit bundesliga.de spricht Rolfes über seine Wünsche für die letzten Monate seiner Karriere, über das neue Spielsystem von Bayer und über die Dominanz vom FC Bayern München.

bundesliga.de: Herr Rolfes, Sie haben Bayers Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt und werden den Verein im Sommer verlassen. Wie lange haben Sie sich mit dieser Entscheidung herumgeschlagen?

Simon Rolfes: Das musste länger reifen, und bin ich sehr froh, dass die Sache mittlerweile raus und für alle Beteiligten klar ist. Der Verein kann sauber planen, und ich kann mich auf meine Zukunft konzentrieren.

bundesliga.de: Haben die Verletzungen der vergangenen Jahre zu Ihrer Entscheidung beigetragen?

Rolfes: Nein, so möchte ich das nicht sagen. Ich fühle mich wieder topfit, aber mir war immer klar, dass ich meine Gesundheit nicht bis zum Letzten ausreizen möchte. So weit mich meine Knochen irgendwie tragen - so lange will ich nicht Fußball spielen. Denn ich möchte mein weiteres Leben gesund genießen und auch später noch ein bisschen Sport treiben können. Zudem habe ich mir immer vorgenommen, bis zum letzten Tag meiner Laufbahn auf Top-Niveau spielen zu können. Später noch über die Dörfer zu tingeln - das wäre nichts für mich. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Und meine neue Aufgabe reizt mich schon sehr.

"Habe bereits eine eigene Firma gegründet"

bundesliga.de: Erzählen Sie bitte von dieser Aufgabe...

Rolfes: Ich mache mich im Bereich "Karriere-Management für Sportler“ selbstständig. Wobei es nicht nur darum geht, junge Sportler auf ihre bevorstehende Karriere vorzubereiten und sie während ihrer Karriere zu betreuen, sondern auch darum, Sportlern nach ihrer Karriere mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Gerade dann gelingt es manch einem nicht, sein durchaus vorhandenes Potenzial adäquat zu nutzen. Bei dieser Aufgabe unterstützt mich ein Partner, der Fond-Manager ist und die Sportler in Sachen Finanzmanagement beraten soll.

bundesliga.de: Das bedeutet, dass sich Ihre und Bayers Wege erst einmal trennen werden?

Rolfes: Ja. Das soll mein ganz eigenes Ding werden. Ich habe mit "Olympia - The Career Company“ bereits eine eigene Firma gegründet.

bundesliga.de: Noch bleiben fünf Monate als Aktiver, kommt bereits ein wenig Wehmut auf?

Rolfes: Noch nicht. Aber am Ende wird mit Sicherheit ein wenig Wehmut dabei sein. Dafür war und ist der Fußball einfach ein zu großer Teil meines Lebens.

"Nie bereut, so lange für Bayer zu spielen"

bundesliga.de: ...und denken Sie bei jedem Auswärtsspiel daran, dass Sie hier nun das letzte Mal auflaufen?

Rolfes: Ich denke eher "Simon, hier musst Du jetzt nie mehr hin, hier haben wir ohnehin meist schlecht ausgesehen“ (lacht). Nein, Spaß beiseite. Mir ist schon klar, dass sich die "letzten Male" jetzt häufen werden.

bundesliga.de: Sie haben zehn Jahre für Bayer gespielt. Das ist eine - für einen Topspieler - seltene Vereinstreue. Aktuell fallen einem noch Sebastian Kehl beim BVB oder Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger bei den Bayern ein, die aber konnten sich mit ihren Clubs Titelträume erfüllen...

Rolfes: Ich habe nie bereut, dass ich so lange für Bayer spiele. Natürlich wäre es wunderbar gewesen, wenn ich mit Bayer einen Titel hätte holen können. Aber wer weiß, vielleicht klappt es ja noch in dieser Saison. Es war aber nie mein Bestreben für drei Jahre beim Branchenführer zu unterschreiben und damit gleichzeitig den einen oder anderen Titel garantiert zu bekommen. Ohne die herausragenden Leistungen der Bayern schmälern zu wollen - es imponiert mir doch mehr, was Sebastian geschafft hat. Der BVB hat Titel geholt, ohne dass man unbedingter Favorit gewesen wäre. Übrigens habe ich bei Werder Bremen 2004 die Meisterschale und den Pokal wenigstens mal in den Händen halten dürfen, auch wenn ich damals nur Kaderspieler war (lacht).

bundesliga.de. "Vielleicht klappt es in dieser Saison": Da denken Sie wohl eher an den DFB-Pokal denn an die Meisterschaft, die schon zur Winterpause entschieden scheint?

Rolfes: Ich glaube dennoch, dass die Bundesliga immer spannend und interessant bleiben wird. Man kann den Münchnern ihre herausragende Qualität nicht vorwerfen. Die Bayern haben sich das über die Jahre bzw. Jahrzehnte hart erarbeitet. Dem Wahnsinn, den einige große europäische Vereine verfallen sind, hat man sich immer verweigert und stattdessen wirtschaftlich solide gearbeitet. Heute zahlt sich das aus. Den Sprung in die internationale Spitzenklasse müssen nach den Bayern nun auch die anderen Top-Clubs der Bundesliga schaffen, um nicht nur Chancen auf den nationalen Titel, sondern vielleicht sogar auf die Champions League zu haben. So, wie das vor zehn Jahren in England war, als alle vier teilnehmenden Premier League-Klubs zu den Topfavoriten auf den Champions League-Titel zählten. Denn ich glaube nicht, dass es einer Liga schadet, wenn sich vier, fünf Mannschaften ein Stück weit absetzen können.

"Mittendrin in dieser Phase der Entwicklung"

bundesliga.de: Als Dritter gehört Bayer zwar zu dieser Gruppe, die Punkteausbeute ist aktuell aber schlechter als zum selben Zeitpunkt der vergangenen Saison. Und der Hurra-Stil der ersten Saisonwochen scheint einer eher pragmatischen Spielweise gewichen zu sein...

Rolfes: Ich glaube, dass wir über einen normalen Entwicklungsprozess sprechen. Der Trainer (Roger Schmidt; d. Red.) hat unser Spielsystem sozusagen auf den Kopf gestellt. Vor allem in der Hinrunde der vergangenen Saison haben wir einen sehr effizienten Konter-Fußball gespielt. Damals stimmten die Abläufe bis ins kleinste Detail. Jetzt aber haben wir unser System komplett umstrukturiert, von einem auf Konter ausgerichteten Fußball zu einem Fußball, der sich durch ein offensives Pressing auszeichnet. Dieser Prozess braucht Zeit. Und wir befinden uns mittendrin in dieser Phase der Entwicklung.

bundesliga.de: Wie sollte dieser Prozess voranschreiten, damit es im Mai für Sie ein schöner Abschluss Ihrer Karriere wird?

Rolfes: Sollte mein letztes Spiel tatsächlich in Berlin beim Pokalfinale stattfinden, und sollten wir die Champions League erreichen, wäre ich sehr, sehr zufrieden. Und es wäre besonders schön, wenn wir auf dem Weg dorthin weiter tollen Offensivfußball zeigen könnten, der die Fans von den Sitzen reißt. Das würde mir zum Abschluss wirklich großen Spaß bereiten!

bundesliga.de: In der Champions League wartet im Achtelfinale mit dem Vorjahresfinalisten Atletico Madrid ein dicker Brocken; wird auch das ein großer Spaß?

Rolfes: Warum nicht?! Das sind doch die ganz besonderen Spiele! Atletico hat eine tolle Mannschaft. Offensiv vielleicht nicht so stark wie Real Madrid oder Barcelona, aber defensiv hervorragend organisiert und taktisch sehr variabel. Es kommt nicht von ungefähr, dass Atletico in der vergangenen Saison Real und Barca in der Meisterschaft hinter sich lassen und zudem das Champions League-Finale erreichen konnte. Und auch in dieser Saison hat man sicher wieder als Gruppenerster fürs Achtelfinale qualifiziert. Wirklich eine ganz tolle Mannschaft!

Das Gespräch führte Andreas Kötter