München - "Vizekusen": Das Image des "Ewigen Zweiten" haftet Bayer 04 Leverkusen an wie kaum ein anderes. Der Vorwurf: Die Spieler des Vereins immer sind genau dann, wenn es darauf ankommt, dem Druck nicht gewachsen und lassen Möglichkeiten, nach beeindruckenden Serien oder Saisons auch Titel und Erfolge zu sammeln, geradezu fahrlässig aus.

Eine kurze Geschichtsstunde. Die "Vizekusen"-Saga nahm im Jahr 2000 in Unterhaching seinen Anfang. Als Tabellenführer verlor Leverkusen bei den Münchner Vorstädtern, während der FC Bayern nur wenige Kilometer entfernt seine Chance wahrte und Werder Bremen bezwang. Schon ein Remis hätte Bayer zur ersten Meisterschaft gereicht.

Eine kurze Geschichte des Scheiterns

2002. Champions League-Finale, DFB-Pokal-Finale, Bundesliga-Tabellenführer vor dem 33. Spieltag. Dass die Mannschaft nach dem dramatischen Ende der besten Saison der Vereinsgeschichte ohne Titel dastand, toppte alles zuvor Dagewesene und brachte Bayer endgültig den Stempel ein, im entscheidenden Moment Nerven zu zeigen - auch damals stand ein Auswärtsspiel in Nürnberg an, das 0:1 verloren ging.

Leverkusen musste diese Schmach erst verdauen, bis sie 2009/10 einen erneuten Anlauf auf den Titel unternahmen. Bis zum 23. Spieltag war der Tabellenführer ungeschlagen - dann ging es nach Nürnberg, wo das Team erstmals verlor. Nur ein Sieg aus den letzten sechs Spielen reichte der Konkurrenz, Bayer sogar noch den sicher geglaubten Champions-League-Platz wegzuschnappen.

In dieser Spielzeit heißen die beiden Spitzenteams der Liga Dortmund und Leverkusen. Sie sind die einzigen Mannschaften, die über einen langen Zeitraum Konstanz zeigen, während alle anderen Teams immer wieder Dürreperioden überstehen müssen. Schaut man genauer hin, wird auch in dieser Saison erkennbar: Leverkusen hatte schon mehrmals die Chance, den Dortmundern auf den Pelz zu rücken. An nur vier Spieltagen ließ Dortmund Punkte liegen. Jedes Mal stand der Punktverlust des BVB bereits fest, als Leverkusen die Gelegenheit hatte, diesen auch auszunutzen. Das Ergebnis: Magere vier Punkte aus vier Spielen.

Spielverderber FCN

Nürnberg, immer wieder Nürnberg. 2002, 2010 und jetzt auch in dieser Saison mimte der FCN Leverkusens Spielverderber. Was sind aber die Gründe für die überraschende Niederlage beim "Club"? Der mentale Druck durch schwächelnde Konkurrenz oder wirklich die Franken, die der "Werkself" einfach nicht leigen? Oder beides?

Weder, noch. Die eigentlichen Faktoren für die Pleite haben eine viel simplere, fußballerische Natur. Denn trotz Siegen gegen Mönchengladbach und Hannover zeigte sich Leverkusen nach der Winterpause nicht in Bestform und auch beim direkten Duell mit Dortmund gab es keinen Zweifel darüber, wer derzeit Deutschlands Nummer eins ist.

Erneut eine große Chance vertan

Nürnberg hingegen spielt zuhause eine bärenstarke Runde und wusste genau, wie den zuletzt schwächelnden Ballkünstlern vom Rhein mit unbändigem, teils übertriebenen Einsatz und Zweikampfhärte beizukommen ist. Auch Trainer Jupp Heynckes beschwerte sich: "Die Nürberger haben getreten. Arturo Vidals Knöchel ist so dick, wie ich das selten gesehen habe!" Noch mehr enttäuscht war man auf Bayer-Seite jedoch über die eigene Leistung. "Wir tun uns schon die ganze Rückrunde schwer", gestand Sportdirektor Rudi Völler ein.

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Bayer sein Dilemma mit wichtigen Spielen oder sein Dilemma mit Nürnberg überwinden kann, sondern eher Fragen, die das eigene Auftreten betreffen. Wie schwer wiegt der Ausfall von Tranquillo Barnetta oder die Formschwäche von Sidney Sam wirklich? Sind Stefan Kießling, Sami Hyypiä und Michael Ballack nach ihren langen Verletzungen wirklich schon wieder in der Lage, dauerhaft zentrale Verantwortungspositionen zu übernehmen? Oder die Frage, ob es nicht einfach mal wieder an der Zeit war, dass auch Bayer auswärts ein Spiel verliert - wenn auch wieder genau zum falschen Zeitpunkt. "Wir haben eine große Chance vertan!" klagte Völler zu Recht.

Christoph Gschoßmann